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Joint Venture

Kampf gegen Aids eint Konkurrenten

08.12.2009
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / GlaxoSmithKline und Pfizer kämpfen künftig gemeinsam gegen Aids. Ihr neu gegründetes Joint Venture »ViiV« präsentierte sich in Berlin bei einer Diskussion über die nicht ohne Tücken einzuführende Leistungsvergütung im Gesundheitswesen.

Anlässlich einer Tradition aus traurigem Anlass lud ein weithin unbekannter Gastgeber mit Versprechen ein, deren Erfüllung sich viele Kranke wünschen. Neben dem Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) richtete die frisch gegründete ViiV Healthcare GmbH zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember in Berlin eine Diskussion über Wege zu mehr Versorgungsqualität aus. Deutschland-Geschäftsführer Daniel Breitenstein stellte das einen Monat alte Unternehmen erst einmal vor, das in der Tat einen bemerkenswerten Hintergrund hat. GSK und der konkurrierende Pharmariese Pfizer gründeten ein Joint Venture, in dem sie ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten auf dem Gebiet HIV und Aids bündeln. Seit der Entdeckung antiretroviraler Medikamente ist Aids von einer unmittelbar tödlichen zu einer vermeintlich beherrschbaren chronischen Krankheit geworden. Dadurch veränderten sich die Herausforderungen, auch in der Entwicklung neuer Arzneimittel und Therapien.

»Es wird schwieriger, gute Medikamente zu entwickeln«, so Breitenstein. Vorreiter GSK mit sieben zugelassenen HIV-Medikamenten in 40 Ländern und Nachzügler Pfizer mit drei zugelassenen Präparaten entschlossen sich daher, auf diesem Gebiet künftig gemeinsam statt gegeneinander zu arbeiten. Beide Unternehmen hätten eine starke Entwicklungspipeline, so Breitenstein. Das einzulösende Versprechen der ersten ganz dem Kampf gegen HIV verschriebenen Pharmafirma weltweit ist es, aus 14 für die Entwicklung neuer Therapien zur Verfügung stehenden Molekülen tatsächlich innovative Arzneimittel zu schaffen und verstärkt für die Verbreitung dieser Medikamente auch in armen Ländern zu sorgen. Die von GSK begonnene Abgabe der Virushemmer zu Vorzugspreisen an Entwicklungsländer wolle ViiV fortsetzen, so Breitenstein. Verstärkt forschen will sein Unternehmen nach Therapien für Kinder, Aufklärungskampagnen sollen dies flankieren.

 

Allen schönen Fortschritten zum Trotz bleibt in der Aids-Bekämpfung noch viel zu tun, und das unter komplizierten finanziellen Rahmenbedingungen. Dafür bietet das Joint Venture von GSK und Pfizer ebenso ein Beispiel wie die Daten, die Dr. Thomas Zahn, Geschäftsführer der DxCG Gesundheitsanalytik GmbH, präsentierte. Demnach erhielt 2007 nur die Hälfte der 56 000 bei einer Krankenkasse versicherten HIV-Patienten in der Bundesrepublik eine Dauermedikation. Zahn befürwortete ausdrücklich, dass im Morbi-Risikostrukturausgleich ab 2010 auf dieses Problem mit neuen Anreizen reagiert wird. Im laufenden Jahr erhielten die Kassen für jeden HIV-Patienten knapp 9200 Euro, was die durchschnittlichen Arzneimittelkosten von 12 000 Euro nicht deckt. Im kommenden Jahr bekommen die Kassen für jeden Patienten mit mindestens 183 Behandlungstagen 18 456 Euro, für nicht permanent versorgte Kranke aber nur noch 2640 Euro.

 

Damit lohnt sich künftig für die Kos-tenträger die bestmögliche Versorgung von HIV-Infizierten auch finanziell. Zahns Ausführungen machten aber auch deutlich, dass die Medikamente noch relativ teuer sind: Bei nicht dauerversorgten Patienten fallen zwar jährlich etwa 5000 Euro mehr an Krankenhauskosten an; insgesamt ist eine fortlaufende Medikation pro Jahr dennoch um fast 5000 Euro teurer.

 

Zahns Betrachtungen schlugen die Brücke zwischen Aids und dem letztlich doch eigenständigen Diskussionsthema des Abends: Pay-for-Performance (P4P), also die Vergütung medizinischer Leistung nach Erfolgskriterien. Es handelt sich dabei um ein neuerdings auch hierzulande viel diskutiertes Modell, das sich in der Theorie bestechend anhört und in der Praxis nicht ohne Tücken im Detail umsetzbar ist.

 

An der Diskussion beteiligten sich Rechtsanwalt Dr. Joachim Kasper, Dr. Stefan Klauke (Infektiologikum Frankfurt), Claudia Korf (Barmer), CDU-Bundestagsabgeordneter Willi Zylajew und der Schweizer Facharzt für innere Medizin Dr. Peter Berchtold. Die Moderation übernahm Roger Jaeckel (GSK). Berchtold wies darauf hin, dass es auch international dabei immer nur um die Ergänzung bestehender Strukturen mit P4P-Komponenten gehe.

 

Prämien für schmerzfreie Patienten

 

In der Alpenrepublik erhalten die behandelnden Mediziner Bonus-Prämien, wenn ihre Patienten schnell frei von Schmerzen sind oder Krankenhauseinweisungen vermieden werden. Bei Misserfolg müssen sie einen Vergütungsabschlag in Kauf nehmen. »Es wirkt, weil die Leistungserbringer einen Spiegel vorgehalten bekommen«, so Berchtolds positives Fazit.

 

Zahn führte demgegenüber ein gescheitertes Experiment aus Großbritannien an. Dort wurde vor einiger Zeit ein komplizierter Punktekatalog zur Bewertung der Arbeit von Hausärzten eingeführt – offenbar nach unausgegorenen Kriterien. Im Ergebnis, so Zahn, hätten 97 Prozent der Hausärzte Bonus-Zahlungen erhalten. Ohne eine signifikante Verbesserung der medizinischen Leistungen erhöhten sich die Ärztehonorare beträchtlich, was das Gesundheitssystem belastet. Eine Reform der Reform sei wegen dann zu erwartender Proteste der Mediziner nahezu unmöglich, so Zahn: »Das Programm hat sein Ziel nicht erreicht.« /

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