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Kinder psychisch kranker Eltern

Viel Leid, wenig Aufmerksamkeit

13.12.2011
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Von Jasmin Andresh / Vor vier Jahren tötete eine Mutter in Darry in Schleswig-Holstein im religiösen Wahn ihre fünf Söhne. Viele fragten sich damals betroffen, wie so etwas passieren kann. In diesem Augenblick kam etwas hoch, das sonst viel zu oft im Verborgenen bleibt: das Leid von Familien mit psychisch kranken Elternteilen.

Leider geraten psychisch Kranke durch die Medienwirksamkeit solcher Fälle in ein falsches Licht. Denn selten sind die Folgen so schrecklich wie in Darry. Im Gegenteil: Seelisch Kranke sind viel weniger eine Gefahr für ihre Umgebung als für sich selbst. Das größte Risiko für ihre Kinder besteht darin, später ebenfalls psychisch krank zu werden. Dabei spielt die Vererbung eine Rolle, aber auch die Unfähigkeit der Eltern, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen.

 

Schweigen aus Scham

 

Betroffen sind allein in Deutschland mehr als eine halbe Million Kinder und Jugendliche. Die Kinder leiden darunter, dass Mutter oder Vater emotional nicht erreichbar sind, keinerlei Interesse an ihrer Umwelt haben oder Stimmen hören. Meist trauen sich weder Kinder noch Eltern, öffentlich über die Erkrankung zu sprechen. Viele betroffene Eltern befürchten zudem, dass das Jugendamt ihnen die Kinder wegnehmen könnte. Die wenigsten suchen daher von sich aus Hilfe. Da Ärzte meist nicht nach den Kindern fragen, wird der Nachwuchs selten professionell begleitet.

Dass die Eltern krank sind und deshalb weinen, schreien oder völlig unzuverlässig sind, können vor allem kleine Kinder nicht verstehen. Sie müssen zusehen, wie ihre Bezugsperson wochenlang nicht in der Lage ist, aus dem Bett aufzustehen, in eine Welt der Wahnvorstellungen abdriftet oder gegen ihren Willen abgeholt und zwangseinge­wie­sen wird. Für Kleinkinder gilt die monatelan­ge Abwesenheit der Hauptbezugsperson als ein Risikofaktor, später an Depressionen zu erkranken.

 

Laut Angaben der Initiative »Netz und Boden« sind vor allem Kinder von Müttern mit Schizophrenie oder Depressionen gefährdet, später selbst seelisch krank zu werden. Die Ältesten und Einzelkinder sind besonders belastet. Hinzu kommt, dass viele Kinder allein bei dem betroffenen Elternteil, meist der Mutter, aufwachsen. Denn auch die Partnerschaft leidet unter den Folgen einer psychischen Erkrankung und es kommt häufig zu Trennungen.

 

In den betroffenen Kindern erwächst ein besonders starkes Verantwortungsgefühl. Oft haben sie auch Schuld­gefühle. Meist sind sie angepasst und stehen unter hohem innerem Druck zu funktionieren. In der Schule fallen sie daher nicht auf. Viele übernehmen die Rolle der Eltern, kümmern sich zusätzlich um Haushalt und jüngere Geschwister. Sie leben damit in einer permanenten Überforderung.

 

Eine Studie hat gezeigt, dass die Stressbelastung von Angehörigen psychisch Kranker etwa der eines Menschen kurz vor seiner Examensprüfung entspricht. All das lastet noch im Erwachsenenalter schwer auf den Nachkommen. Nach einer US-Studie berichten die erwachsenen Kinder, auch im späteren Leben noch starke Schuldgefühle zu haben. Sie fühlten sich hoffnungslos und hilflos, litten unter geringer Selbstachtung und gaben an, nur schwer intime Beziehungen eingehen zu können.

 

Für das seelische Wohl der Kinder ist es wichtig, früh entlastet zu werden. Sie sollten wissen, dass sie keine Schuld an der Krankheit der Eltern tragen. Und dass sie auch nichts tun können, damit es dem Kranken besser geht. Manche Kinder verstehen das besser, wenn man ihnen erklärt, dass es sich mit einer psychischen Krankheit ähnlich verhält wie mit einer körperlichen Erkrankung, an der ja auch kein anderer Schuld trägt. Den Kindern sollte vermittelt werden, dass sie dennoch ohne schlechtes Gewissen Dinge tun dürfen, die ihnen Freude machen.

 

Erbliche Belastung

 

Jugendliche beschäftigt irgendwann meist die Frage, ob sie die Erkrankung der Mutter oder des Vaters geerbt haben. Leider ist diese Befürchtung in vielen Fällen nicht unbegründet. Bei der Auswertung von Krankendaten des Dänischen Psychiatrischen Zentralregisters stellten Forscher fest: Von den Nachkommen psychisch Kranker litten später 36 Prozent ebenfalls unter einer psychischen Erkrankung. Betroffene Jugendliche sollten jedoch wissen, dass sie trotz erblicher Vorbelastung selbst etwas tun können, um nicht zu erkranken. Dazu gehört es, Gefühle zu zeigen, sich nicht zu überlasten und sich selbst auch ein eigenes Leben zu erlauben.

 

Es gibt viele psychisch kranke Eltern, die verantwortungsvoll mit ihrer Erkrankung umgehen. Sie nehmen, falls notwendig, regelmäßig ihre Medikamente ein und kümmern sich vorausschauend um das Wohlergehen ihrer Kinder. Doch wenn Kinder unter der Situation leiden, kann eine psychologische Betreuung in Einzeltherapien oder Gruppen hilfreich sein. Besonders wichtig ist, dass sich die Eltern mit der Erkrankung auseinandersetzen und gegebenenfalls Vertrauenspersonen außerhalb der Familie einbinden. Das ist nicht leicht, denn psychische Erkrankungen sind zwar häufig, aber immer noch nicht gesellschaftsfähig.

 

Als sehr entlastend hat sich ein Notfallplan erwiesen, in dem die Familie in guten Zeiten festlegt, wer die Kinder im Fall einer akuten Phase weiter versorgt. Das gibt Sicherheit und zeigt die Bereitschaft des Erkrankten, Verantwortung zu übernehmen. Damit ist auch ein wichtiger Schritt für die Gesundung des Familiensystems getan, die Kinder können wieder Verantwortung abgeben. Den Plan sollten alle Beteiligten unterschreiben, auch das Kind. Gibt es mehrere Kinder, sollte für jedes Geschwister ein eigener Plan entwickelt werden.

 

Außenstehende einbinden

 

Unterstützung hierbei und bei anderen Fragestellungen bieten beispielsweise der Allgemeine Sozialpädagogische Dienst (ASPD) im Jugendamt, Erziehungs- und Familienberatungsstellen oder Schulpsychologen. Denn tatsächlich können diese Institutionen mehr als »Kinder wegnehmen«. Ihre Aufgabe ist es, diese letzte Möglichkeit des Eingreifens durch entsprechende Vorsorge zu vermeiden. Es ist daher sinnvoll, Hilfen frühzeitig in Anspruch zu nehmen. Nur in Fällen, in denen die Familien keine Hilfe annehmen, oder in akuten Phasen kann es sinnvoll sein, die Kinder vorübergehend aus der Familie herauszunehmen. Ist die Angst der Betroffenen vor staatlichen Einrichtungen zu groß, stehen als Alternative auch Hilfsangebote unabhängiger Anbieter zur Verfügung (siehe Kasten).

 

Für die Familien ist es wichtig, auch in stabilen Zeiten in ein soziales Netz eingebettet zu sein. Es ist hilfreich, wenn jemand aus dem Umfeld ein Auge auf die Situation hat, falls nötig Hilfestellung gibt oder notwendige Schritte einleitet, wenn es dem Kranken oder den Kindern schlechter geht. Studien­ergebnisse belegen den Nutzen für die Kinder: Wenn Minderjährige, die in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen, ein Vertrauensverhältnis zu jemandem außerhalb der Familie entwickeln, stärkt das ihre seelische Stabilität fürs spätere Leben. / 

 

Literatur

...bei der Verfasserin

Hilfe für Betroffene

»SeeleFon«

Selbsthilfeberatung des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker. Hotline: 01805 950951, Festnetz: 0228 71002424, E-Mail: seelefon(at)psychiatrie.de, www.psychiatrie.de/bapk

 

»Nummer gegen Kummer«

Telefonische Beratung von Kindern, Jugendlichen und Eltern in ganz Deutschland. Nummer für Kinder und Jugendliche: 0800 1110333, für Eltern: 0800 1110550; www.nummergegenkummer.de, dort auch anonyme E-Mail-Beratung

 

Schulpsychologische Beratungsstellen

Ein Verzeichnis aller schulpsychologischen Beratungsstellen in Deutschland findet sich auf www.schulpsychologie.de

 

Initiative »Netz und Boden«

Auf der Homepage der Initiative steht eine Liste mit Broschüren und Büchern zum Thema: www.netz-und-boden.de/materialien/buecher-broschueren.html

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