Pharmazeutische Zeitung online
HIV

Ein Virus verändert die Welt

28.11.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Mathias Arnold / Aids ist die Krankheit der Moderne. Auch wenn nur vergleichsweise wenige Menschen in den entwickelten Ländern direkt betroffen sind, ist der Bekanntheitsgrad immens. Inzwischen wurden geschätzte 100 Milliarden Dollar in die Erforschung und Bekämpfung der Krankheit investiert, ohne dass eine Heilung in Sicht ist. Was ist das Besondere an Aids?

Das Phänomen Aids nur aus einem medizinischen Blickwinkel zu betrachten, greift zu kurz. Um die ganze Bedeutung der Krankheit zu erfassen, müssen vielfältige gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Besonderheiten und Entwicklungen berücksichtigt werden. So gesehen hat die Viruskrankheit nicht nur das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen, der Ärzte und Wissenschaftler beeinflusst. Das Virus veränderte das Weltbild der Menschheit auf eindrucksvolle Weise. Ein Überblick – vorwiegend aus der Sicht der Industrienationen.

Bis heute ist noch nicht endgültig geklärt, wann genau das HI-Virus in die mensch­liche Population eingefallen ist. Klar ist, dass es nicht erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Die massen­hafte Verbreitung ist jedoch mit den gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit verknüpft.

 

Gewaltsame Umbrüche

 

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von gewaltigen Umbrüchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich eine neue internationale Kräftekonstella­tion. Zwei Blöcke standen sich waffenstarrend gegenüber und führten in verschiedenen Gegenden der Welt Stellvertreterkriege. In Afrika brach nach teilweise blutigen Befreiungskriegen das Kolonialsystem zusammen. Jedoch konnten die neuen Nationalstaaten die Regionen oft nicht befrieden. Bürgerkriege wüteten – gekennzeichnet durch eine erschreckende Brutalität. Hunger, Gewalt, Flucht und Vertreibung lösten gewaltige Wanderungsbewegungen aus und zerstörten leider oft auch juristische, menschliche und zwischenmenschliche Verhaltensnormen. Sexuelle Gewalt gegen Männer, Frauen und Kinder wurde zu einem Mittel der Kriegsführung.

Gleichzeitig entstanden neue globale Verkehrsverbindungen und die Urbanisierung ließ gewaltige Mega-Citys anwachsen. Menschen migrierten über weite Entfernungen, oft sogar transkontinental.

 

In den westlichen Industrieländern veränderte die 1968er-Revolution das politische Klima. Nach der strengen Lebensdoktrin des »Dritten Reichs« und der Nachkriegsära gewannen liberale Auf­fassungen die Oberhand, zumindest in der Öffentlichkeit. Die Selbstverwirkli­chung des Individuums und die sexuelle Befreiung standen im Mittelpunkt. Viele Menschen genossen die Freiheiten und experimentierten mit neuen Formen des Zusammenlebens.

 

Seit den gewalttätigen Auseinander­setzun­gen zwischen Homosexuellen und der Polizei in der New Yorker Christopher Street (Stonewall-Aufstand) im Juni 1969 bildete sich in den USA, aber auch in anderen Ländern eine aktive Schwulen- und Lesbenbe­we­gung. Diese trat aktiv und öffentlichkeitswirksam für eine Entkriminalisierung und gegen die Diskriminierung der Homosexualität ein. Das gesellschaftliche Klima in den Industrienationen begann sich zu wandeln.

 

Vor 30 Jahren – die erste Meldung

 

Am 5. Juni 1981 erschien eine eher kurze und unauffällige Meldung im »Morbidity and Mortality Weekly Report« (MMWR) des amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC). Der Arzt Michael Gottlieb berichtete über fünf Fälle einer seltenen Form der Lungenentzündung durch den Pilz Pneumocystis jiroveci (damals P. carinii genannt) in Verbindung mit Candida-Infektionen. Ein Erkrankungsbild, das normalerweise nur bei immunsupprimierten Patienten beobachtet wird. Merkwürdig: Alle Patienten waren jung und bis dahin gesund. Und sie waren homosexuell . . .

 

Diese Meldung gilt als der Beginn einer der größten Seuchen unserer Zeit: Aids!

 

Damals allerdings waren weder die Ursache der merkwürdigen Erkrankungen noch ein Zusammenhang der Einzelfälle bekannt. Doch schon wenige Monate später gingen weitere Berichte über Patienten mit analogen Symptomen bei den Gesundheitsbehörden ein. Auffällig häufig wurde auch von Kaposi-Sarkomen, einer sonst sehr seltenen Krebsart, berichtet.

 

Schon jetzt wurde zumindest einigen Wissenschaftlern klar, dass es sich nicht um kuriose Einzelfälle handelte, sondern um den Beginn einer eventuell dramatischen Epidemie. Die einzige Übereinstimmung bei den räumlich, zeitlich und sozial voneinander getrennten Krankheitsausbrüchen war die Homosexualität der Patienten.

 

Retroviren rücken in den Fokus

 

Aids stellte von Anfang an medizinisch, aber auch soziologisch den Beginn einer neuen Ära dar. Rein medizinisch gesehen handelte es sich »nur« um eine neue Krankheit, die von einer wenig beachteten Virusspezies, den Retroviren, ausgelöst wird. Dagegen führte die gesellschaftliche Rezeption der Krankheit zu wesentlichen Umbrüchen und Paradigmenwechseln.

Das erste Medikament

Hiroaki Mitsuya vom National Institute of Health in den USA wies 1985 nach, dass Azidothymidin (AZT, heute Zidovudin) als Hemmstoff der Reversen Transkriptase (RT) des HI-Virus wirkt. 1987 wurde Retrovir® als erstes Arzneimittel zur Behandlung der HIV-Infektion zugelassen. Obwohl es erhebliche Nebenwirkungen auslöste und zeitlich nur sehr begrenzt wirksam war, bedeutete AZT einen wesentlichen Fortschritt und wichtigen Ansatz für die Entwicklung weiterer Wirkstoffe. Wissenschaftler suchten nach neuen Targets für die antiretrovirale Therapie. Retrovir® war damals das teuerste verschreibungspflichtige Medikament.

Die Erkrankung rückte die bis dahin wenig beachteten Retroviren in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihre Besonderheit, das eigene Erbmaterial, das in Form einer RNA vorliegt, in eine DNA umzuschreiben und diese in das Genom des Wirtes zu integrieren, wurde nun umfassend erforscht. Die neuen Erkenntnisse verbesserten nicht nur das Verständnis der HIV-Infektion, sondern waren auch ein wichtiger Baustein im Verständnis von krebsauslösenden Onkogenen.

 

In engem zeitlichen Zusammenhang mit den medizinischen Fortschritten bei Aids entstanden neue moderne Technologien wie Genomanalyse, Verfahren der Strukturanalyse von Proteinen, Polymerase-Kettenreaktion oder die gezielte Synthese von Arzneistoffen durch Drug Design. Oft wurde deren Entwicklung oder flächendeckende Anwendung erst durch die finanziellen Mittel der Aids-Forschungsförderung möglich. Die Retroviren- und HIV-Forschung trieb die moderne Virusforschung erheblich vo­ran; viele ihrer Erkenntnisse stießen weiterreichende und heute selbstständige Forschungsgebiete an.

 

Gesellschaftliche Umbrüche

 

Doch auch in soziologischer Sicht veränderte Aids unsere Welt – zumindest die der Industrienationen. Die ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen in den USA sahen zunächst nur Homosexuelle als Betroffene.

Auch wenn sich sehr bald herausstellte, dass die Ansteckung genauso auf hete­ro­sexuellem Weg und durch infiziertes Blut oder infizierte Muttermilch möglich ist, war die Community der Schwulen in besonderer Weise betroffen. Einerseits wurde die Erkrankung als Problem einer Minderheit angesehen und eine gesamt­gesellschaftliche Betroffenheit verneint. Konservative religiöse Eiferer in den USA sahen Aids als eine »gerechte Strafe« für einen in ihren Augen unsittlichen Lebenswandel und nutzten die Krankheit zu Hetzkampagnen gegen jegliche Form des Liberalismus.

 

Andererseits waren die Betroffenen selbst in einer außergewöhnlichen Situa­tion. Nach der erfolgreich begonnenen Emanzipation in der Gesellschaft empfanden sie die Krankheit eher als Rückschlag und Bedrohung der erworbenen Freiheiten. Doch die Schwulen- und Lesbenbewegung nahm den Kampf mit der stigmatisierenden Krankheit auf. Eine Auseinandersetzung, die diese Bewegung letztlich stärken sollte.

 

Rückblickend kann man heute festhalten, dass die Anti-Aids-Bewegung einen wichtigen Beitrag zur ge­sellschaft­lichen Emanzipation von Schwulen und Lesben leistete. Aufklärungskampagnen und die verstärkte öffentliche Diskussion über das Tabuthema Homosexualität trugen dazu bei, viele Vorurteile zu korrigieren. Die Toleranz der Bevölkerung gegenüber Homosexualität nahm zu. Dass es heute für viele Prominente kein Problem mehr ist, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen, ist ein Ausdruck dieser veränderten Gesellschaftswerte. Und das ist gut so.

 

Der Beitrag der Medien

 

Viele Betroffene der Anfangszeit waren jung, dynamisch und gesellschaftlich oft sehr gut situiert. Zumindest diese konnten sich Gehör verschaffen, denn sie hatten durch die politischen Auseinandersetzungen der Schwulenbewegung viel Erfahrung im Umgang mit den Medien und der Politik. Und sie waren hervorragend vernetzt. Schon im Januar 1982 wurde in New York die »Gay Men’s Health Crisis« als erste Organisation zur Unterstützung von Menschen mit Aids gegründet. Zur gleichen Zeit erschien eine Artikelserie zum Thema in einer Schwulenzeitschrift in San Francisco. Erstmals meldete sich hier der Patient Bobby Campell zu Wort und berichtete über seine Situation. Aids hatte seinen Weg in die Medien gefunden.

Hit hard and early – mit Kombitherapie

Nach Zidovudin brachten auch die neuen Hemmstoffe der Reversen Transkriptase (Didanosin und Zalcitabin) keinen wirklichen Fortschritt. Die Therapien waren mit vielen Nebenwirkungen belastet, und das Virus wehrte sich erfolgreich. Unter dem Selektionsdruck der (Mono-)Therapie mit RT-Hemmern entstanden Resistenzen, die sich schnell ausbreiteten. Selbst in Patienten, die noch nie solche Arzneimittel erhalten hatten, fand man resistente Viren.

 

Ein entscheidender Erfolg war die Einführung des Proteaseinhibitors Saquinavir 1995. Mit der HIV-Protease konnte man nun ein weiteres Schlüsselenzym in der Virusvermehrung blockieren. Kombinationen wurden eingesetzt, um Resistenzen zu verhindern. Der Amerikaner David Ho entwickelte derartige Konzepte und beschrieb sie mit den Worten: »Time to hit HIV, early and hard«.

 

Die XI. Internationale Aids-Konferenz 1996 in Vancouver stand unter dem Motto »One World, One Hope«. Hier stellten Forscher erstmals die positiven Ergebnisse der Kombinationstherapie vor. Die gleichzeitige Anwendung von mindestens drei antiretroviralen Medikamenten aus verschiedenen Wirkstoffklassen erreichte eine bis dahin fast undenkbare Wirksamkeit. Nach Jahren der Frustration keimte Hoffnung. Patienten, die den sicheren Tod vor Augen hatten, bekamen eine neue Lebensperspektive. Auch wenn sich die Euphorie gelegt hat: Vancouver gilt noch immer als der große Durchbruch.

Unbeachtet und gesichtslos blieb die Epidemie jedoch viele Jahre in den sogenannten Entwicklungsländern. Millionen Menschen starben beispielsweise in Schwarzafrika infolge der erworbenen Immunschwäche, bevor die Seuche öffentliche Aufmerksamkeit fand und die reichen Länder alarmierte.

 

In Industrieländern war Aids von Beginn an ein mediales Thema, nicht zuletzt, weil diese Krankheit alles bot, was die Aufmerksamkeit des Publikums an sich riss und damit Auflage und Quote versprach. Eine unheimliche Krankheit, die junge gesunde Menschen tötete und gegen die die moderne Medizin machtlos war. Die Verbindung zu »sündigen ausschweifenden« Sexpraktiken, Promiskuität und Drogenmissbrauch. Die Betroffenheit von schillernden Persönlichkeiten aus dem Showbusiness. Schon die unklare Herkunft der unheilbaren Seuche beflügelte die Fantasie. Die unterschiedlichen Theorien sprachen Urängste der Menschen an:

 

Angst vor Fremdem: Stammt die Krankheit aus den Tiefen Afrikas?

Sodomie: Gelangte das Virus über Geschlechtsverkehr mit Tieren in die menschliche Population?

Angst vor der Wissenschaft: Ist das Virus aus einem Versuchslabor entkommen?

Angst vor Geheimdiensten: Haben Militärs oder Geheimdienste es als Waffe entwickelt?

Angst vor Stigmata: Sind die auffälligen Hautzeichen des Kaposi-Sarkoms die Stigmata der neuen Zeit?

 

Die Berichterstattung der Medien war über die Jahre hinweg keinesfalls einheitlich und konstant. Sprach man zunächst diskriminierend von einer »Schwulenseuche«, änderte sich die Berichterstattung schnell, als sich die Betroffenheit auf die ganze Gesellschaft ausdehnte. Nun wurde die dunkle Bedro­hung für die Welt zum Hauptthema.

 

Ein handfester Streit um den wissen­schaft­lichen Ruhm der Erstentdeckung des Virus bediente all jene, die sich nach Klatsch und Tratsch sehnten, und die Wirtschaftsseiten interessierten sich für Patentstreitigkeiten und horrende Arzneimittelpreise.

 

Öffentlicher Druck zwingt zu Veränderungen

 

Einen weiteren Wendepunkt markierte der Tod des Schauspielers Rock Hudson am 2. Oktober 1985. Es kam zu einer ersten breiten Solidarisierungswelle in der amerikanischen und internationalen Künstlergemeinde. Betroffene, deren Freunde und Kollegen traten öffentlich auf, führten Gespräche mit Journalisten und Politikern im Kampf gegen Aids und mobilisierten ihre Fans, dies auch zu tun.

 

Die umfangreiche Berichterstattung in den Medien machte die Realität der Krankheit öffentlich und förderte gleichzeitig die Bildung von Gemeinschaften von Betroffenen und Unterstützern. Diese wiederum transportierten ihre Botschaften an die Politik und die Gesellschaft via Massenmedien. Das Internet verstärkte dies exponentiell.

 

Zahlreiche Organisationen und ihre oft prominenten Unterstützer sorgten für eine dauerhafte Medienpräsenz. So entstand beispielsweise 1987 die Bewegung Act Up (AIDS Coalition to Unleash Power). In gut strukturierten Kampagnen forderte sie beschleunigte Zulassungsverfahren für Wirkstoffe zur Behandlung von HIV-Infektionen und opportunistischen Erkrankungen und Preissenkungen für antiretrovirale Arzneimittel.

In den Jahren nach 1988 führte die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) beschleu­nig­te Zulassungsverfahren (Fast Track, Accelera­ted Approval und Priority Review) ein und eröff­ne­te die Möglichkeit, experimentelle Wirkstoffe anzuwenden (Parallel Track). Ähnliche Verfahren wurden in der EU ab 2006 etabliert.

 

Im Oktober 1987 debattierte die Generalver­samm­lung der Vereinten Nationen mit dem Thema Aids erstmals über eine Krankheit. Man einigte sich darauf, den weltweiten Kampf gegen die Immunschwächekrankheit unter der Leitung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu führen. Ein Jahr später wurde der 1. Dezember zum Welt-Aids-Tag erklärt.

 

Aufklärung und Prävention werden wichtiger

 

In Deutschland entstand ein breiter gesellschaft­licher Konsens zu Fragen der Aids-Prävention und -Behandlung. Aufklärung und Selbstschutz waren die Hauptthemen von Aufklärungskam­pagnen. Diese stellten ein individuell praktiziertes Risikomanagement in den Mittelpunkt und lehnten eine Stigmatisierung bestimmter Gruppen oder Sexualpraktiken ab. Das Potenzial nicht-medizinischer Prävention wurde betont und konnte in einem eher liberalen gesellschaftlichen Klima offensiv propagiert werden.

 

Die aufmerksamkeitsstarken Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erreichten eine breite Öffentlichkeit und waren Vorreiter für eine neue Art der Sozialwerbung. Beispielhaft für die Kampagne »Gib AIDS keine Chance« ist der Fernsehspot »Supermarkt« (Milestone Pictures, Köln) mit Hella von Sinnen (»Tina, wat kosten die Kondome?«).

Die Rote Schleife (Red Ribbon), 1991 von der New Yorker Künstlergruppe »Visual AIDS« als ein globales Symbol geschaffen, war und ist auch in Deutschland das Zeichen für Solidarität und Toleranz gegenüber HIV-Infizierten und Aids-Kranken. Bis heute wurden hierzulande mehr als 20 Millionen Schleifen verteilt.

 

Auf gleicher Augenhöhe

 

Die Aids-Epidemie veränderte auch das Verhält­nis zwischen Behandler und Betroffenen, das auf einer asymmetrischen Verteilung von Information und Wissen beruhte. Selbsthilfevereinigungen, Kontaktstellen und Informationsaustausch unter den Betroffenen machten aus dem individuellen Problem quasi ein öffentliches gesellschaftliches Thema für den Patienten und seine Unterstützer. Zudem stärkten sie die Kenntnisse der Patienten. Der Arzt traf nun oft auf einen aufgeklärten, hervorragend informierten Patienten, der im Einzelfall mehr über seine Krankheit wusste als er selbst.

 

Nun wurde der Arzt tatsächlich zum Partner des Patienten und die Therapie zur Gemeinschafts­auf­gabe. Darin wirkte jeder – Arzt und Patient – an der Festlegung von Zielen und Wegen mit.

 

Auch die Position des Patienten änderte sich, denn der Verlauf der HIV- Infektion erzeugt eine Besonderheit: Aufgrund der langen Inkubationszeit und moderner Behandlungen entsteht ein neuer Typus von Patient. Der HIV-Positive ist noch nicht an Aids erkrankt, denn er zeigt keine Symptome. Er fühlt sich eher als »Leidender« denn als »Kranker«. Aber benötigt er eine regelmäßige medizinische Begleitung und komplexe Therapie; sein Leben ist geprägt durch teilweise massive Einschränkungen der persönlichen Freiheiten, zum Beispiel im Sexualleben, und ständige Unsicherheit über die weitere gesundheitliche Entwicklung.

 

Internationales Engagement

 

Von noch allgemeinerer Bedeutung sind die gesellschaftlichen Veränderungen, die Aids ausgelöst hat. Ab den frühen 1990er-Jahren kam es zu einer breiten Internationalisierung der Aids-Community. Wesentlich dafür waren die internationalen Aids-Konferenzen, die nicht nur dem fachlichen Austausch dienten, sondern immer auch ein Podium für politische Forderungen bildeten.

Noch keine Heilung in Sicht

Mit einer HAART (Highly Active Anti-Retroviral Therapy) gelingt es, die Viruslast bis unter die Nachweisgrenze zu senken (unter 40 Viruskopien/ml Blut) und damit die Progression von Aids deutlich zu verlangsamen. HIV-bedingte Symptome gehen zurück und das Immunsystem erholt sich (teilweise). Die Sterblichkeit sinkt unter einer HAART deutlich. Doch die Dauertherapie ist kompliziert und aufwendig. Sichtbare Nebenwirkungen wie eine Umverteilung des Unterhautfettgewebes und persönliche Einschränkungen durch feste Einnahmezeiten belasten die Patienten.

 

Mangelnde Adhärenz fördert aber die Entwicklung von Resistenzen. Immer lauter forderten die Betroffenen daher besser verträgliche Arzneimittel und nutzerfreundlichere Einnahmeschemata.

 

Nach der Jahrtausendwende kamen neue Wirkstoffe auf den Markt, die verschiedene Prozesse der Virusreplikation hemmen. Dazu gehören Fusions-, Entry- und Integrase-Inhibitoren. Heute stehen mehr als 20 Arzneimittel zur Verfügung. Dank fixer Wirkstoffkombinationen und neuer Formulierungen ist eine einmal tägliche Einnahme für einige Patienten schon möglich. In Entwicklungsländern gibt es ebenfalls Fixkombinationen, allerdings in begrenzter Auswahl.

 

Trotz aller Fortschritte: Eine sichere Eradikation des Virus, also eine Heilung der Krankheit ist bis heute nicht möglich.

Langsam rückten die gewaltigen Probleme, die die Aids-Epidemie vor allem in Afrika ausgelöst hatte, in den Mittelpunkt der Diskussion. Während die HIV-Infektion in Industrieländern ein Problem Einzelner ist, erschüttert sie gerade in Schwarzafrika die Fundamente der Gesellschaft. Wenn Väter und Mütter sterben, bleiben Kinder, oft selbst schon infiziert, als Waisen zurück oder müssen von Verwandten oder Großeltern aufgenommen werden. Neben dem Schmerz über den Tod der Eltern erleben Aids-Waisen häufig, dass sie selbst ausgegrenzt werden und kaum noch Chancen in der Gesellschaft haben. Traditionen, Wissen und Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, gehen plötzlich verloren. Zudem sind ganze Volkswirtschaften bedroht, wenn ein Großteil der leistungstragenden Altersgruppe ausfällt oder stirbt.

Bei den Aids-Konferenzen ging es nicht mehr nur um medizinische Probleme. Fragen der globalen Gerechtigkeit und Fairness tauchten auf. Der ethische Anspruch auf eine adäquate Behandlung eines kranken Menschen, der in der westlichen Welt keiner Diskussion bedurfte, wurde auf die internationalen Gesundheitssysteme übertragen. Der bisherige Public-Health-Ansatz der WHO für die armen Länder der Erde ging von einer »Primary health care« aus. Dies beinhaltete im Wesentlichen eine einfache medizinische Grundversorgung, schloss aber kompliziertere Behandlun­gen, zum Beispiel von insulinpflich­tigem Diabetes oder eine Nierendialyse, von vornherein aus. Ein System, das bis da­hin auch von den Interessenvertretungen der chronisch Kranken in den Industrie­staaten nie angegriffen wurde.

 

Anders die Aktivisten der Aids-Community. Sie forderten den Zugang zur HIV-Therapie auch für Menschen in den Entwicklungsländern. Dies fand in der breiten Öffentlichkeit viele Anhänger und löste schließlich einen Paradigmenwechsel in der internationalen Gesundheitspolitik und ihrer Finanzierung aus. Unter dem Druck der Öffentlichkeit sanken die Preise für antivirale Arzneimittel. Änderungen im Patentrecht erlaubten es den Entwicklungsländern, generische Arzneimittel zu nutzen. Schließlich gelangte das Thema auch in den Weltsicherheitsrat, auf den G8-Gipfel oder in die Gremien der Welthandelsorganisation (WTO).

 

Auch die Gründung des »Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria« ist Ausdruck dieser Entwicklung. Bemerkenswert: Es geht nicht mehr nur um Aids. Aus dem Kampf engagierter Menschen gegen Aids erwachsen Vorteile für andere Patienten. Beispielsweise werden Gelder für den Kampf gegen weitere Geißeln der Menschheit bereit gestellt. So hat die Krankheit, die etwas vollmundig als größte medizinische Katastrophe der Menschheit bezeichnet wird, in relativ kurzer Zeit das Verständnis von globaler Gerechtigkeit und Fairness in der Politik und im Bewusstsein vieler Menschen verändert. /

Der Autor

Mathias Arnold studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, erwarb das Diplom und erhielt 1988 die Approbation als Apotheker. Nach einer wissenschaftlichen Tätigkeit am Biotechnikum der MLU gründete er 1992 die Lilien-Apotheke in Halle. Arnold ist Fachapotheker für Offizinpharmazie (1997); seitdem ist die Lilien-Apotheke auch Weiterbildungsstätte. Arnold ist nicht nur Apothekenleiter, sondern hält regelmäßig Vorlesungen im 3. Staatsexamensabschnitt des Pharmaziestudiums an der MLU Halle und ist seit 2001 Mitglied der Prüfungskommission für den 3. Abschnitt des Staatsexamens Pharmazie in Sachsen-Anhalt. Er ist Mitglied der Kammerversammlung der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, seit November 1999 Mitglied im Vorstand des Landesapothekerverbands Sachsen-Anhalt und seit 2005 dessen Vorsitzender. In der ABDA wirkt er im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit mit.

 

Mathias Arnold, Lilien-Apotheke, Bernburger Straße 28, 06108 Halle, E-Mail: mathiasarn(at)aol.com

Mehr von Avoxa