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Badeotitis

Essigsaure Tonerde als Therapeutikum?

27.11.2012
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Von Ursula Lang / Zur Behandlung einer Badeotitis werden im NRF verschiedene Rezepturen angeboten. Eine davon ist eine alkoholfreie essigsaure Aluminiumacetat-Mischung. Da hier jedoch keine eindeutige Gehaltangabe angegeben ist, sollte eine kleine Untersuchung Klarheit schaffen.

Infektionen des Außenohrs kommen im Wasser- und Tauchsport häufig vor, da gechlortes oder salzhaltiges Wasser die Gehörgangshaut mazeriert, reizt und anfällig gegen bakteriellen Befall werden lässt. In Taucherkreisen wird zur Prophylaxe einer Otitis externa zu guter Ohrpflege sowie zur Anwendung desinfizierender Ohrentropfen geraten. Die dazu empfohlenen Rezepturen sind häufig Mischungen aus Glycerol und Ethanol oder Lösungen von verdünnter Essigsäure in 2-Propanol, die in Apotheken als Rezepturarzneimittel herzustellen sind (1). Nachteil dieser Mischungen ist jedoch, dass die alkoholische Grundlage das Ohr stark austrocknet und reizen kann. Als weitere Option zur Prophylaxe einer »Badeotitis« wird eine alkoholfreie essigsaure Aluminiumacetat-Mischung genannt: Ac. Acetic. 2,0; Alumin. Acetic 2 % ad 20,0 (2).

 

Kommen Kunden mit diesbezüglichen Verordnungen in die Apotheke, stellt sich zunächst die Frage, ob solche Rezepturen überhaupt hergestellt beziehungsweise abgegeben und somit in Verkehr gebracht werden dürfen. Bei nicht standardisierten Individualrezepturen sind Apotheker verpflichtet, Unklarheiten vor der Herstellung auszuräumen, um Zweifel an der Dosierung, am vorgesehenen Gebrauch – respektive an der Zulässigkeit der Rezeptur – vor Abgabe an den Kunden zu beseitigen. Wenn möglich sollte ein Apotheker gegebenenfalls nach Rücksprache mit dem verordnenden Arzt auf eine Magistralrezeptur zurückgreifen. Hier lohnt ein Blick in das NRF, in dem sich »Rezepturhinweise zu Ohrentropfen« finden, die körperwarm im äußeren Gehörgang anzuwenden sind, sofern sichergestellt ist, dass das Trommelfell nicht perforiert ist.

 

Als relevante NRF-Monographien für die oben erwähnten prophylaktisch einzusetzenden »Taucher-Mischungen« kommen »Ethanolhaltige Glycerol- Ohrentropfen 42,5%« (NRF 16.3) und »Essigsäure-Ohrentropfen 0,7%« (NRF 16.2) in Betracht. Weiterhin gibt es auch noch den Rezepturhinweis »Aluminiumacetat-tartrat zur Anwendung im Ohr«. Während jedoch sowohl für die Essigsäure-Ohrentropfen mit 0,7 % als auch für Glycerol-Ohrentropfen mit 42,5 % eindeutige Gehaltsangaben gemacht werden, ist dies bei Aluminiumacetat-tartrat nicht der Fall. Es findet sich lediglich eine Tabelle, in der ausgehend von der offizinellen Aluminiumacetat-tartrat-Lösung nach DAB, Vorschläge zur Anwendungskonzentration im Ohr gemacht werden, die von unverdünnt bis 14-fach mit Wasser verdünnt reichen, wobei auf die Aluminiumionen-Konzentration Bezug genommen wird.

 

Ein Blick in die Kommentare des DAB 7 und DAB 8 zeigt, dass sich die Angaben zur Dosierung von Aluminiumacetat-tartrat im Laufe weniger Jahre beträchtlich verändert haben. Wurde im Kommentar zu DAB 7 noch eine 15-fache Verdünnung für adstringierende Wundspülungen und Umschläge empfohlen, so sollte die Aluminiumacetat-tartrat-Lösung nach DAB-8-Kommentar nur noch etwa 60-fach verdünnt angewendet werden. An dieser Empfehlung hat sich auch in DAB 9 und DAB 10 nichts geändert. Gemäß Gebrauchsinformation aktuell verfügbarer Fertigarzneimittel soll Aluminiumacetat-tartrat-Lösung etwa 10- bis 15-fach verdünnt beziehungsweise als etwa 0,75 bis 1%-ige Aluminiumacetat-tartrat-Lösung angewendet werden; die Indikation »Anwendung im Ohr« wird nicht aufgeführt.

 

Von Interesse ist deshalb, welche keimhemmende Effektivität eine Aluminiumacetat-tartrat-Lösung in Abhängigkeit vom Verdünnungsgrad gegen Krankheitserreger wie Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus oder Escherichia coli aufweist, die als häufige Verursacher von Ohrinfektionen in Betracht kommen. Es wurde eine mikrobiologische Studie zur Bestimmung der jeweiligen minimalen Hemmkonzentration (MHK) gegen mehrere pathogene Keime in Auftrag gegeben:

 

Prüfmuster 1, Aluminiumacetat-tartrat-Lösung DAB (1,4 % Aluminium, 6 %  Essigsäure), (Gehalt Aluminiumacetat-tartrat circa 10 %), pH-Wert 4,08

Prüfmuster 2, eine Lösung von 1 g Aluminiumacetat-tartrat (Tablette) in 10  ml Wasser, pH-Wert 3,92

Prüfmuster 3: natürlicher Weißweinessig (circa 6 % Essigsäure), pH-Wert 2,79

 

Während der Essig in vitro bereits in Konzentrationen von 0,1 bis 0,2 % Essigsäure wirksam war – was einer etwa 60- bis 30-fachen Verdünnung mit Wasser entspricht – erwies sich Aluminiumacetat-tartrat-Lösung trotz des spezifizierten Gehalts von 6 % Essigsäure als deutlich schwächeres Antiseptikum. Erklärbar ist die geringere bakterienhemmende Wirkung dadurch, dass bedingt durch den höheren pH-Wert der Aluminiumacetat-tartrat-Lösung ein größerer Anteil Essigsäure dissoziiert vorliegt und somit nicht als bakterizides Agens zur Verfügung stehen kann: nur nicht-dissoziierte Essigsäure kann als lipophiles Molekül die Bakterienmembran durchdringen (3). Die antiseptische Wirkung der essigsauren Tonerde beruht somit sehr wahrscheinlich nicht auf den Aluminiumionen, sondern auf dem nicht-dissoziierten Anteil an Essigsäure. Um einen zu Essigsäure vergleichbaren bakteri­ziden Effekt gegen Escherichia coli, Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeruginosa zu erzielen, müsste offizinelle Aluminiumacetat-tartrat-Lösung etwa 4- bis maximal 8-fach mit Wasser verdünnt angewendet werden.

 

Angesichts dieser In-vitro-Ergebnisse hat essigsaure Tonerde-Lösung bei ausreichend hoher Dosierung durchaus das Potenzial, als leicht saures, alkoholfreies Antiseptikum zur Prophylaxe des »Taucherohrs« oder sogar zur alternativen Therapie leichter Formen von Otitis externa eingesetzt zu werden. Solange es jedoch weder ein für diese Indikation zugelassenes Fertigarzneimittel noch eine NRF-Monographie mit einer eindeutigen Dosierungsangabe gibt, tragen verordnender Arzt und abgebender Offizin-Apotheker eine »besondere« Verantwortung für Herstellung und Abgabe von »Aluminumacetat-tartrat zur Anwendung im Ohr«. /

 

Literatur

...bei der Verfasserin

Tabelle: Prüfung von Essig und Aluminiumacetat-tartrat auf antimikrobielle Wirksamkeit in Anlehnung an DIN 58940 Teil 7 (Mikrodilutionsmethode)

Testkeim Prüfmuster MHK [%] Essigsäure MHK [%] Aluminium MHK [%] Aluminium- actetat-tartrat
Escherichia coli ATCC 8739 1 1,5 0,35 (ca. 2,5)
2 1,25
3 0,19
Staphylococcus epidermidis DSM 1798 1 1,5 0,35 (ca. 2,5)
2 1,25
3 0,19
Proteus vulgaris DSM 13387 1 0,75 0,18 (ca. 1,25)
2 1,25
3 0,19
Pseudomonas aeruginosa ATCC 9027 1 1,5 0,35 (ca. 2,5)
2 1,25
3 0,09
Staphylococcus aureus ATCC 6538 1 1,5 0,35 (ca. 2,5)
2 2,5
3 0,19

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