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Mundgesundheit

Weniger Karies, mehr Parodontitis

11.12.2006
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Mundgesundheit

Weniger Karies, mehr Parodontitis

Von Birgit Masekowitz

 

Karies sowie der Verlust von Zähnen sind in Deutschland dank intensiver Prophylaxe stark zurückgegangen. Gewissermaßen als Konsequenz daraus, stieg die Anzahl der Parodontalerkrankungen deutlich an. Das ergab die »Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie« (DMS IV), die Ende November in Berlin vorgestellt wurde.

 

Die Zahngesundheit der Deutschen ist in den vergangenen Jahren immer besser geworden. Das Zahnpflegeverhalten ist gut, und regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind für die Mehrheit selbstverständlich. Dies ist das Ergebnis der aktuellen Deutschen Mundgesundheitsstudie, die das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) im Auftrag der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) durchführte. Zwischen Februar und September 2005 nahmen insgesamt 4631 Deutsche aus vier Altersgruppen an der Studie teil. Sie wurden mittels Zufallsstichproben über die Einwohnermeldeämter ermittelt. Drei speziell geschulte Zahnarztteams befragten und untersuchten die Teilnehmer hinsichtlich Karies, Zahnverlusten, Parodontalerkrankungen und Mundhygiene. Der aktuelle Bericht ist nach den 1989, 1992 und 1997 erstellten Berichten die vierte Mundgesundheitsstudie.

 

Karies in allen Altersgruppen seltener

 

Zur Ermittlung des Kariesbefalls der Bevölkerung diente der DMFT-Index. Er gibt die Summe von kariösen (D = Decayed), fehlenden (M = Missing) und gefüllten (F = Filled) Zähnen (T = Teeth) pro Person an. Die Zwölfjährigen hatten im Jahr 2005 durchschnittlich 0,7 Zähne mit Karieserfahrung im Mund. 1997 lag der Wert noch bei 1,7, das entspricht einem Rückgang um 60 Prozent und ist im internationalen Vergleich einer der Spitzenwerte.

 

Bei den Fünfzehnjährigen, die erstmalig in die Studie einbezogen wurden, waren durchschnittlich 1,8 Zähne kariös, gefüllt oder aufgrund von Karies verlorengegangen. Bei den Erwachsenen (35- bis 44-Jährige) waren es 14,5 Zähne und bei den Senioren (65- bis 74-Jährige) im Schnitt 22,1 Zähne. Ein Vergleich mit den Ergebnissen von 1997 zeigt auch für die beiden letzten Altersgruppen einen deutlichen Rückgang der Karieslast. »Der Schlüssel zum Erfolg war die Prävention, die im zahnmedizinischen Bereich so gut funktioniert wie sonst nirgendwo«, sagte Dr. Jürgen Fedderwitz, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung. Die Zahnärzteschaft habe jahrelang intensiv über Karies aufgeklärt.

 

Verbesserungen sind auch beim Zahnverlust von Erwachsenen und Senioren zu verzeichnen. Bei den Erwachsenen verringerte sich der Wert von 4,2 verlorenen Zähnen in 1997 auf 2,7 in 2005. Den Senioren fehlten 1997 etwa 17,6 im Vergleich zu 14,2 Zähne in 2005.

 

Eine vollständige Zahnlosigkeit kam bei den 35- bis 44-Jährigen so gut wie gar nicht vor. Bei den Älteren betraf sie 22,6 Prozent der Studienteilnehmer und ist damit, im Vergleich zu 24,8 Prozent vor acht Jahren, ebenfalls zurückgegangen.

 

Die Kehrseite der Medaille und gewissermaßen die Konsequenz aus dem längeren Verbleib der Zähne in der Mundhöhle, ist eine höhere Anzahl von Wurzelkaries- und Parodontalerkrankungen. Wurzelkaries kann nur entstehen, wenn Zahnwurzeloberflächen freiliegen, sich also das Zahnfleisch zurückgebildet hat. Seit 1997 ist die Wurzelkariesrate bei den Erwachsenen um 10 Prozent und bei den Senioren um 30 Prozent gestiegen. Fast die Hälfte der Studienteilnehmer aus der Seniorengruppe wies mindestens einen Zahn mit unbehandelter oder bereits versorgter Wurzelkaries auf.

 

»Aber die größte Herausforderung der nächsten 20 Jahre wird die Bekämpfung der Parodontitis sein«, so Fedderwitz. Die Ergebnisse der aktuellen Mundgesundheitsstudie zeigen eine deutliche Zunahme dieser chronisch entzündlichen Erkrankung des Zahnfleisches bei den Erwachsenen und Senioren. Zur Charakterisierung ihres Schweregrades diente bei der Studie der Communtity Periodontal Index (CPI), ein von der Weltgesundheitsorganisation empfohlener Index für epidemiologische Reihenuntersuchungen von Erkrankungen des Zahnhalteapparates. Von einer mittelschweren Parodontitis (CPI-Index Grad 3) spricht man, wenn Zahnfleischtaschen von 4 bis 5 mm Tiefe vorliegen, von einer schweren Form (CPI-Index Grad 4) bei einer Taschentiefe von 6 mm.

 

Beide haben seit der letzten Erhebung 1997 bei den 35- bis 44-Jährigen um 26,9 und bei den 65- bis 74-Jährigen um 23,7 Prozent zugenommen. Die Studie ergab außerdem, dass für das Erkrankungsrisiko neben dem Lebensalter auch das Geschlecht, die Konsumgewohnheiten und der Sozialstatus eine wichtige Rolle spielen. So erkranken Männer häufiger als Frauen und auch Übergewicht, Rauchen sowie ein niedriger Bildungsstatus erhöhen das Parodontitisrisiko.

 

»Da die Parodontitisneigung mit steigendem Alter zunimmt, müssen wir angesichts der demografischen Entwicklung der Gesellschaft mit einer weiteren Ausbreitung rechnen, wenn wir nicht noch intensiver dagegen angehen«, sagte Fedderwitz. Die Krankheit sei zwar medizinisch beherrschbar, der Therapieerfolg hänge aber stark von der aktiven Mitarbeit der Patienten ab. Von vielen Menschen werde die Krankheit aber nicht ernst genommen, da sie keine Schmerzen verursache. Oft schrecke auch die langwierige Behandlung ab. »Die Bevölkerung muss noch wesentlich intensiver über die Ursachen und Risikofaktoren, Symptome und Auswirkungen von Parodontalerkrankungen informiert werden«, sagte Fedderwitz.

 

Soziale Faktoren als Risiko

 

Die aktuelle Mundgesundheitsstudie zeigt einmal mehr einen Zusammenhang von individuellem Erkrankungsrisiko und sozialem Status. Die Verteilung der Zahnerkrankungen auf Personen mit niedrigem Bildungsstatus weist sogar eine stärkere Polarisation auf als 1997. Ein Beispiel dafür ist die Karieslast bei Kindern. 1997 waren 61 Prozent aller Karieserkrankungen auf rund 22 Prozent der Kinder verteilt. Bei der aktuellen Untersuchung 2005 stellte sich heraus, dass sich die gleiche Karieslast auf nur noch 10,2 Prozent der Kinder konzentrierte. Das heißt, die Risikogruppe ist zwar deutlich kleiner geworden, aber im Gegensatz zum Durchschnitt der Altersgruppe ist bei dieser das Ausmaß der Karies nicht zurückgegangen. Auch in der Erwachsenengruppe zeigte sich bei Personen mit niedrigem Bildungsstatus ein erhöhtes Risiko für Karieserkrankungen. Noch auffälliger war der Zusammenhang mit schweren Parodontalerkrankungen.

 

»Unter Berücksichtigung der sozialepidemiologischen Ergebnisse der Studie müssen wir auch die Grenzen zahnmedizinischer Betreuung anerkennen«, sagte der Präsident der Bundeszahnärztekammer Dr. Dr. Jürgen Weitkamp. Die gesundheitliche Chancengleichheit herzustellen, bliebe eine große Herausforderung an die Gesundheitspolitik und alle weiteren Politikfelder.

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