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Neugeborene

Immunsystem gezielt unterdrückt

27.11.2013
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von Christina Hohmann-Jeddi / Die Infektanfälligkeit von Neugeborenen geht vermutlich nicht wie bislang angenommen auf eine Unreife des Immunsystems zurück, sondern auf dessen aktive Unterdrückung. Dies berichten Forscher um Shokrollah Elahi und Sing Sing Way vom Children‘s Hospital in Cincinnati im Fachjournal »Nature« (doi: 10.1038/nature12675).

 

Die absichtliche Schwächung des Immunsystems solle die Besiedlung mit nützlichen Bakterien zum Beispiel des Darms, der Lunge oder der Haut ermöglichen. Zu diesem Schluss kommen die Forscher anhand von Untersuchungen mit Mäusen.

Sie verglichen zunächst die Immunzellen von sechs Tage alten Jungmäusen mit denen von erwachsenen Tieren. Dabei zeigte sich, dass die neugeborenen Tiere eine deutlich höhere Zahl an roten Blutzellen besaßen, die das Protein CD71 produzierten. Die Forscher entdeckten, dass diese Zellen die Immun­abwehr unterdrücken, indem sie das Enzym Arginase herstellen. Dieses zersetzt Arginin, was für funktionelle Immunzellen notwendig ist.

 

Jungtiere, die mit dem pathogenen Bakterium Listeria monocytogenes infiziert wurden, hatten eine deutlich höhere Mortalität als erwachsene infizierte Tiere. Auch die Übertragung von kompetenten Immunzellen der erwachsenen Mäuse in die Neugeborenen konnte diese nicht schützen, berichten die Forscher. Die Immunzellen wurden von den CD71-Erythrozyten in den Jungtieren ausgeschaltet. Als Way und seine Kollegen den neugeborenen Mäusen einen Antikörper verabreichten, der die CD71-Zellen markiert und vom Immunsystem beseitigen lässt, überstanden diese die künstliche Infektion deutlich besser. Die Behandlung hatte allerdings den Nachteil, dass sich die Darmzellen entzündeten, als sie mit Bakterien der normalen Darmflora in Kontakt kamen.

 

Die Forscher vermuten daher, dass die Unterdrückung des Immunsystems ein Zeitfenster für die Kolonialisierung mit hilfreichen Bakterien schaffen soll. »Diese aufwendige Regulierung macht mehr Sinn als eine Unreife des Immunsystems«, sagt Way in einer Pressemitteilung. Denn sie erlaube eine Hochregulierung der Abwehr, falls diese benötigt wird. Noch ist unklar, ob die Daten auch auf Menschen zu übertragen sind. Falls die gleichen suppressiven Zellen bei Menschen vorkommen, könnte man an Methoden arbeiten, um die Wirksamkeit von Impfungen zu steigern. Way konnte zeigen, dass auch das Nabelschnurblut von Menschen eine hohe Zahl an CD71-Zellen besitzt. Bevor Lehrbücher umgeschrieben werden, müssen die Ergebnisse allerdings noch bestätigt werden. /

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