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MLP-Report

Wenig Vertrauen ins System

01.12.2008
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MLP-Report

Wenig Vertrauen ins System

Von Martina Janning, Berlin

 

Höhere Kassenbeiträge, mehr Zuzahlungen zu Medikamenten, Beschränkungen bei den Verordnungen: Bürger und Ärzte fürchten, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland schlechter wird. Dem Gesundheitsfonds bekunden viele Menschen ihr Misstrauen ­ selbst, wenn sie gar nichts über ihn wissen.

 

Die Bürger sehen die Gesundheitsversorgung zunehmend skeptisch: Zwar beurteilen 59 Prozent das deutsche Gesundheitssystem aktuell mit »gut« oder »sehr gut«, aber vor einem Jahr waren noch 64 Prozent dieser Meinung, vor fünfzehn Jahren sogar 82 Prozent. Inzwischen sagen 60 Prozent der Bürger und 57 Prozent der Ärzte, dass sich die Qualität der Gesundheitsversorgung in den vergangenen zwei, drei Jahren verschlechtert hat. In beiden Gruppen erwartet nicht einmal jeder Sechste, dass es der Politik gelingt, auch längerfristig eine gute Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Das sind Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage im Auftrag des Finanzberaters MLP, bei der das Meinungsforschungsinstitut knapp 1800 Bürger und rund 500 Ärzte befragte.

 

Ärzte: Zwei-Klassen-Medizin

 

Für die nächsten zehn Jahre rechnen demnach 82 Prozent der Bevölkerung damit, dass die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung steigen. 76 Prozent erwarten erhöhte Zuzahlungen für Medikamente und 58 Prozent glauben, dass es schwieriger wird, teure Arzneimittel verschrieben zu kommen. Das korrespondiert mit der Einschätzung der Ärzte: Von denen rechnen 84 Prozent damit, dass es künftig komplizierter wird, alle medizinisch notwendigen Leistungen zu verordnen. 87 Prozent der Ärzte prognostizieren daher eine »Zwei-Klassen-Medizin«; bei den Bürgern sind es 69 Prozent.

 

Bereits heute fühlt sich die Mehrheit der Mediziner unter Kosten- und Zeitdruck. Insbesondere Krankenhausärzte beklagen, sich zu wenig um ihre Patienten kümmern zu können. »Wir ersticken in immer neuen bürokratischen Auflagen«, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, bei der Vorstellung der Studie vergangene Woche in Berlin. 40 Prozent der Arbeitszeit von Medizinern gingen inzwischen für Bürokratie drauf, sagte er.

 

Den niedergelassenen Ärzten macht dagegen ihre wirtschaftliche Situation zu schaffen. 76 Prozent der Hausärzte und 70 Prozent der Fachärzte gaben an, Leistungen zu erbringen, die nicht honoriert würden. Die Mediziner fungierten so als »Puffer zwischen staatlichen Reformen und Notwendigkeiten auf Patientenseite«, erklärte Allensbach-Geschäftsführerin Professor Dr. Renate Köcher. Trotz der für 2009 beschlossenen Honorarerhöhungen von durchschnittlich zehn Prozent rechnet die Hälfte der niedergelassenen Mediziner mit einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation in den kommenden fünf Jahren. Das mache den Arztberuf unattraktiv und könnte den Ärztemangel verstärken, warnte der BÄK-Präsident.

 

Erstaunliches förderte die Studie beim Thema Gesundheitsfonds zutage: Zum Zeitpunkt der Befragung, zwischen Mitte September und Anfang Oktober 2008, hatte ein Viertel der Bürger davon noch nie etwas gehört und knapp ein weiteres Viertel hatte keine Ahnung, was sich durch den Gesundheitsfonds ändert. Gleichwohl gaben 56 Prozent der Bürger an, dass die Gesundheitsversorgung mit dem Fonds nicht nachhaltig gesichert ist.

 

Gut Informierte sind skeptischer

 

»Je besser die Menschen über den Gesundheitsfonds informiert sind, desto skeptischer stehen sie ihm jedoch gegenüber«, sagte Köcher. Von den Befragten, die von der Fonds-Einführung gehört haben, rechnen 47 Prozent mit einem Rückgang der Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung und 62 Prozent bezweifeln, dass der Fonds die Gesundheitsversorgung finanziell langfristig garantieren kann.

 

Das Bundesministerium für Gesundheit kritisierte die Studie scharf und bezeichnete sie als »interessengeleitet«. Die vom Finanzberater und Versicherungsvermittler MLP beauftrage Umfrage sei gegen das System der gesetzlichen Krankenversicherung gerichtet, sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater. Auf Nachfrage räumte der MLP-Vorstandsvorsitzende Dr. Uwe Schroeder-Wildberg bei der Präsentation der Studie ein, dass sein Unternehmen nur im Einzelfall eine gesetzliche Krankenversicherung vermittle, nämlich dann, wenn ein Klient von keiner privaten Krankenversicherung aufgenommen wird.

 

Als Konsequenz aus der Studie forderte Schroeder-Wildberg eine Begrenzung der Kassenleistungen auf das wirklich Notwendige. »Alles, was über diese Versorgung hinausgeht, sollten die Bürger je nach Bedarf über private Zusatzversicherungen abdecken«, sagte er.

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