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Geisterstunde

30.11.2016
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Die Geister, die sie rief: Als 2003 die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) den Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubte, holte sie jene Geister ins Land, die nun laut mit den Ketten rasseln. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) erlaubt ausländischen Versendern ­Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente, und die Apotheker fürchten insbesondere auf dem Land um ihre Existenz. Wenn es zum Preiskampf kommt, können die Großen mithalten, die kleinen Apotheken aber werden das Nachsehen haben und aufgeben müssen, so die Sorge. Das Problem ist nur: Viele Politiker und Ökonomen bezweifeln dies, denn empirische Belege dafür gibt es bislang keine.

 

Wo sollten sie auch herkommen, in so kurzer Zeit? Seit dem EuGH-­Urteil sind erst fünf Wochen vergangen. Was Grüne und SPD von den Apothekern fordern, ist realitätsfern. Das ganze Dilemma zeigte sich auch auf ­einem Fachgespräch, zu dem die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen am Montag geladen hatte, um über die Konsequenzen aus dem EuGH-Urteil für die Arzneimittelversorgung zu diskutieren. Es ging schon wieder um fehlende empirische Belege (lesen Sie dazu auch Rx-Versandhandel: Einladung zum Schlagabtausch). ABDA-­Präsident Friedemann Schmidt bezeichnete es als »geradezu pervers«, dass die Politik ihrer Verantwortung nicht mehr nachkommen könne, die Rahmenbedingungen im deutschen Gesundheitswesen zum Wohl der ­Patienten zu gestalten. Dieses Prinzip habe der EuGH ausgehebelt. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Apotheker nun in die Verantwortung ­genommen würden, die Konsequenzen falscher Entscheidungen zu ­tragen.

 

Die Politik hat die Geister gerufen, die Politik muss nun den Spuk beenden. Erst wenn wieder Ruhe einkehrt, kann über entscheidende Schritte zur Weiterentwicklung der Arzneimittelversorgung – insbesondere in ländlichen Gebieten – diskutiert werden. Es braucht keinen Preiskampf um Boni bei Arzneimitteln. Es geht um die bestmögliche Versorgung von Patienten. Dabei ist die persönliche Beratung unverzichtbar. Wie das auf dem Land zukünftig flächendeckend mithilfe der Apotheker geleistet ­werden kann, dafür gilt es tragfähige Konzepte zu erarbeiten. Der Versandhandel kann dazu nicht entscheidend beitragen.

 

Ev Tebroke

Redakteurin Politik & Wirtschaft

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