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Lichttherapie-Café

Lux und Latte macchiato

03.12.2012
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Von Ulrike Abel-Wanek / In Aachen hat das erste Lichttherapie- Café in Deutschland eröffnet. Außer Kaffee und Kuchen sorgt hier auf Wunsch eine Extra-Portion Licht für die gute Laune der Gäste. Speziell in der dunklen Jahreszeit kann Helligkeit den Winterblues vertreiben.

»Die Idee ist grundsätzlich gut«, sagt Professor Dr. Jürgen Zulley, bis 2010 Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universitätsklinik Regensburg. Die Lichttherapie ist seit vielen Jahren ein medizinisch anerkanntes Verfahren zur Behandlung verschiedener gesundheitlicher Probleme wie Winterdepressionen und Schlafstörungen. Spezielle Leuchtsysteme gegen trübe Stimmung gab es in Cafés bisher vor allem in skandinavischen Ländern, wo die Tage im Winter manchmal nur vier Stunden dauern. Im Norden von Schweden findet man sogar an Bushaltestellen Lichttherapie-Paneele.

 

Lichtmangel macht krank

 

Der Mangel an Tageslicht kann Menschen krank machen. SAD, Seasonal Affective Disorder, nennen Fachleute die jahreszeitlich bedingte Winterdepression. Betroffene fühlen sich niedergeschlagen, haben keinen Antrieb und häufig Heißhunger auf Kohlenhydrate und Süßes. Ihr ausgeprägtes Schlafbedürfnis unterscheidet sie von Menschen mit Depressionen, die zwar auch unter gedrückter Stimmung leiden, aber meistens wenig schlafen.

Licht beeinflusst die innere Uhr. Bei Dunkelheit produziert die Zirbeldrüse im Gehirn das müde machende Melatonin. Besonders in der zweiten Nachthälfte wird das Hormon, das auch mit einer depressiven Wirkung in Verbindung gebracht wird, vermehrt ausgeschüttet. Nehmen die Fotosensoren im Auge hingegen viel helles Licht auf, wird Melatonin abgebaut, und Winterdepressive werden wieder munter. Diesen Effekt macht sich die Lichttherapie zunutze. Am frühen Morgen nach dem Aufwachen angewandt, kann sie das Schlafhormon vertreiben und stimmungsaufhellend wirken. »Das Allerwichtigste ist, dass die Lampen hell genug sind«, betont Zulley. Etwa 2500 bis 10 000 Lux sollten sie haben. Im Vergleich: Ein normal ausgeleuchteter Innenraum kommt auf etwa 500 bis 600 Lux. Warum manche Menschen mit Stimmungsschwankungen auf Lichtmangel reagieren und andere nicht, liege möglicherweise an individuell unterschiedlich sensiblen Fotosensoren im jeweiligen Auge. Vor allem der blaue kurzwellige Bereich des Lichtspektrums hat Wirkung auf den Menschen und seinen circadianen Rhythmus. »Das Licht wirkt eher weiß und nicht sehr gemütlich, aber es soll ja auch wach machen«, sagt Zulley.

 

Bagels und Brille

 

Im Café Bagels & Beans in Aachen stören keine hellen Leuchten am Tisch die Kaffehaus-Atmosphäre. Hier bekommt der Gast zu Kaffee und Tee auf Wunsch eine Brille für die Lichttherapie dazu – kostenlos. Das Gestell, das wie eine normale Brille auf die Nase passt, ist mit acht speziellen LED-Leuchten ausgerüstet. Sie sitzen so nah am Auge, dass eine erheblich niedrigere Lichtleistung erforderlich ist als bei klassischen Lichttherapiegeräten. Wirken sollen sie genauso gut. Das Licht erreicht die Augen nicht direkt, sondern durch ein holografisches Visier und soll nicht blenden. Eine einzige Sitzung von 15 Minuten hilft laut Hersteller schon gegen die Symptome eines »Wintertiefs«, effektiver sei es, die Brille an fünf aufeinander folgenden Tagen tagsüber für einige Minuten zu tragen.

 

»Die Gäste sind aber noch sehr zurückhaltend«, beobachtet Karin Gulpen. Die Holländerin betreibt seit Kurzem das Aachener Café als erste deutsche Niederlassung einer in Holland ansässigen Kette. »Die Niederländer essen und trinken und setzen sich dazu unbekümmert die Brille auf«, sagt Gulpen. In Aachen frage bisher vielleicht alle zwei Tage ein Gast nach der in der Speisekarte und auf Flyern beworbenen Brille gegen den Winterblues. Speziell ältere Besucher hätten Hemmungen, danach zu fragen.

 

»Im Winter bekommen wir definitiv weniger Licht und es scheint, dass wir immer noch in eine Art ›Winterruhe‹ kommen. Wir schlafen mehr und sind weniger fit«, sagt Zulley. Aber das kollidiere mit den Ansprüchen einer Gesellschaft, die rund um die Uhr gleichbleibende Leistung erwarte.

 

Zulley sieht die Zukunft der Lichtforschung vor allem in der Alltagsanwendung. »Licht wirkt stärker als viele glauben, nicht nur bei Winterdepressionen, sondern auch auf die Leistungsfähigkeit allgemein.« Immer mehr Überlegungen zielten deshalb darauf hin, aktivierendes helles Licht zum Beispiel am Arbeitsplatz und in Schulen einzusetzen. In Regensburg forschen die Wissenschaftler zurzeit an der Auswirkung von Licht beim Autofahren, um der Müdigkeit auf langen Fahrten entgegenzuwirken. »Die Umsetzung in den Alltag ist nicht so einfach, aber hier liegt noch viel Potenzial«, so Zulley. /

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