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Ausstellung

Doppelt gut

07.05.2013
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Von Ulrike Abel-Wanek, Ingelheim / Dichterfürst Goethe hat gemalt, ebenso Victor Hugo oder Wilhelm Busch. Die Inter­nationalen Tage in Ingelheim widmen sich in diesem Jahr den künstlerischen Doppelbegabungen berühmter Schriftsteller. Auch Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist mit dabei.

Immer wieder haben sich kreativ Schaffende in Bereichen hervorgetan, die nicht ihrer originären Betätigung entsprachen. Zahlreiche Schriftsteller haben gemalt und gezeichnet. »Aber nicht jeder dieser Schriftsteller sollte mit seinen bildkünstlerischen Werken auch an die Wände des Alten Rathauses in Ingelheim,« sagte Kurator Dr. Ulrich Luckhardt zur Ausstellungser­öffnung Ende April in Ingelheim. Kunsthistoriker Luckhardt war 25 Jahre lang Ausstellungsmacher an der Hamburger Kunsthalle und gibt nun mit der Schau »Wortkünstler/Bildkünstler« sein Debüt als neuer Leiter der Internationalen Tage. Bewusst traf der Kurator eine Auswahl von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen mit eigenständiger künstlerischer Position, die gleichberechtigt neben den primären literarischen Werken stehen. Von »Goethe bis Ringelnatz« sind in Ingelheim bildkünstlerische Werke von Schriftstellern zu sehen, »die einen eigenen Ausdruck und nichts Epigonales geschaffen haben«, so Luckhardt.

Goethe (1749-1832), dem der erste Ausstellungsraum gewidmet ist, fällt hier jedoch gleich etwas aus dem Rahmen. Nur seine ganz frühen zeichnerischen Arbeiten, hauptsächlich Landschaftsmalereien, sind wirklich originär zu nennen und zeugen von einer künstlerischen Freiheit, die seinen späteren Arbeiten fehlt. Sein Talent zur bildenden Kunst sah der Dichterfürst selber durchaus kritisch. »Aber natürlich kommt man um Goethe bei einer solchen Ausstellung nicht herum«, räumt Luckhardt ein.

 

Ganz anders Victor Hugo (1802-1885), der seinen zeichnerischen Arbeiten hohen Wert beimaß. Auf Reisen – unter anderem in das Mittelrheintal und nach Bingen, wo er den Mäuseturm malte und in eine imaginäre Stadtlandschaft stellte – holte er sich Anregungen für visionäre, zum Teil ab­strakte Bildkompositionen. Für seine Bilder nutzte er auch ungewöhnliche Utensilien wie zerdrückte Federkiele, Schuhcreme, Kaffee oder Rotwein, die man nicht unbedingt in einem Atelier des 19. Jahrhunderts erwartete. Seiner individuellen Technik ist der bildende Künstler Hugo bei allen Arbeiten treu geblieben: ein Bild mit einem unstrukturierten Farbverlauf zu beginnen und nachträglich Konturen einzufügen. Eher beiläufig entstanden die sogenannten Klecksografien des Arztes und Dichters Justinus Kerner (1786-1862), die an die Figuren des Rorschach-Tests erinnern. Ausgelaufene Tinte auf einem Papierbogen, der zufällig zusammengefaltet wurde, ergaben Flecken, die den Tintenklecks spiegelbildlich wiedergaben. Kerner schuf Hunderte dieser Zufallsformen, die an Gesichter, Tiere oder Pflanzen erinnerten und überführte sie mithilfe der Tuschefeder in kunstvolle eigene Arbeiten.

 

Wilhelm Busch (1832-1908) war ein begnadeter Zeichner und malerisch seiner Zeit weit voraus. Trotz der Bemühungen der seit 1930 bestehenden Wilhelm-Busch-Gesellschaft oder dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover ist es bis heute nicht gelungen, das einseitige Bild des Humoristen in der Öffentlichkeit zu erweitern. Den »ganzen Busch«, den Maler, Zeichner, Dichter und Denker zeigt nun die Ingelheimer Ausstellung. Auch Sprachakrobat Joachim Ringelnatz (1883-1934) war ein malerisches Talent. Von ihm stammen eine Reihe erstaunlicher Ölbilder. Schon früh wurden Galeristen, Sammler und Kunstkritiker auf seine Arbeiten aufmerksam. Stummfilmstar Asta Nielsen (1881-1972) hatte eine große Ringelnatz-Sammlung.

 

Anrührende Scherenschnitte des weltberühmten Märchenerzählers Hans-Christian Andersen (1805-1875), surrealistisch anmutende Bilder der Schriftstellerin George Sand (1804-1876) oder die fantastischen Wesen eines Paul Scheerbart (1863-1925), dem Autor vieler visionärer Romane und Erzählungen: Die 150 ausgestellten Arbeiten zeigen eine Palette ganz unterschiedlicher künstlerischer Positionen: klassisch, hintergründig oder skurril. Die einzige zeitgenössische Arbeit bringt Herta Müller in die Ausstellung. Mit Klebstoff, Schere und viel Sprachwitz entwirft die Künstlerin seit 25 Jahren hintergründige Texte und montiert sie collageartig zu neuen Bildideen zusammen. Die Textkollagen der Literatur-Nobelpreis-Trägerin von 2009 sind im Museum bei der Kaiserpfalz direkt neben dem Alten Rathaus zu sehen. /

Wortkünstler/Bildkünstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller. 28. April bis 7. Juli 2013. Altes Rathaus, François-Lachenal-Platz 1, 55218 Ingelheim am Rhein.

 

www.internationale-tage.de

 

Die Literatur als integraler Bestandteil der Ausstellung wird dem Besucher durch einen Audio-Guide vermittelt, der im Eintrittspreis enthalten ist. Der umfangreiche Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen. Er enthält 30 bislang unpublizierte Collagentexte von Herta Müller. ISBN 978-3-7757-3601-5, EUR 39,80 (EUR 34 an der Museumskasse).

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