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Arzneimittel-Versand

Sehenden Auges ins Verderben

28.06.2017
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Von Ev Tebroke, Berlin / Der Angriff der ausländischen Versand­apotheken droht den Apothekenmarkt in Deutschland komplett aufzumischen, wenn die Politik nicht schnellstmöglich handelt. In diesem Punkt waren sich die Politiker auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Hauptstadtkongresses in Berlin einig. Aber wie sich faire Rahmenbedingungen für die Apotheker wieder­herstellen lassen, weiß so recht niemand.

Eigentlich hätte es in der Frage der nur für EU-Versandapotheken erlaubten Rx-Boni schon längst eine Lösung geben müssen. Auch das betonten die Vertreter von Union, Linkspartei und den Grünen. Aber wie es in der kommenden Legislaturperiode einen schnellen Konsens geben soll, ist weiterhin offen. Die SPD, die das von Union und Linken favorisierte Versandverbot von verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht mittragen wollte, war erst gar nicht zu der Veranstaltung des Apothekerforums am 22. Juni erschienen.

 

EU-Fokus auf Binnenmarkt

 

Es ging um die Zukunft der pharmazeutischen Versorgung vor dem Hintergrund der europäischen Entwicklungen. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt skizzierte den Trend der Europäischen Union, sowohl die freien Berufe als auch das Gesundheitswesen zunehmend dem Binnenmarkt unterzuordnen. Auch das Urteil des Europä­ischen Gerichtshofs (EuGH) vom vergangenen Oktober, bei dem die Richter die deutsche Preisbindung bei Rx-Medikamenten für EU-Versender kippten, ist demnach in diesem Kontext zu sehen. »Das Urteil steht nicht für sich, sondern liegt im Trend der EU, mehr Einfluss auf freiberufliche Strukturen zu nehmen«, so Schmidt.

Das unterstrich auch der Arzneimittelexperte der Union, Michael Hennrich (CDU). Er sah in dem EuGH-Urteil zudem einen Paradigmenwechsel bei der Beurteilung von Arzneimitteln. »Die Organisation der Versorgung kann nur der Nationalstaat regeln«, betonte er. Präsenz-Apotheken seien mit ihrem niederschwelligen Beratungsangebot für die flächendeckende Arzneimittelversorgung unerlässlich. Die Position der Apotheker zu stärken, bleibe dringende Aufgabe für die nächste Legislaturperiode, so Hennrich. »Uns läuft die Zeit davon.«

 

Auch die Linkspartei sieht die öffentlichen Apotheken in Gefahr, denn deutsche Präsenzapotheken haben seit dem EuGH-Urteil einen Wettbewerbsnachteil. Für sie gilt nach wie vor die Festpreisregelung, während Versender mit Sitz im EU-Ausland Rabatte auf Rx-Arzneimittel anbieten und damit auf Kundenfang gehen. Schon jetzt können sich die EU-Versender im ersten Quartal 2017 über ein starkes Umsatzwachstum freuen, wie die Gesundheitsexpertin der Linken, Kathrin Vogler, betonte. »Mit seiner aggressiven Marktstrategie verbucht Doc Morris ein Umsatzplus von 17 Prozent.« Die Shop-Apotheke legte demnach um 15 Prozent zu. Es brauche schnellstens eine Lösung, ansonsten befürchtet Vogler, dass das deutsche Apothekensystem an mehreren Punkten erodiert. Letztlich könnten Apotheken hierzulande als Konsequenz des Konkurrenzdrucks durch Kapitalgesellschaften wie etwa Zur Rose gegen das bestehende Fremd- und Mehrbesitzverbot klagen.

 

Auf eine zügige Klärung der Boni-Frage pocht auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Kordula Schulz-Asche. Wie die SPD wollen die Grünen aber dafür nicht den Rx-Versand verbieten, sondern die Höhe der möglichen Rabatte deckeln. Um die Position der Apotheker zu stärken, will Schulz-Asche die Beratungsleistungen der Apotheker besser vergüten und die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe besser organisieren.

 

Neues Preissystem dauert

 

Doch die Etablierung eines neuen Preissystems dauert lang, Hennrich zufolge zwei bis drei Jahre. Bis dahin hätten die Versender erheblichen Marktanteil hinzugewonnen, so die Befürchtung von Union und Linkspartei. »Ein Verbot hätte uns die nötige Zeit verschafft, ein neues Konzept zu entwickeln«, so Hennrich. Und jetzt? Die Aussichten scheinen düster: Vogler zieht den Vergleich zum Versandhandel von Handelswaren. Dieser habe zu einem massiven Einzelhändler-Sterben geführt. Die Diskussion hinterließ einen bizarren Eindruck: Die Politik sieht die Gefahr, scheint aber unfähig zu handeln. /

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