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Panikstörung

Wenn die Angst das Leben beherrscht

21.12.2010
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Von Frederik Jötten / Als Polizist war Udo Falke gewöhnt, mit gefährlichen Situationen umzugehen. Dann kam die Angst über ihn – und er traute sich nicht mal mehr zur Toilette.

Es war an einem schönen Urlaubstag vor vier Jahren, als die Angst Besitz nahm von Polizeikommissar Udo Falke, damals 43 Jahre alt. Er fuhr mit dem Auto in Richtung Köln, sein Sohn, damals zwölf, saß auf dem Beifahrersitz. Sie hatten sich beide gefreut auf diesen Tag, der der letzte im alten Leben von Udo Falke werden sollte. Er fühlte sich leicht benommen, kurbelte das Seitenfenster herunter, zu wenig gegessen, dachte er, oder zu wenig getrunken. Sie kamen in Köln an, Falke stellte das Auto vor dem Stadtpark ab. Er stieg aus – es war ihm schwindlig, er spürte sein Herz schneller und schneller schlagen, Schweiß stand ihm auf der Stirn, er musste sich auf das Autodach lehnen, Luft, er schnappte nach Luft, es war ihm, als läge ein Gürtel um seinen Brustkorb, den jemand enger und enger schnürte. Er spürte Stiche in der Brust, die bis in Fingerspitzen pochten – und eine unbändige Angst stieg in ihm auf. Ein Herzinfarkt! »Mir geht es nicht gut, aber es ist bestimmt nichts Schlimmes«, sagte er seinem Sohn und schickte ihn zur Verabredung in den Park.

Heute sitzt Udo Falke in einem Büro im dritten Stock der Polizeidirektion Neuss, brauner Linoleum-Boden, schmucklose Wände, aufgeräumter Schreibtisch, ein Schrank mit schwarzen Aktenordnern. Er trägt ein kurzärmeliges kariertes Hemd, Jeans. Draußen vor der Tür des Gebäudes stehen die anderen, die »richtigen Polizis­ten«, wie Falke sagt, in ihren Uniformen und Streifenwagen. Zu ihnen gehörte er bis zu jenem Tag vor vier Jahren, von dem er jetzt mit ruhiger Stimme erzählt. »Die Männer vom Rettungsdienst legten mich auf die Bahre, und dann wurde ich in die Uniklinik Köln gefahren.« Es folgten ein EKG, ein Ultraschall des Herzens, nichts deutete auf einen Infarkt oder eine andere organische Krankheit hin. Falke erzählte den Ärzten, dass er eventuell zu wenig getrunken habe. Man hängte ihm eine Infusion an, dann wurde er entlassen.

 

Was ist nur mit mir los?

 

Am nächsten Tag, er saß zu Hause auf dem Sofa, kamen die Beklemmung, die Herzstiche, die rasende Panik wieder. Seine Frau fuhr ihn nach Mönchengladbach in die Klinik. Auch hier wurde er ausführlich untersucht, auch hier fanden die Ärzte keinen Defekt. Falke fuhr mit seiner Frau nach Hause. »Was ist nur mit mir los?«, fragte er sie. Beide waren ratlos. Am nächsten Tag, ein Samstag, fing es mit starkem Schwindel an, innerhalb von Minuten war Falke sicher, dass er jetzt sterben würde. Diesmal brachte ihn seine Frau ins Klinikum Krefeld. Hier nahm man ihn stationär auf, machte zusätzlich zu den Herz-Kreislauf- auch Hals-Nasen-Ohren-Untersuchungen, Befund: keine organische Ursache feststellbar. Falke bebte innerlich, die Ärzte, denen er gegenübersaß, hielt er für unfähig. Er war doch krank, kurz vor dem Exitus. Wie konnten die Mediziner die Ursache seiner Krankheit übersehen? Man schickte einen Psychotherapeuten zu ihm ans Bett. Der unterhielt sich kurz mit ihm – und fragte dann, ob er sich vorstellen könne, eine vier- bis sechswöchige stationäre Therapie zu machen.

 

»Da ist bei mir komplett die Schranke gefallen«, sagt Falke. »Verrückt bin ich bestimmt nicht«, habe er dem Psychotherapeuten gesagt. Es folgten Kernspinuntersuchung, Computertomografie, ein Termin beim Kardiologen – doch es wurde keine organische Ursache gefunden. »Kurze Zeit später saß ich beim zuständigen Polizeiarzt – und musste mir eingestehen, dass ich wohl psychisch krank bin«, erzählt Falke. Die Diagnose damals: Panikstörung. Ein Polizist mit Panikattacken, am Steuer eines Streifenwagens, mit einer Pistole im Halfter? Der Polizeiarzt stellte ihn vom Dienst frei.

 

Falke blickt sich in seinem Büro um. »Mein Herz hängt am Streifendienst, aber ich musste einsehen, dass ich dazu nicht mehr in der Lage bin.« Anderthalb Jahre konnte er gar nicht arbeiten. Waffe und Uniform musste er abgeben. »Ich war 25 Jahre bei der Autobahnpolizei gewesen–und plötzlich habe ich mich nicht mehr getraut, mit meinem Wagen auf die Autobahn zu fahren.«

 

Auf dem Heimweg mit Falke in seinem Renault Clio, auf der vorderen Ablage liegen eine Polizistenfigur aus Plüsch und ein Asthma-Spray. »Ich habe einige schwierige Situationen erlebt«, sagt er. Einmal wurden er und ein Kollege zu einem Rastplatz gerufen. Dort stand ein Mann, blutüberströmt, der sich mit dem Messer den Hals aufgeschnitten hatte, er wollte sich umbringen. Falke hielt ihn fest, der Mann wehrte sich mit aller Kraft. Trotzdem konnten die beiden Polizisten ihn von einem weiteren Suizidversuch abhalten, bis der Notarzt eintraf und dem Mann eine Beruhigungsspritze gab. Als die Sanitäter die Bahre an ihm vorbeitrugen, sagt Falke zu ihnen. »Da könnte ich mich jetzt auch drauflegen.« Wenige Minuten später saß er wieder im Streifenwagen, sein Kollege war gelassen, Falke saß innerlich aufgewühlt neben ihm, sagte aber nichts, weil er keine Schwäche zeigen wollte.

 

Nur nicht die Beherrschung verlieren

 

Später dann, zu Hause, empfand er keinen Stolz, mit beherztem Handeln einem Menschen das Leben gerettet zu haben, sondern es quälten ihn Gedanken: »Ich hätte diesen Satz nicht sagen sollen. Die Sanitäter denken jetzt, dass ich ein Weichling bin. Ich hätte besser reagieren müssen.« Die ganze Nacht wälzte er sich im Bett hin und her, konnte kaum schlafen.

Früher Nachmittag, Udo Falke sitzt im Garten hinter dem Reihenhaus, in dem er mit seiner Frau und seinem Sohn wohnt, Vogelgezwitscher, aus der Ferne hört man einen Rasenmäher. »Ich habe mir manchmal gewünscht, in solchen Situationen nicht so beherrscht zu sein«, sagt er. »Irgendwann müssen solche Erlebnisse aufgearbeitet werden. Ich habe das verschleppt – und dann kam es geballt als Panikattacken.« Dieses Verhaltensmuster habe er in seiner Kindheit gelernt.

 

Seine Eltern, Flüchtlinge aus Ostpreußen, fleißig und sparsam, lebten vor, eigene Bedürfnisse zurückzustellen – und erzogen ihren Sohn dazu, es genauso zu machen. »Von klein auf wurde mir eingebläut: ›Sei anständig, fleißig, angepasst – was sollen die Leute sonst von uns denken?‹ Ich wollte perfekt sein, damit ich von allen gemocht wurde.«

 

Falkes Frau Virginia kommt dazu, setzt sich an den Gartentisch. Sie erinnert sich an die Zeit, in der die Panik ihres Mannes den Familienalltag bestimmte. »Vorher hatte er mich gestützt – und auf einmal, war er wie ein Kind, das Hilfe brauchte«, sagt sie. Er ging nicht mehr zur Arbeit, stand manchmal zitternd und weinend vor ihr. Tage und Wochen lag Udo Falke im Bett, starrte an die Decke, stand kaum noch auf. »Was bedrückt dich?«, fragte sie ihn. Er wusste keine Antwort. »Er hatte manchmal sogar Angst, zur Toilette zu gehen«, sagt sie. Falke nickt stumm.

 

Einmal waren sie auf ein großes Fest eingeladen. Doch eine Stunde, bevor sie losfahren wollten, schüttelte Udo Falke den Kopf, er könne nicht mit. »Ich war so enttäuscht«, erzählt sie. »Ich wusste, dass er nichts dafür konnte, aber ich war wütend auf seine Krankheit.« Sie beschloss, sich nicht unterkriegen lassen und alleine zur Party zu fahren. »Am Anfang war es seltsam, so alleine, aber dann habe ich getanzt, gelacht und sehr viel Spaß gehabt – ich kam glücklich nach Hause.« Dort stand Udo Falke vor ihr und fragte: Wie war’s? »Ich habe es ihm erzählt und er hat sich mit mir gefreut«, sagt Virginia. Er lächelt ihr zu, die Lippen aufeinandergepresst.

 

Von anderen lernen

 

Nach dem Abendessen, der Sohn hat sich gerade verabschiedet, sitzen die Falkes gemeinsam auf dem schwarzen Ledersofa im Wohnzimmer. Wie hat Udo Falke es geschafft, seine Angst so weit zurückzudrängen, dass er wieder arbeiten, wieder auf der Autobahn fahren, wieder leben kann? »Meine Frau hat mir immer Mut gemacht, kleine Erfolge gelobt, andererseits war sie auch manchmal streng mit mir.« Die Wende kam aber erst, nachdem Falke einen Psychotherapeuten gefunden hatte – und vor allem eine Selbsthilfegruppe.

 

Am ersten Tag sah er die anderen Teilnehmer aus der Gruppe – und konnte nicht glauben, dass auch sie von Ängsten gequält wurden. Ein Mann, annähernd zwei Meter groß, sportliche Figur, der einen getunten 5er-BMW fährt, erzählte, dass es sein Traum sei, einmal mit dem Auto nach Düsseldorf zu fahren – 20 Kilometer über die Autobahn. »Es hat mir sehr geholfen, andere Leute zu treffen, denen es ging wie mir.«

 

Langsam ging es wieder aufwärts. Erst musste er sich überwinden, zu seiner Frau ins Auto zu steigen und sich zur Selbsthilfegruppe chauffieren zu lassen, dann konnte er in Begleitung selbst fahren, nach sechs Monaten traute er sich wieder alleine ans Steuer.

 

Sein Zustand verbesserte sich Monat für Monat. Schließlich fühlte er sich in der Lage, wieder zu arbeiten. »Ich hatte das Glück, dass mein Arbeitgeber mir ermöglicht hat, auf Teilzeitbasis wieder einzusteigen«, sagt er. Am Anfang hatte er im Büro noch Panikattacken, besonders, wenn er Daten in den Computer tippen musste, eine Arbeit, die ihn nicht forderte. Er zwang sich, tief durchzuatmen, ging auf dem Gang auf und ab – und beruhigte sich schließlich wieder. »Ich wusste, es sind Krankenhäuser in der Nähe, Rettung wäre unheimlich schnell da gewesen.« Mit den Kollegen hat er von Anfang offen über seine Krankheit gesprochen – und die meisten reagierten verständnisvoll. »Ich habe gehört, dass manche gelästert haben, ich sei ein Psycho«, erzählt er. »Aber das ist mir gleichgültig, ich will heute nicht mehr jedem gefallen, diese Zeiten sind vorbei.«

 

Heute beeinträchtigt die Panikstörung Udo Falke nur noch in wenigen Situationen. »Wenn meine Frau in ihre Heimat nach Peru fliegt, traue ich mich noch nicht mitzukommen«, sagt er. »Ich weiß, dass ich im Flugzeug nicht sterben würde, aber ich habe Angst vor der Angst.« Seine Frau klopft ihm aufmunternd aufs Bein. Er nickt, blickt aus dem großen Fenster in den Garten. »Bis zu meinem 43. Lebensjahr habe ich nicht gelebt, sondern nur funktioniert.« Er hält einen Moment inne. »Ich habe nicht gemerkt, dass ich auf mich achten, dass ich mir selbst etwas Gutes tun muss. Die Panikattacken waren brutal für mich – aber sie waren mein Glück.« /

Fakten zur Panikstörung

Viele Menschen erleben in ihrem Leben einzelne Panikattacken. Von einer Panikstörung spricht man gemäß ICD-10, wenn mehrere Panikattacken im Monat auftreten und sich vermehrt eine »Angst vor der Angst« entwickelt, diese über einen längeren Zeitraum anhält (mindestens einen Monat) und zu Beeinträchtigungen im täglichen Leben führt. Laut einer Studie aus den USA von 2005 entwickeln 5 Prozent aller Menschen in ihrem Leben eine Panikstörung. Die letzte epidemiologische Erhebung in Deutschland fand im Rahmen des Bundesgesundheits-Surveys 1998 statt. Danach leiden 14,2 Prozent der 18- bis 65-Jährigen der deutschen Bevölkerung in einem Jahr unter einer klinisch relevanten Angststörung – die Panikstörung gehört damit zu den häufigsten Angsterkrankungen.

 

Die Betroffenen erleben (im Gegensatz zu Phobien) auch ohne Auslöser plötzlich intensive Ängste bis hin zu akuter Todesangst. Die Patienten können unter Herz­rasen, Schweißausbrüchen, Schwindel, Druckgefühl im Magen und vielem mehr leiden – hervorgerufen durch die Ausschüttung von Adrenalin. Wenn der Blutspiegel des Fluchthormons nach 15 bis 20 Minuten sinkt, klingen die Symptome ab.

 

An dieser Stelle setzt die Psychotherapie an. Für die kognitive Verhaltenstherapie ist die beste Wirksamkeit belegt. Die Patienten müssen lernen, dass Panikattacken regelmäßig verlaufen – und wieder abklingen, ohne dass währenddessen Lebensgefahr besteht. Konfrontation mit belastenden Situationen und das Lernen, dass diese keine wirkliche Gefahr bergen, gehören ebenso zum Therapiekonzept. Daneben lernen Betroffene, ihren Körper zum Beispiel durch Atemübungen zu entspannen. Bewährt hat sich auch die Progressive Muskelrelaxation nach Jakobsen. Parallel zur Psychotherapie erhalten Patienten oft ein Psychopharmakon. In der akuten Phase sind die trizyklischen Antidepressiva Clomipramin und Imipramin wirksam. Erste Wahl sind zudem alle Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), weil sie sowohl in der akuten als auch in der Langzeittherapie verwendet werden können.

 

Die Prognose für Patienten ist günstig: 75 Prozent der Patienten, die eine Psychotherapie machen, gelten danach als geheilt. Sie haben zwar kaum noch Pa-nikattacken, wohl aber Ängste, denn die hat jeder Mensch als physiologische Funktion.

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