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Medikationspläne

Lückenhaft und veraltet

30.11.2016
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Von Daniela Hüttemann / Auf viele Medikationspläne war bislang kein Verlass. Zu diesem Ergebnis kommen Apotheker aus Westfalen-Lippe in einer Studie, in der sie die Medikationspläne von 500 Patienten überprüften. Demnach fehlten häufig wichtige Angaben und lediglich in 3,3 Prozent der Fälle waren alle Einnahme­hinweise vermerkt. Apotheker können diese Lücken füllen und die Therapie für die Patienten deutlich sicherer machen.

Seit dem 1. Oktober 2016 haben alle gesetzlich Krankenversicherten mit mindestens drei systemisch wirkenden Arzneimitteln in der Dauermedikation einen Anspruch auf einen Medikationsplan. Der bundeseinheitliche Musterplan steht im Rahmen des Aktionsplans Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) jedoch schon länger zur Verfügung. Die Apotheker Isabel Waltering (Westfä­lische Wilhelms-Universität Münster), Dr. Oliver Schwalbe (Apothekerkammer Westfalen-Lippe) und Professor Dr. Georg Hempel (WWU Münster) wollten wissen, inwieweit der Plan schon jetzt sinnvoll eingesetzt wird.

Sie werteten dazu die Daten von 500 Patienten aus, die zwischen Feb­ruar 2013 und April 2014 am Apo-AMTS-Projekt der AKWL teilgenommen hatten. Dabei führten 127 Apotheker im Rahmen ihrer Ausbildung zum AMTS-Manager eine Brown-Bag-Analyse durch. »Keine der 399 Medikationslisten enthielt für alle Arzneimittel Informationen in den einzelnen Kategorien der bundeseinheitlichen Vorgabe«, so das Fazit der Autoren in der »Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen« (DOI: 10.1016/j.zefq.2016.06.004).

 

Manko Einnahmehinweise

 

Nur bei jedem dritten Medikationsplan waren alle Präparatenamen für alle Arzneimittel angegeben. Dabei stimmten die Angaben in 41 Prozent der Fälle nicht mit dem tatsächlich verwendeten Arzneimittel überein. Fertigarzneimittel­namen und Wirkstoffbezeichnungen wurden zudem häufig vermischt. Bei 34,6 Prozent der gelisteten Medikamente fehlte die Dosierung, nur bei jedem fünften war die verwendete Arzneiform angegeben. Indikation und Einnahmehinweise tauchten so gut wie nie auf (fehlende Angaben bei 95,2 beziehungsweise 96,7 Prozent).

 

»Mit so wenig Angaben habe ich nicht gerechnet«, so Erstautorin Waltering gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. So sei zum Beispiel die Wichtigkeit von Einnahmehinweisen bei vielen Ärzten nicht präsent oder es fehle deren Kenntnis. Oder die Informationen würden zwar mündlich gegeben, aber nicht verschriftlicht. Ein großes Problem stelle hier die Bedarfsmedikation dar. »Da wird beim Plan nur in der Spalte Bedarf ein Kreuz gemacht, aber der Bedarf nicht konkretisiert und keine genaue Dosierung angegeben«, kritisiert Waltering. So kämen bei den Patienten Aussagen zustande wie: »Mein Nitro-Spray nehme ich, wenn ich einen Herzinfarkt habe.«

 

Bei allen Lücken im Plan: »Wichtig ist, dass nur die relevanten Einnahmehinweise gegeben werden, um eine Über­information des Patienten zu vermeiden und um zu verhindern, dass die wirklich wichtigen Infos untergehen«, so Waltering. Es gelte abzuwägen: So sollte auf die Angabe »unabhängig von der Mahlzeit« eher verzichtet werden, die korrekte Anwendung von Bisphosphonaten oder die Lagerung von Calcium­kanalmodulatoren jedoch unbedingt angegeben werden.

 

Zudem waren viele der ausgewerteten Medikationspläne nicht aktuell. Deren Alter lag im Schnitt bei 4,5 Monaten mit einer Spannbreite von 0 bis 12 Monaten. Nach zwei Monaten stieg die Anzahl der Abweichungen zwischen Plan und tatsächlicher Einnahme um die Hälfte an. Die Studienautoren empfehlen daher: »Aktualisiert werden sollten die Pläne sinnvollerweise bei jeder Änderung, aber generell alle drei Monate beziehungsweise einmal im Quartal.« Sie betonen, dass die vollständige und korrekte Ausführung von Medikationsplänen nur durch Zusammenarbeit von Arztpraxis und Apotheke unter Einbeziehung der Patienten gelingen könne.

 

Vorbild ARMIN

 

»Es zeigt sich immer wieder, dass eine bessere elektronische Vernetzung notwendig ist«, so Waltering gegenüber der PZ. »Die elektronische Gesundheitskarte wäre schon ein guter Schritt.« Als positives Beispiel nannte sie die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN). »Grundvoraussetzung ist aber eine offene und lösungsorientierte Kommunikation unter Anerkennung der jeweiligen Kompetenzen der jeweiligen Berufsgruppen und ein Verständnis beim Patienten«, betonte die Apothekerin, die bundesweit zum Thema AMTS Vorträge hält und in Westfalen-Lippe AMTS-Manager ausbildet. »Ich bin optimistisch, dass sich die Angaben langfristig verbessern.« /

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