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Statine
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Auslöser für Muskelschmerzen identifiziert

Kanadische Wissenschaftler haben womöglich entschlüsselt, wie es unter einer Statintherapie bei manchen Patienten zu Muskelschmerzen kommt. Sie konnten zeigen, dass Atorvastatin die Calcium-Freisetzung in der Skelettmuskulatur blockiert.
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 09.01.2026  14:30 Uhr

Klasseneffekt möglich

Eine 2022 im »British Journal of Pharmacology« veröffentlichte Studie von Dr. Chris Lindsay von der Universität Oxford legt zudem einen Klasseneffekt nahe. Alle im Vereinigten Königreich verfügbaren Statine – Atorvastatin, Simvastatin, Pravastatin, Fluvastatin und Rosuvastatin – waren in der Lage, skelettale RyR1-Rezeptoren zu aktivieren. Die Forscher nutzten aus Skelettmuskelzellen von Schafen, Mäusen und Kaninchen isolierte RyR1-Kanäle, die in Bindungsessays eingebracht wurden.

Alle Statine konnten die RyR1-Aktivität im Konzentrationsbereich von 100 bis 250 nM im einfachen [3H]Ryanodin-Bindungsassay signifikant erhöhen. Das bereits 2001 vom Markt genommene Cerivastatin zeigte die stärkste Aktivierung des Rezeptors.

Einfluss auf die Genregulation

2020 zeigte eine Untersuchung an der Charité Berlin mit menschlichen Zellkulturen, dass Simvastatin und Rosuvastatin die Regulation von 1800 Genen und infolgedessen auch die Produktion von 900 Proteinen beeinflussen können. Die Gruppe um Dr. Anke Grunwald konnte zeigen, dass verschiedene Prozesse in den Muskelzellen gestört werden. Dazu zählen die Cholesterolbiosynthese, der Fettsäurestoffwechsel sowie Proliferation und Differenzierung menschlicher Muskelzellen. Da auch Muskelzellen eine vollständige enzymatische Ausstattung zur Cholesterolsynthese besitzen, greifen Statine auch dort hemmend ein.

Hinzu kommt eine Beeinträchtigung der Synthese von Eicosanoiden, die unter anderem an der Entwicklung differenzierter Muskelzellen aus Muskelvorläuferzellen, aber auch an der Schmerzentstehung beteiligt sind. Insbesondere wurde eine Herunterregulation der Cyclooxigenase-1 beobachtet, was mit einer verminderten Bildung von Prostaglandinen einhergeht. Dabei zeigte Simvastatin einen deutlich stärkeren Effekt als Rosuvastatin.

Die Zugabe spezifischer Eicosanoide konnte die negativen Effekte teilweise umkehren. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass eine zur Statintherapie begleitende Gabe von Omega-Fettsäuren oder Eicosanoid-Analoga einen protektiven Effekt auf die Muskelzellen haben könnte.

Ungeachtet dieser und der neuen Erkenntnisse zum Skelettstoffwechsel sind Statine ein unverzichtbarer Bestandteil des Arzneimittelschatzes, zumal für Patienten mit »echter« Statin-Unverträglichkeit andere Arzneistoffklassen zur Verfügung stehen. Das Wissen um diese Mechanismen kann aber einerseits zur Therapiesicherheit beitragen, andererseits Wege für die Entwicklung modifizierter Arzneistoffe aufzeigen.

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