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Arzneimitteltherapie

Apotheker bedeuten mehr Sicherheit

01.12.2009
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Von Werner Kurzlechner / Pharmazeutisches Fachwissen könnte so manchen schlimmen Medikationsfehler vermeiden, wenn es denn abgefragt werden würde. Ohne verstärkten Einsatz von Apothekern auch im Krankenhaus ist eine höhere Arzneimitteltherapiesicherheit kaum zu haben.

Holger Hennig hatte es am Ende ganz leicht. Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) sprach beim 3. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit vergangene Woche in Berlin als letzter Referent über Arzneimitteltherapiesicherheit und seine Kernthesen waren längst vorweggenommen worden. »Wir haben nun schon drei Werbevorträge für Klinische Pharmazie gehört«, sagte der Krankenhausapotheker aus Stuttgart spürbar erfreut. Denn so war vorab schon klar, dass es sich bei seinen Forderungen um sachlich dringend gebotene Maßnahmen handelte. Auf 100 Krankenhausbetten müsste im Dienste der Patienten und der Wirtschaftlichkeit eigentlich ein Apotheker kommen, forderte Hennig. Vor drei Jahren kam laut einer internationalen Vergleichsstudie nicht einmal auf 300 Betten ein Pharmazeut, was für Deutschland den letzten Platz in Europa bedeutete. Daran habe sich seither kaum etwas verbessert, so Hennig.

Unabdingbar sei außerdem, dass Apotheker als pharmazeutische Berater auf Station tätig seien. Dies setze voraus, dass von Ärzteseite der Rat der Apotheker ernsthaft gehört werde und auch Gespräche mit Patienten geführt werden könnten. Zudem sollte eine Anamnese vor oder während der Aufnahme selbstverständlich sein. Hierbei sei es durchaus hilfreich, dass in vielen Krankenhäusern mittlerweile Fallmanager mit den organisatorischen Modalitäten betraut seien und für die Ansinnen der Apotheker oftmals Gehör hätten. »Das ist für uns Gold wert«, sagte Hennig.

 

So unstrittig die Ausführungen von Henning waren, so viel Unbehagen hatte zuvor der Vortrag von Herbert Sommer ausgelöst, Regierungsdirektor im Bundesgesundheitsministerium. Dieser hatte zwar angekündigt, dass für März mit der Neuauflage des Aktionsplans zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit zu rechnen sei. Auf Widerspruch unter den Zuhörern stieß, dass Sommer die Verantwortung für mehr Sicherheit letztlich den Organen der Selbstverwaltung zuwies. Das Selbstverständnis des Ministeriums als Moderator wollte unter anderem ein Bundeswehroffizier im Publikum nicht hinnehmen. »Es leiden und sterben Menschen«, sagte der Soldat. Deshalb sehe er Gesetzgeber und Regierung sehr wohl in der Pflicht.

 

6500 Tote durch UAE

 

Eine nachvollziehbare Haltung angesichts der Diskussion. In dieser spiegelte sich wider, wie das Zulassungsverfahren und die Pharmakovigilanz für größtmögliche Sicherheit der Arzneimittel sorgen und wie leicht und häufig demgegenüber Fehler bei Medikation und Dosierung passieren können. Über das Ausmaß der Schäden durch »Unerwünschte Arzneimittelereignisse« (UAE) referierte Professor Dr. Wilfried von Eiff, Leiter des Zentrums für Krankenhaus-Management der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, anhand selbst ermittelter Zahlen. Demnach werden republikweit jährlich rund 6500 Todesfälle durch UAE verursacht, 14 Prozent der Verweildauer in deutschen Krankenhäusern sind durch Unerwünschte Arzneimittelwirkungen begründet – Tendenz steigend. Von Eiff wies darauf hin, dass andere Studien zu abweichenden Ergebnissen kämen, aber unabhängig von derlei Zahlen unverkennbar Handlungsbedarf bestehe – zumal etwa ein Drittel dieser Fälle laut einer älteren Studie vermeidbar sind. »80 Prozent aller Medikationsfehler sind Verordnungsfehler«, sagte von Eiff. Der ärztliche Wissensstand über die Wirkung von Medikamenten reiche oftmals nicht aus, es gebe einen Trend zur Überdosierung. Daneben sei oft genug mangelhafte Organisation der Therapieprozesse die Ursache von Medikationsfehlern – bis hin zu falsch gelesenen Handschriften.

Neben einem Plädoyer für im Ausland bereits gebräuchliche High-Tech-Schränke zur Arzneimittelausgabe in Krankenhäusern sprach sich von Eiff vehement für mehr Pharmazeuten in der Klinik als Korrektiv für ärztliche Irrtümer aus. Verbessern ließe sich die Arzneimitteltherapiesicherheit etwa über die Umbenennung ähnlich oder gleich klingender Arzneimittel mit verschiedenen Wirkstoffen, über intelligentere Software oder das individuelle Stellen von Arzneimitteln für multimorbide Patienten. Eine stärkere Gewichtung pharmakologischer Inhalte in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Medizinern wäre ebenfalls wünschenswert. Außerhalb von Krankenhäusern könnte das Wissen von Apothekern ebenfalls manchen Unfall verhindern, wenn es ausreichend in Anspruch genommen würde.

 

Professor Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, brachte das Kernproblem auf den Punkt. Eine groß angelegte Studie in Frankreich offenbare, dass trotz vieler Debatten in den vergangenen zehn Jahren kaum praktische Fortschritte erzielt worden seien. Dann gab er den Kritikern aus dem Publikum aber selbst einen Hinweis darauf, warum das so ist. »Glauben Sie mir, wir Ärzte sind heilfroh um jeden Pharmazeuten im Krankenhaus«, sagte Ludwig. Angesichts der Geldknappheit in vielen Kliniken seien zusätzliche Apothekerstellen aber kein realistischer Ausweg. Ökonomisches Kalkül verhindert demnach eine bestmögliche Arzneimitteltherapiesicherheit. Kein Wunder, dass einige Zuhörer sich da ein stärkeres Eingreifen der Regierung wünschen. / 

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