| Theo Dingermann |
| 28.09.2026 09:00 Uhr |
Mit veränderten T-Zellen soll bei Patienten mit Stiff-Person-Syndrom die pathologische Immunreaktion unterdrückt werden. / © Getty Images/Dr_Microbe
In einer Pressemitteilung berichtet das Unternehmen Kyverna Therapeutics über positive klinische Ergebnisse seines Entwicklungskandidaten Mivocabtagene autoleucel (miv-cel oder KYV-101). Danach könnte eine einmalige CAR-T-Zelltherapie bei schweren neurologischen Autoimmunerkrankungen längerfristige klinische Verbesserungen ermöglichen und den Bedarf an chronischer Immuntherapie deutlich reduzieren.
Darauf weisen neue Ein-Jahres-Daten des US-Biotechnologieunternehmens hin, das diesen Ansatz beim Stiff-Person-Syndrom (SPS) und bei generalisierter Myasthenia gravis (gMG) getestet hat. Die Informationen stammen allerdings bislang ausschließlich aus der Pressemitteilung des Unternehmens. Vollständige wissenschaftliche Präsentationen sollen auf kommenden Fachkongressen folgen.
Miv-cel ist eine autologe, gegen CD19 gerichtete CAR-T-Zelltherapie mit vollständig humaner Bindungsdomäne und CD28-Kostimulation. Ziel ist eine tiefgreifende Depletion von B-Zellen und damit ein weitgehender »Reset« des krankheitsrelevanten B-Zell-Kompartiments. Anders als bei einer dauerhaft verabreichten Immunsuppression soll eine einzige Behandlung ausreichen, um die Autoimmunaktivität längerfristig zurückzudrängen. Nach Unternehmensangaben wurden bislang mehr als 100 Patienten mit unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen mit miv-cel behandelt.
Besonders weit fortgeschritten ist die Entwicklung beim SPS. Das Syndrom ist eine seltene, meist progrediente neurologische Autoimmunerkrankung, die durch eine ausgeprägte Muskelsteifigkeit und schmerzhafte, teils durch Berührung, Geräusche oder emotionalen Stress ausgelöste Muskelspasmen gekennzeichnet ist. Die Erkrankung kann Rumpf und Extremitäten betreffen und im Verlauf zu erheblichen Einschränkungen von Gang, Gleichgewicht und Mobilität führen. Immunologisch finden sich bei vielen Betroffenen hohe Titer von Autoantikörpern gegen die Glutamat-Decarboxylase GAD65, ein Schlüsselenzym der Synthese des inhibitorischen Neurotransmitters GABA. Daneben kommen weitere Autoantikörper vor.
In der einarmigen Phase-II-Studie KYSA-8 erhielten 26 erwachsene SPS-Patienten, die auf mindestens eine vorherige Immuntherapie nicht ausreichend angesprochen hatten, einmalig miv-cel. Primärer Wirksamkeitsendpunkt war die Veränderung im Timed 25-Foot Walk Test (T25FW) nach 16 Wochen. Bei diesem standardisierten und quantitativen Test werden die Mobilität und die Beinfunktion beurteilt, nachdem der Patient aufgefordert wurde, eine Strecke von 25 Fuß (7,62 Meter) so schnell und sicher wie möglich zurückzulegen. Zusätzlich wurden Behinderung, Muskelsteifigkeit, Hypersensitivität und Mobilität anhand verschiedener klinischer Scores erfasst.
Die bereits zuvor berichtete deutliche Verbesserung der Gehfähigkeit blieb über ein Jahr erhalten. Im T25FW betrug die mediane Verbesserung gegenüber dem Ausgangswert nach 16 Wochen 46 Prozent und nach zwölf Monaten 49 Prozent. Der Unterschied gegenüber Baseline war statistisch signifikant (p<0,0001).
Von den Patienten, die bei der Primäranalyse eine klinisch relevante Verbesserung von mehr als 20 Prozent erreicht hatten, behielten 95 Prozent diesen Effekt nach einem Jahr. Mehr als ein Drittel absolvierte den Gehtest inzwischen in weniger als fünf Sekunden. Von zwölf Patienten, die vor der Behandlung eine Gehhilfe benötigten, kamen nach einem Jahr acht (67 Prozent) weiterhin ohne Gehhilfe aus.
Bemerkenswert ist zudem der geringe Bedarf an weiterer Immuntherapie: 92 Prozent der Patienten benötigten nach einem Jahr keine chronische SPS-Immuntherapie mehr. Nach Angaben von Kyverna traten weder hochgradige Zytokinfreisetzungssyndrome (CRS) noch hochgradige Fälle des Immune-Effector-Cell-Associated Neurotoxicity Syndrome (ICANS) auf.
Kaum eine seltene neurologische Erkrankung ist in den vergangenen Jahren so stark in die öffentliche Wahrnehmung gerückt wie das Stiff-Person-Syndrom. Das hat vor allem mit einer Patientin zu tun: Céline Dion. Die kanadische Sängerin hatte ihre Diagnose Ende 2022 öffentlich gemacht, nachdem zunehmende Muskelsteifigkeit und Spasmen ihre Beweglichkeit und schließlich auch ihre Fähigkeit zu singen und aufzutreten beeinträchtigt hatten. Tourneetermine wurden abgesagt, und Dion zog sich weitgehend von der Bühne zurück.
Umso bemerkenswerter ist ihr derzeitiges Comeback. Am 12. September 2026 begann Dion in der Plénitude Arena bei Paris ihre erste reguläre Konzertserie seit sechs Jahren. Zum Auftakt trat sie vor 35.000 Zuschauern auf. Weitere Termine sind bis Oktober vorgesehen, eine zweite Serie folgt im Mai 2027.
Dass eine Patientin mit SPS wieder eine derart anspruchsvolle Bühnenproduktion bewältigen kann, illustriert eindrucksvoll, wie unterschiedlich der Verlauf der Erkrankung sein kann und was intensive symptomatische Therapie und Rehabilitation ermöglichen können.
Dass diese Daten ausgerechnet während Céline Dions Rückkehr auf die Konzertbühne erscheinen, verleiht der Entwicklung eine ungewöhnliche Aktualität. Dabei besteht sogar eine direkte Verbindung zur Forschung: Über ihre Stiftung finanzierte Dion an der University of Colorado einen Stiftungslehrstuhl für SPS-Forschung. Dessen erste Inhaberin, die Neurologin Professor Dr. Amanda Piquet, ist zugleich die leitende Prüfärztin der KYSA-8-Studie.
Eine Verbindung zwischen Dions persönlicher Behandlung und miv-cel ist dagegen nicht belegt. Auf die ausdrückliche Frage, ob die Sängerin die CAR-T-Therapie erhalten habe, verweigerte Kyverna-CEO Warner Biddle unter Hinweis auf ihre Privatsphäre eine Auskunft.
Die zeitliche Parallelität bleibt dennoch bemerkenswert: Während Dion derzeit demonstriert, dass selbst nach erheblichen funktionellen Einschränkungen durch SPS eine Rückkehr auf eine der größten Bühnen der Welt möglich sein kann, nähert sich erstmals eine Behandlung der Zulassung, die nicht lediglich einzelne Symptome kontrollieren, sondern die zugrunde liegende Autoimmunreaktion durch eine tiefgreifende B-Zell-Depletion langfristig verändern soll. Noch ist offen, wie dauerhaft dieser immunologische Reset tatsächlich ist und welches Langzeitrisiko ihm gegenübersteht.