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Therapie der bipolaren Störung

Medikamente sind nur ein Baustein

03.12.2013  17:48 Uhr
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Von Annette Mende, Berlin / Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Dieser Ausspruch charakterisiert die extremen Stimmungslagen von Patienten mit einer bipolaren Störung. Die psychische Erkrankung belastet Betroffene und ihr Umfeld stark und ist therapeutisch schwer in den Griff zu bekommen. Medikamente können helfen, sind aber keine Allheilmittel.

Mir geht es super, warum sollte ich gegen meine gute Stimmung Medikamente einnehmen? Für Patienten mit einer bipolaren Störung, die sich gerade in einer manischen Phase befinden (siehe Kasten), ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin berichtete Uwe Wegener, selbst Patient und Vorsitzender der Selbsthilfevereinigung Bipolaris, von seinen Erfahrungen: »Es ist unglaublich erleichternd, aus einer Depression wieder ins Leben zurückzukehren. Genauso erleichternd ist es aber auch, aus einer Manie wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden.«

 

Arzneimittel seien jedoch in der Therapie der bipolaren Störung nur ein Baustein unter mehreren. Mindestens ebenso wichtig sei die Psychotherapie. Aus Sicht des Patienten, der die Präparate langfristig einnehmen soll, stehen bei der Pharmakotherapie neben der Wirksamkeit vor allem die zu erwartenden Nebenwirkungen im Fokus. »Jedes Mal, wenn ein Neuer in die Selbsthilfegruppe kommt, ist das wieder Thema«, so Wegener. Unter einer Nebenwirkung hätten fast alle zu leiden: Nahezu jeder in der Gruppe habe »den typischen Medikamenten-Kugelbauch«.

 

Wegener kritisierte, dass Studien mit Psychopharmaka häufig zu kurz seien, um Aussagen über Vor- und Nachteile der Substanzen in der Langzeitanwendung zu ermöglichen. Selbst methodisch gut ausgeführte Studien seien daher häufig nicht relevant für die Patienten. Diese Auffassung teilte Professor Dr. Georg Juckel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin der Ruhr-Universität Bochum. »Viele Studien in der Psychiatrie liefern hochsignifikante Ergebnisse, weil sie eine Dauer von vier bis fünf Wochen nicht überschreiten und gegen Placebo testen. Unter diesen Bedingungen hat es ein Medikament aber relativ leicht, seine Wirksamkeit zu beweisen«, so der Psychiater.

 

Ausgeprägter Placeboeffekt

 

Hinzu komme, dass es gerade in der Therapie der akuten Manie einen ausgeprägten Placeboeffekt gebe. Insgesamt führe die Monotherapie mit einem Psychopharmakon durchschnittlich in 56 Prozent der Fälle zu einer mindestens 50-prozentigen Besserung der manischen Symptome. Eine Placebotherapie sei aber in 30 Prozent der Fälle ebenso erfolgreich. »Die Wirkung von Psychopharmaka bei akuter Manie ist also nur moderat«, so Juckel. Durch Kombination eines atypischen Neuroleptikums mit einem Stimmungsstabilisator lasse sie sich zwar um 10 bis 20 Prozent steigern. Diesen zusätzlichen Effekt erkaufe man sich aber häufig auch durch mehr Nebenwirkungen.

 

Bei den Atypika wie Aripiprazol, Olanzapin, Risperidon und anderen steht als unerwünschte Wirkung vor allem die Gewichtszunahme im Vordergrund, daneben kann es zu einer QT-Zeit-Verlängerung, einer Prolaktin-Erhöhung oder motorischer Unruhe (Akathisie) kommen. Bei den klassischen Neuroleptika, zum Beispiel Halo­peridol, sind vor allem extrapyramidal-motorische Störungen gefürchtet. »Bipolare Patienten sind besonders sensibel für diese Nebenwirkung. Spätdyskinesien kommen bei ihnen bis zu dreimal so häufig vor wie bei Patienten mit Schizophrenie«, informierte Juckel. Dieser Umstand sei lange nicht bekannt gewesen, verbiete aber mittlerweile eigentlich den Einsatz von Medikamenten wie Haloperidol in dieser Patientengruppe.

 

Patienten übernehmen Verantwortung

 

Auch Stimmungsstabilisatoren wie Lithium und Valproat haben die für die Patienten sehr belastende Nebenwirkung der Gewichtszunahme. Valproat kann darüber hinaus bei weiblichen Patienten eine Vermännlichung mit Haarausfall und Oligomenorrhö auslösen. »Wirkung und mögliche Nebenwirkungen sind daher in jedem Einzelfall gegeneinander abzuwiegen«, betonte Juckel. Betroffene sollten in Absprache mit dem Behandler auch die Möglichkeit erhalten, ihre Therapie individuell anzupassen. Da Patienten gerade in manischen Phasen häufig keine Krankheitseinsicht hätten, seien zuvor getroffene schriftliche Vereinbarungen über die Gabe von Notfallmedikamenten ein wichtiges Werkzeug. /

Bipolare Störung

Die bipolare Störung wurde früher als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet. Kennzeichnend ist das Auftreten wiederkehrender sogenannter affektiver Episoden, also extremer Gemütszustände. Während einer manischen Episode ist die Stimmung des Patienten auffällig gehoben, expansiv oder gereizt. Seine allgemeine Erregung kann schnell in Aggressivität umschlagen. Weitere mögliche Symptome sind Antriebssteigerung, Rededrang, Ideenflucht, reduzierte soziale Hemmungen, vermindertes Schlafbedürfnis, überhöhte Selbsteinschätzung, Ablenkbarkeit, riskantes Verhalten und gesteigerte Libido. Das genaue Gegenteil, nämlich depressive Stimmung, Interessenlosigkeit, Antriebsminderung, Selbstwertverlust, unangemessene Schuldgefühle, wiederkehrende Gedanken an den Tod sowie Schlaf- und Appetitstörungen kennzeichnen dagegen eine depressive Episode. Körperliche Symptome wie Schwitzen können hinzukommen.

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