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Kunst in der Psychiatrie

Krieg und Wahnsinn

03.12.2014
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Von Ulrike Abel-Wanek, Heidelberg / Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg umfasst eine weltweit einmalige Kunst-Sammlung aus psychiatrischen Anstalten. In einer sehenswerten Ausstellung zeigt das Museum nun, wie psychisch Kranke den Ersten Weltkrieg und die Zeit des Wilhelminismus künstlerisch umsetzten.

Karl Ahrend, Jahrgang 1853, taucht 1907 im Generalsmantel auf dem Berliner Alexanderplatz auf. Er hält lautstarke Reden und versucht, Passanten zum Militär abzukommandieren. Nur ein Jahr zuvor hatte sich ein als »Hauptmann von Köpenick« berühmt gewordener Schumacher nicht nur die Stadtkasse der gleichnamigen Ortschaft gegriffen, sondern mit seiner Aktion in falscher Uniform den bedingungslosen Gehorsam der preußischen Untertanen ins Lächerliche gezogen. Ahrend, ein anscheinend Verwirrter im Militärmantel, untergrub nun erneut die Autorität im Kaiserreich, und das galt es zu verhindern. Als gemeingefährlich eingestuft, verschwand der 54-Jährige für den Rest seines Lebens in der Psychiatrie. Seine dort geschaffenen Zeichnungen sind Teil der rund 150 Werke umfassenden Ausstellung »Uniform und Eigensinn«, die zurzeit in Heidelberg zu sehen ist. Die Zeichnungen, Malereien und Skulpturen stammen ausschließlich von Patienten aus der zivilen Psychiatrie, die wegen psychischer Krisen und daraus resultierenden abweichenden Verhaltens in sogenannten Irrenanstalten weggeschlossen wurden. Menschen mit Diagnosen wie »einfache Seelenstörung«, Dementia Praecox (vorzeitige Verblödung, ab 1899) oder Schizophrenie (ab 1908), die oft 30 oder 40 Jahre lang bis zu ihrem Tod hinter Anstaltsmauern verbrachten. Aufgewachsen und geprägt in einer Zeit, als die Kriegseuphorie im deutschen Reich grassierte, begannen sie, militärische Motive zu zeichnen, zu malen oder zu schnitzen oder darüber zu schreiben und zu komponieren. Die Sammlung Prinzhorn erforschte gemeinsam mit dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Heidelberg und dem Dresdener Militärmuseum mehrere Hundert dieser zum Großteil noch nicht publizierten Werke in einem interdisziplinären Forschungsprojekt.

In den ausgestellten Werken zeigt sich Achtung vor Uniformen und Orden und Ehrfurcht vor Vertretern der Obrigkeit wie Kaiser Wilhelm II. oder Bismarck. Staatsmänner und Offiziere werden in Skizzenbüchern, auf Zeichen- und sogar Toilettenpapier festgehalten oder in Öl porträtiert, gezeichnete Uniformen mit selbstgefertigten Orden geschmückt. Mit Uniformen und Orden rücken sich speziell die Männer in Sphären des Respekts und der Achtung, die sie durch die lebenslange Isolation in der Psychiatrie nie erfuhren. Frauen ließen sich durch die Autorität von Obrigkeiten beeindrucken und waren von den »schmucken Uniformen« fasziniert. Aber auch Kritik am Krieg, Todesangst und Hunger sind Themen der Anstaltskünstler, die sich das Kriegsgeschehen – unterstützt durch zum Beispiel Illustrationen aus Zeitungen – auf fantasievolle Weise ausmalten. Der Besucher stößt in der Ausstellung auf eigensinnige und originelle Werke, auf – gewollt oder ungewollt – humorvoll-karikaturistische Exponate und solche, die sich am konventionellen Zeitgeschmack orientieren. Alle spiegeln die damalige Einstellung zu Militär und Weltkrieg wider, obwohl die Anstaltskünstler von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen waren. Die bisher »ungesehenen Geschwisterwerke zur damaligen offiziellen Kunst« – so die Ausstellungsmacher – sind noch bis 2. Februar 2015 in Heidelberg zu sehen. /

 

Museum Sammlung Prinzhorn

Klinik für Allgemeine Psychiatrie

Voßstraße 2

69115 Heidelberg

www.prinzhorn.ukl-hd.de

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