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Gesundheitskarte I

Start in Flensburg

11.12.2006
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Gesundheitskarte I

Start in Flensburg

Von Daniel Rücker

 

Die Probleme waren groß. Immer wieder wurde der Start verschoben. Jetzt scheint die elektronische Gesundheitskarte endgültig auf dem Weg in die Praxis. Seit dem 11. Dezember werden in Flensburg Versicherte mit der neuen Karte ausgerüstet.

 

In den nächsten Tagen und Wochen sollen 10.000 ausgewählte Versicherte die Karte erhalten. Sie sind bundesweit die ersten Patienten, die damit zum Teilnehmer am ehrgeizigsten Telematikprojekt der Bundesrepublik Deutschland werden. Gemeinsam mit 25 Arztpraxen und zwei Krankenhäusern sollen sie Funktionen der Gesundheitskarte testen. Die Karten wurden von der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) entwickelt. Gesellschafter sind Krankenkassen, Ärzte, Zahnärzte und Apotheker.

 

Die Apotheken spielen in der ersten Phase der Tests allerdings eine untergeordnete Rolle. Zwar wurden knapp 20 Flensburger Apotheken in den vergangenen Monaten bereits mit der notwendigen Technik ausgerüstet, abgesehen von 10 in Apotheken aufgestellten Kartenleseterminals sind die Pharmazeuten in den nächsten Monaten aber noch außen vor. Der Vorsitzende des Apothekerverbands Schleswig-Holstein, Dr. Peter Froese, geht davon aus, dass 15 Flensburger Apotheken ab Mitte 2007 in die 10.000er-Tests einbezogen werden. Bis dahin soll die Technik weiter erprobt und verbessert werden.

 

Froese hält die Ausgabe der ersten Karten an Patienten dennoch für einen wichtigen Schritt: »Die Karte mit ihren Funktionalitäten ist endlich da.« Erstmals könnten Patienten mithilfe der Patiententerminals in den Apotheken die Daten ihrer Karte selbst lesen. Die ausgegebene Gesundheitskarte ist allerdings noch weit von ihrer endgültigen Ausgestaltung entfernt. Sie trägt nur wenige Informationen wie den Zuzahlungsstatus, das Geschlecht und andere administrative Angaben. Das elektronische Rezept fehlt noch.

 

Froese hält diese Pflichtanwendung auch für weniger bedeutsam als einige freiwillige Anwendungen: »Wir wollen mit aller Macht die Applikationen für das Hausapothekenmodell auf die Karte bekommen.« Ebenfalls wichtig ist ihm die Funktion »Arzneimitteltherapiesicherheitsprüfung« (siehe dazu hier).

 

Die schleswig-holsteinische Gesundheitsministerin Gitta Trauernicht begrüßte die Übergabe der ersten Gesundheitskarten an Patienten. Mit dem Start am 11. Dezember habe der Alltag mit der Gesundheitskarte begonnen. Basis dieses Erfolgs sei die gute Zusammenarbeit von Politik, Krankenkassen, Ärzten und Apothekern. Die Einführung der Gesundheitskarte sei der Startschuss »für eine grundlegende technische Strukturreform im Gesundheitswesen«. Die Karte solle Qualität, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit in der medizinischen Versorgung verbessern.

 

Erfreut zeigte sich auch die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, Marion Caspers-Merk: »Mit der Ausgabe der ersten elektronischen Gesundheitskarten schaffen wir die Voraussetzung für den Einsatz modernster Informations- und Kommunikationsstrukturen im Gesundheitssystem.« Dieses werde durch die Karte sicherer und leistungsfähiger. Zudem werde die sektorenübergreifende Versorgung erleichtert.

 

Als Spielverderber präsentierten sich dagegen die Ärzte. Ärztepräsident Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe hat Nachverhandlungen zur Finanzierung der elektronischen Gesundheitskarte gefordert. Anderenfalls würden die Ärzte das insgesamt sinnvolle Projekt »wegen unerträglicher Kostenbelastung boykottieren«, sagte Hoppe der »Neuen Osnabrücker Zeitung« (Dienstag). Laut einem Gutachten seien die Ärzte »die eindeutigen Verlierer und die Krankenkassen die finanziellen Gewinner der neuen Gesundheitskarte«. Die Kassenärzte hätten schon jetzt nichts mehr übrig. Neue Belastungen seien für die allermeisten niedergelassenen Ärzte deshalb wirtschaftlich nicht verkraftbar. Die Betreibergesellschaft gematik müsse deshalb reagieren und nachjustieren.

 

Sachsen folgt

 

Am 22. Dezember sollen auch in der Testregion Löbau-Zittau Karten an Versicherte ausgegeben werden. Auch hier sollen mindestens 15 Apotheken beteiligt werden. Die exakte Zahl ist noch nicht klar. Die Betreibergesellschaft wollte ursprünglich mit einer möglichst geringen Zahl starten, doch ergab die Auswertung erster Vortests eine sehr gute Arbeit der Apotheken. Wie der Geschäftsführer des Sächsischen Apothekerverbands, Dr. Ulrich Bethge, berichtete, habe dies zu einem Umdenken bei der gematik geführt. Der Sächsische Apothekerverband will deshalb mehr Pharmazeuten die Teilnahme an dem Versuch ermöglichen. Auch in Sachsen werden zuerst Ärzte und Patienten den Umgang mit der Karte testen, Mitte 2007 folgen die Apotheken.

 

In weiteren Regionen werden die Tests im kommenden Jahr starten. Die flächendeckende Ausgabe der Karte an Versicherte ist nach aktuellem Stand für 2008 vorgesehen.

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