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Patientenfall
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CAR-T-Zellen gegen drei Autoimmunerkrankungen

Die Therapie mit CAR-T-Zellen ist eine individualisierte Therapie, die zur Behandlung B-Zell-induzierter Krebsarten eingesetzt wird, wenn gängige Therapien ausgeschöpft sind. Ein Fall aus Erlangen zeigt nun, dass auch ein Einsatz gegen B-Zell-vermittelte Autoimmunerkrankungen möglich ist.
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 15.04.2026  15:00 Uhr

Für eine CAR-T-Zelltherapie werden dem Patienten T-Zellen entnommen und gentechnisch mit einem chimären Antigen-Rezeptor (CAR) ausgestattet, der bestimmte Antigene erkennt, zum Beispiel auf Krebszellen. Nach der Reinfusion sollen die CAR-T-Zellen gegen diese Krebszellen wirken. CAR‑T‑Zellen können auch gezielt Antigene auf B‑Zellen erkennen, weshalb sie experimentell oder im Rahmen individueller Heilversuche auch zur Korrektur des Immunsystems bei schweren Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden.

Dass diese Behandlung erfolgreich sein kann, zeigt nun ein Patientenfall, über den Mediziner um Dr. Isabel K. Korte vom Universitätsklinikum Erlangen kürzlich im Fachjournal »Cell« berichteten. Eine 47-jährige Patientin wurde 2014 mit einer autoimmunhämolytischen Anämie (AIHA), bei der die Erythrozyten vom Immunsystem attackiert werden, diagnostiziert. Ein Jahr später erkrankte sie zusätzlich an einem Antiphospholipid-Syndrom (APS). Durch die körpereigenen Angriffe auf Phospholipid-Protein-Komplexe, beispielsweise Gerinnungsfaktoren, benötigte die Patientin eine dauerhafte Antikoagulation. 2019 kam noch eine Immunthrombozytopenie hinzu.

Im Laufe der Zeit erhielt die Patientin insgesamt neun verschiedene Therapien, in dem Versuch, die Antikörperproduktion zu unterbinden. Doch weder mit Corticosteroiden noch mit verschiedenen Immuntherapeutika, darunter Rituximab, Azathioprin oder Mycophenolatmofetil, ließen sich anhaltende Erfolge erzielen. Trotz fortlaufender Therapie war die Patientin auf tägliche Bluttransfusionen angewiesen.

Da alle drei Autoimmunerkrankungen der Patientin B-Zell-vermittelt sind, schlugen die Ärzte schließlich einen individuellen Therapieversuch mit CAR-T-Zellen vor, die sich gegen CD19 auf der Oberfläche von B-Zellen richten. Fünf Tage vor der CAR-T-Zellinfusion erhielt die Patientin eine unterstützende Chemotherapie, bestehend aus Fludarabin und Cyclophosphamid, um bereits einen Teil der B-Zellen zu eliminieren.

Beeindruckende Genesung

Nach der einmaligen Infusion von Zorpocabtagen autoleucel (Zorpo-cel, enthält 1.000.000 CAR-T-Zellen/kg Körpergewicht) erholte sich die Patientin so rasch, dass eine Entlassung aus dem Krankenhaus nach zehn Tagen möglich war. Zorpo-cel beseitigte die für die Autoantikörperbildung verantwortlichen B-Zellen sehr effektiv – deutlich effektiver als das gegen CD20 gerichtete Rituximab.

Nebenwirkungen wie ein Zytokin-Freisetzungssyndrom (CRS) oder Infektionen im Nachgang der Therapie traten nicht auf. Lediglich die Transaminasen stiegen an. Nach sieben Tagen erhielt die Patientin ihre letzte Erythrozyten-Transfusion. Bis Tag 25 hatte sich der Hämoglobinwert normalisiert. Die Marker für das Antiphospholipid-Syndrom sanken ebenfalls langsam ab und sind seither negativ. Marker der autoimmunhämolytischen Anämie waren nach 28 Tagen nicht mehr nachweisbar und die Thrombozytenwerte stiegen ab Tag 65 wieder an. Die Antikoagulation, die in niedriger Dosierung beibehalten wurde, konnte an Tag 320 beendet werden.

Neue B-Zellen bildeten sich erst nach Absterben der CAR-T-Zellen nach zehn Monaten. Labortests zeigten, dass diese neuen B-Zellen zu 98 Prozent »naiv« waren, das heißt, nicht in der Lage waren, Autoantikörper zu bilden.

Auch ein Jahr nach der Therapie benötigte die Patientin keine Transfusionen oder anderweitige Behandlungen mehr. Einzig die Zahl der Leukozyten blieb erniedrigt und die Leberenzyme erhöht. Dies führen die Mediziner allerdings eher auf die über zehn Jahre andauernden verschiedenen Immuntherapien zurück.

»Die Schnelligkeit und das Ausmaß des Ansprechens waren bemerkenswert«, sagt Dr. Fabian Müller, korrespondierender Autor. »Wir glauben, dass ein früherer Einsatz der CAR-T-Therapie bei Patienten mit schweren Autoimmunerkrankungen dazu beitragen könnte, Komplikationen zu verhindern, die durch jahrelange erfolglose Behandlungen entstehen.«

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