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Praxisbegleitender Unterricht 

Besser digital oder real?

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie finden Praxisbegleitende Unterrichtsveranstaltungen in diesem Jahr überwiegend digital statt. Rückmeldungen der Organisatoren zeigen: Die Erfahrungen waren größtenteils positiv. Offen bleibt, ob sich die Online-Lehrformate  auch künftig durchsetzen können.
Carolin Lang
09.08.2020  08:00 Uhr

Die Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) schreibt im Rahmen der praktischen Ausbildung die Teilnahme an Praxisbegleitenden Unterrichtsveranstaltungen (PbU) vor. Dies ist eine Voraussetzung für die Anmeldung zum dritten Staatsexamen. Normalerweise finden PbU als Präsenzveranstaltung statt, doch in diesem Jahr zwang die pandemische Lage die Organisatoren, Alternativen zu finden. Teilweise mussten sie die Lehrveranstaltung sogar innerhalb kürzester Zeit umstrukturieren. So hatte der begleitende Unterricht an einigen Standorten wie Hessen, Nordrhein und Rheinland-Pfalz bereits als Präsenzveranstaltung begonnen, als neue geltende Sicherheitsmaßnahmen bekannt wurden. Sie wechselten daher spontan auf  Online-Veranstaltungen.

Auf Nachfrage der PZ gaben fast alle Organisatoren an, dass sie aufgrund der Pandemie vorübergehend auf Online-Lehrformate wechseln mussten oder dies bei den kommenden PbU tun werden. Dieses Vorgehen soll verhindern, dass angehende Apotheker aufgrund ausgefallener Veranstaltungen nicht am dritten Staatsexamen teilnehmen können. An sieben Standorten fand das Lehrformat bereits digital statt, weitere sechs möchten diesem Beispiel folgen. Nur Sachsen plant, den PbU auch weiterhin als Präsenzveranstaltung stattfinden zu lassen. Dies werde in Absprache mit der Berufsgenossenschaft (BGW) unter strenger Einhaltung von Hygieneauflagen geschehen. Hamburg prüft für die anstehenden PbU noch, in welchem Format diese stattfinden können.

Resonanz

Den Angaben der Organisatoren zufolge liefen die PbU bis auf kleinere technische Schwierigkeiten größtenteils problemlos ab. Evaluationen des digitalen Formats in Hessen, Bayern und Berlin bestätigen diesen positiven Eindruck zusätzlich. »Es hat mir gut gefallen. Ich würde gerne weiter online Schulungen besuchen«, kommentierte ein Teilnehmer in Berlin den Web-PbU, wie die Apothekerkammer Berlin in einem Kammerrundschreiben mitteilte. In München sei die Teilnahme an der Evaluation außerdem höher gewesen als bei Präsenzveranstaltungen in der Vergangenheit, so die zuständige Kammer. Außerdem hätten die Teilnehmer dort während des Online-Formats tendenziell mehr Rückfragen gestellt.

In Bezug auf die Lernqualität ist das Empfinden der Teilnehmer jedoch recht unterschiedlich – der eine konzentriert sich besser bei einem digitalen, der andere bei einem realen Format. »Ich finde, dass Präsenzveranstaltungen etwas angenehmer sind, da die Aufmerksamkeit etwas sinkt, wenn man den ganzen Tag vor dem PC sitzt. Im Großen und Ganzen wurde das Problem sehr gut gelöst, aber ich würde mich freuen, bald wieder Präsenzveranstaltungen besuchen zu können, bei denen auch mehr Interaktion möglich ist«, kommentierte ein Teilnehmer des Web-PbU aus Berlin. Ein anderer hingegen äußerte sich: »Ich war sehr begeistert von dem Web-PbU und fand es sogar besser als eine Präsenzveranstaltung. Ich hätte jeden Tag einen sehr langen Anreiseweg gehabt, das Web-Seminar hat mir dies erspart. Außerdem war ich sehr viel konzentrierter zu Hause auf der gemütlichen Couch als auf unbequemen Stühlen in einem Hörsaal.«

Einige Teilnehmer in Berlin begrüßten besonders die entfallende Anreise und die Möglichkeit, von überall an den PbU teilnehmen zu können. »Ich fand es sehr gut! Man spart sich viel Fahrtzeit und die Seminare sind kürzer als beim Präsenzunterricht. Dadurch hat man mehr Zeit, selbstständig einige Themen nochmal genauer nachzuarbeiten.« Auch in Bezug auf die Kosten, die durch Anreise und Unterkunft anfallen können, ist eine Online-Lehrveranstaltung von Vorteil.

Niedersachsen und Nordrhein berichten im Gegenzug, dass der fehlende persönliche Kontakt teilweise ungewohnt gewesen sei. Und auch die Landesapothekerkammer(LAK) Bayern bewertet die ausbleibende persönliche Interaktion und den fehlenden geselligen Aspekt als einen Nachteil des digitalen Formats. In der Vergangenheit hätten die Präsenzveranstaltungen den angehenden Apothekern noch einmal die Möglichkeit geboten, ihre Kommilitonen wiederzusehen, gemeinsam Zeit zu verbringen und sich auszutauschen.

Auch digital konzentriert?

Dr. Ralf Goebel, Moderator des vergangenen Web-PbU in Berlin und Online-Trainer, erklärte in einem aktuellen Rundschreiben der Apothekerkammer Berlin, mit welchen Methoden sich auch ein Web-Seminar abwechslungsreich gestalten lässt. Sofern die eingesetzten Web-Seminar-Plattformen es ermöglichen, sei dies beispielsweise durch interaktive Abstimmungen, Umfragen im Single-Choice- oder Multiple-Choice-Format und Live-Präsentation von Websites möglich. »Ein Live-Web-Seminar kann für die Teilnehmenden auch dann abwechslungsreich und lehrreich sein, wenn Referierende ihr Wissen in anschaulichen Bildern und Praxiserlebnissen transportieren. Für Überraschungen und Originelles – wohl dosiert und passend zum Thema – ist sicherlich jeder Vortragshörer empfänglich, auch online«, sagt er.

Ein wichtiger Faktor zur Erhaltung der Aufmerksamkeit sieht Goebel in der Sicherstellung einer optimalen Ton- und Bildqualität. Durch virtuelle Kommunikationskanäle, wie Chats, Web-Cam und Handsignale lasse sich auch ein Online-Format interaktiv gestalten. Den Teilnehmern in Berlin wurden im Vorfeld der einzelnen Web-Seminare Skripte, Arbeitsblätter und Zusatzmaterialien zum Download bereitgestellt, die eine aktive Mitarbeit während der Web-Seminare fördern sollten. »Die Fokussierung auf die Kernbotschaften in den Web-Seminaren und die Bereitstellung von Materialien zum Selbststudium war somit der zweite zentrale Baustein, um die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit über einen so langen Zeitraum abzusichern«, schildert er.

Zukunftsperspektive

Die Erfahrungen zeigen: Sowohl digitale als auch reale Formate haben jeweils ihre Vorzüge. Die meisten Kammern stehen einer kompletten Umstellung auf ein digitales Format insgesamt eher skeptisch gegenüber. Eine Befürchtung ist, dass die Lerntiefe und -qualität unter digitalen Formaten leiden könnte. Sie befürworten außerdem persönliche Kontakte und den Austausch am gemeinsamen Lernort.

»Online-Formate sind sicherlich eine sinnvolle Ergänzung zu Präsenzveranstaltungen. Einige Formate wie Praxistage und Gruppen- beziehungsweise Falldiskussionen lassen sich hierdurch jedoch bei Gruppengrößen, wie sie in Hessen bei den PbU bestehen (aktuell rund 340 Teilnehmer pro Session), nicht ersetzen. Eine praxisnahe Ausbildung ist daher auch in Zukunft ohne das gezielte Angebot von Präsenzveranstaltungen sicherlich nicht umsetzbar«, heißt es beispielsweise aus Hessen. Die LAK Mecklenburg-Vorpommern ergänzt: »Der Umfang der Veranstaltungen würde eine Online-Beschulung von täglich mindestens acht Stunden über einen Zeitraum von zwei Wochen erfordern. Dieses wäre didaktisch mehr als fragwürdig.«

Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) hingegen sprechen sich prinzipiell dafür aus, digitale Formate in Zukunft in die Unterrichtsveranstaltungen zu integrieren. Das zeigt zumindest die Umfrage nach dem Web-PbU in Berlin. Alle 63 Teilnehmer der Befragung stimmten dafür, Web-Einheiten, zumindest teilweise, auch in künftige PbU aufzunehmen.

 

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