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Körperschmuck

Modeerscheinung und mehr

11.12.2012  13:52 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Die einen können nicht genug davon bekommen, die anderen wenden sich kopfschüttelnd ab. Täto­wierungen sind allgegenwärtig und ein gesellschaftlicher Trend, für den sich seit Längerem auch die Wissenschaft interessiert.

Was ist so toll am Tattoo? Rund ein Viertel der jungen Erwachsenen in Deutschland unter 25 Jahren hat ein oder mehrere Tattoos. Allein zwischen 2004 und 2009 wuchs die Zahl tätowierter Menschen um ein Drittel. Das haben Wissenschaftler um Professor Dr. Elmar Brähler an der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig festgestellt. »Uns interessiert vor allem die Frage: Was liegt diesem gesellschaftlichen Phänomen eigentlich zugrunde«?, erklärt Dirk Hofmeister, Psychologe aus der Leipziger Forschergruppe. Noch vor 10 bis 15 Jahren waren Tattoo-Träger die Ausnahme und befanden sich eher am sozialen Rand der Gesellschaft. Heute sei der Körperschmuck in der gesellschaftlichen Mitte angekommen, so Hofmeister.

In vielen alten Kulturen haben Menschen ihren Körper geschmückt und durch invasive Methoden bleibende Veränderungen an ihrer Körperhülle vorgenommen: Hierzu gehören zum Beispiel die Tätowierungen der Südseeinsulaner und die Schmucknarben bei Afrikanern. In der abendländischen Kultur von der Antike bis ins 18. Jahrhundert waren Körpermodifikationen jedoch eher selten.

 

Das Wort »Tätowieren« kommt vom tahitianischen Wort »tattau« und meint »schlagen« beziehungsweise »eine Zeichnung in der Haut«. Der Begriff wurde vom britischen Eroberer und Weltumsegler Kapitän James Cook 1769 erstmals erwähnt. Cook brachte tätowierte Menschen von seinen Südseereisen mit nach Europa und damit die Körpermodifikationen in Kontakt mit der abendländischen Kultur. In bestimmten Kreisen entwickelten sie sich zur Mode. Angesehene Handwerksberufe schmückten sich mit Tattoos als Zeichen ihrer Gildenzugehörigkeit, auch Angehörige aus Adelskreisen fanden das Tattoo schick. In der breiten Bevölkerung gab es in Europa zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit jedoch kaum Hinweise auf dessen Verbreitung.

 

Tattoos dienten von jeher jedoch auch der Stigmatisierung und dem gesellschaftlichen Ausschluss. Schon die alten Ägypter und später in der Antike auch die Römer brandmarkten ihre Sklaven und Kriegsgefangenen, und Verbrechern wurden ihre Vergehen in vielen Teilen der Welt auf die Stirn tätowiert, so Professor Dr. Aglaja Stirn, Chefärztin für Psychosomatik im Asklepios Westklinikum Hamburg und Expertin auf dem Gebiet Körpermodifikationen. So hafteten Tätowierungen trotz der Akzeptanz in den Handwerkerständen, in der Aristokratie und später auch im Bürgertum immer auch das Stigma von Schande, Verbrechen und sozialem Außenseitertum an.

 

Im 19. und 20. Jahrhundert fand man Tätowierungen besonders häufig in gesellschaftlichen Subgruppen wie bei Seeleuten und Strafgefangenen, ab den 1960er-Jahren folgte zuerst die Hippie- und später die Punk-Bewegung.

 

Ritzen und Rituale

 

Körpermodifikationen hatten in archaischen Gesellschaften einen völlig anderen Stellenwert als in der westlichen Welt. »In den frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte waren Körperkünste immer eingebettet in einen sakralen, rituellen und sozialen Kontext«, so die Marburger Erziehungswissenschaftlerin Professor Dr. Elisabeth Rohr, die sich mit der sozialen und psychischen Bedeutung von Piercings und Tattoos beschäftigt. Die Körperveränderungen archaischer Völker symbolisierten die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm oder einer Sippe und wurden in festen Ritualen erworben, unter anderem bei Initiationsriten wie dem Übergang von einem Lebensabschnitt in den nächsten. Beispielsweise von der Kindheit in die Erwachsenenwelt überzutreten bedeutete auch, die mit den Ritualen verbundenen Schmerzen ertragen zu können. Dabei verkörperten die Symbole auf der Haut immer auch die unauflösbare ethnische Zugehörigkeit zur Gruppe. Diese bot Schutz, verlangte dafür aber gleichzeitig den Verzicht auf individuelle Freiheiten. Im Gegensatz dazu sind Körperveränderungen heute ganz häufig Ausdruck vom Wunsch nach Individualität.

 

Körper als Fun-Faktor

 

Vor allem das Streben nach Schönheit taucht als Motiv für ein Tattoo in Umfragen immer wieder auf. Noch nie hatte die Aufmerksamkeit für und die Arbeit am Körper einen so hohen Stellenwert wie heute, so Stirn. »Über die Gestaltung und Formung des Körpers soll das eigene Selbstbild aktiv modelliert werden«, sagt die Medizinerin. Die dafür angewendeten Praktiken reichten von Fitness, Diäten und Bodybuilding bis hin zu kosmetischen Operationen und eben auch Tattoos oder Piercings. Hinzu komme die enorme medizinisch-technische Entwicklung, die die Risiken selbst bei schwierigen Eingriffen kalkulierbar machten.

 

Narzisstische Aspekte

 

Besondere Persönlichkeitsmerkmale bei Tätowierten und Gepiercten stellten Forscher bisher zwar nicht fest. Dennoch könnten sie Stirn zufolge Merkmale aufweisen, die im Zusammenhang mit der Definition des Narzissmus diskutiert würden. »Das zugefügte Zeichen erzeugt Aufmerksamkeit, wird zum Kontaktanlass, zum Anlass, sich für den Tätowierten zu interessieren und ihm Gelegenheit zu geben, über sich und die ihn betreffenden Zusammenhänge zu sprechen. Im Gespräch mit Tätowierten und Gepiercten fällt auf, dass nahezu alle gerne über ihre Körpermodifikation sprechen«, so die Medizinerin.

 

Dass Jugendliche sich auf diese Weise dem eigenen Körper zuwenden, sei vielleicht auch ein Mangel an angebotenen Alternativen und Orientierungen, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Rohr, und stehe für eine gesellschaftliche Situation, die einerseits viele Freiheiten biete, andererseits aber auch viele Risiken und Verunsicherungen mit sich bringe. »Gerade bei Adoleszenten, wo die Welt verschwimmt, wo die Eltern einem Jugendlichkeitsdiktat unterworfen sind, können Tattoos helfen, sich abzugrenzen«, so Hofmeister. Selbstverschönerung betreiben, sich unterscheiden von anderen und spezielle biografische Erlebnisse markieren: Das sind die Kernmotive für ein Tattoo. Die erste große Liebe, aber auch Stress mit den Eltern, ein Unfall oder eine überwundene Krankheit sind häufig Anlässe für den ersten Besuch in einem Tattoo-Studio.

»Gute Studios gibt es mittlerweile in jeder Region Deutschlands«, sagt Jan Burger vom in Mannheim erscheinenden Tätowier-Magazin. Mehrmonatige Wartezeiten seien in den Studios mittlerweile normal, ebenso wie Stundenlöhne von 100 bis 200 Euro. Tätowierer seien heute mehr als Nadelstecher, sie verstehen sich als Künstler. »Jedes Tattoo ist heute ein Unikat«, so Burger.

 

Die sogenannten »Tribals« der 80er- und 90er-Jahre – geschwungene Symbole, die an Stammeszeichen aus Afrika oder Runen erinnern und meistens im Steißbereich tätowiert wurden – seien jedoch völlig aus der Mode und würden mittlerweile häufig wieder entfernt. Der Trend geht zum großflächigen Tattoo zum Beispiel an den Armen, aber auch Hände und Bereiche des Halses sind kein Tabu mehr.

 

Zum Thema »Job und Tattoo« erschien kürzlich ein Sonderheft des Magazins. Hier kamen unter anderem Unternehmenschefs zu Wort, die auch Tätowierte einstellen. Denn was die Arbeitswelt betrifft, scheint das Tattoo noch nicht in der Gesellschafts-Mitte angekommen zu sein. Bewerber ohne Körperschmuck werden Studien zufolge immer noch den Mitbewerbern mit Tattoo oder Piercing vorgezogen. »Hier vollzieht sich jedoch ein Wandel, denn die Chefs werden jünger und liberaler und sind zum Teil schon selbst tätowiert«, weiß Hofmeister.

 

Nicht nur Jobkiller, das Tattoo ist nach wie vor auch nicht ohne Risiken für Haut und Leben. Einer Studie der Universität Regensburg von 2011 zufolge hat rund eine halbe Million Menschen in Deutschland Tattoo-bedingte Hautprobleme trotz neuer Tätowiermittelverordnung von 2009. Auch ohne die seitdem verbotenen Azofarben und ohne Paraphenylendiamin steht die Tinte im Verdacht, karzinogen, teratogen oder genotoxisch zu sein. Tattoo-Fans kümmert das wenig. Sie nehmen gesundheitliche Risiken, ebenso wie die Schmerzen, in Kauf. /

Informationen und Quellen

Ärzte Zeitung online: Tinte für Tätowierungen: Eine Gefahr für Haut und Leben? 11. September 2011.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Verbreitung von Körperschmuck und Inanspruchnahme von Lifestyle-Medizin, 2006 (http://forum.sexualaufklärung.de).

Dirk Hofmeister: Universitätsklinikum Leipzig, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie (dirk.hofmeister(at)medizin.uni-leipzig.de).

Erich Kasten: Body-Modification. Reinhardt-Verlag, München 2006.

Elisabeth Rohr: Vom sakralen Ritual zum jugendlichen Design. Zur sozialen und psychischen Bedeutung von Piercings und Tattoos. Vortrag vom 8. September 2009, Darmstadt.

Aglaja Stirn: Die Selbstgestaltung des Körpers. Narzisstische Aspekte von Tattoo und Piercing. Psychotherapie im Dialog, 3, 2004, S. 256-259.

Aglaja Stirn: Piercing – Risiken, Folgen und psychologische Hintergründe eines kulturellen Phänomens. JDDG, 3, 2004, S. 175-180.

Tätowier Magazin, Mannheim (www.taetowiermagazin.de).

 

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