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Diabetikerinnen

»Süße« Babys

30.11.2010
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Von Maria Pues / Was sich vor der Einführung des Insulins kaum eine Diabetikerin zu wünschen wagte, ist für sie heute erfreuliche Realität: eine Familie mit eigenen Kindern. Planung und sorgfältige Vorbereitung sind hier besonders gefragt. Leitlinien und Beratung helfen dabei.

Der Anteil schwangerer Diabetikerinnen an der Gesamtzahl der werdenden Mütter ist mit unter ein Prozent gering. Wie hoch dabei der Anteil von Frauen mit Typ-2- Diabetes ist, der bereits vor dem Kinderwunsch besteht, können auch Experten nur schätzen. Einigkeit besteht in der Prognose der Tendenz: Sie wird durchweg als steigend eingeschätzt, nicht zuletzt, weil immer Jüngere an Diabetes erkranken. Eine Patientenleitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft sorgt für Weit- und Durchblick. Nicht berücksichtigt werden sollen an dieser Stelle Diabeteserkrankungen, die sich erst nach der 20. Schwangerschaftswoche einstellen (Gestations­diabetes).

A und O ist wie immer, unabhängig vom Diabetestyp, eine sorgfältige Einstellung des Blutzuckers, und zwar nicht erst zu Beginn einer Schwangerschaft, sondern bereits mindestens drei Monate vorher. Dann sollte der HbA1c-Wert unter 7 Prozent, besser noch unter 6,5 Prozent liegen. Die Häufigkeit von Komplikationen erhöht sich mit der Höhe der Blutglucosekonzentration zur Zeit der Empfängnis.

 

Frühzeitig eine gute Einstellung

 

Mittel der Wahl während einer Schwangerschaft sind Humaninsuline. Dabei bereitet es zumeist weniger Schwierigkeiten, die im Umgang mit Pen und Blutzuckermessgerät erprobten Typ-1-Diabetikerinnen auf eine intensivierte oder eine Pumpentherapie umzustellen – falls sie sie nicht ohnehin anwenden –, als Typ-2-Diabetikerinnen »von Tabletten auf Spritzen«. Umgehen lässt sich diese zumeist nicht, da orale Antidiabetika während der Schwangerschaft kontraindiziert sind – einige wegen eines möglichen Fehlbildungsrisikos, andere, weil eine adäquate Stoffwechsel­einstellung mit ihnen schwieriger ist als mit Insulin. Ist ein Typ-2-Diabetes noch nicht allzu stark ausgeprägt oder erst vor Kurzem festgestellt, lohnt – je eher desto besser – ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm, um die Insulinempfindlichkeit zu erhöhen oder sogar wieder zu normalisieren. Auch eine Gewichtszunahme lässt sich so häufig in Grenzen halten. Von sportlicher Betätigung während der Schwangerschaft profitieren zudem sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetikerinnen, da sich so der in dieser Zeit recht hohe Insulinbedarf vermindern lässt. Wichtig ist, vor dem Sport den Blutzucker zu messen, damit es während des Sports nicht zu Hypogykämien kommt.

 

Während eine Umstellung von kurz wirksamen Analoginsulinen auf Humaninsulin nicht notwendig ist, wird von lang wirksamen Insulinanaloga durchweg abgeraten. Zwar haben sich bislang keine Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko gezeigt, allerdings ist nicht geklärt, ob Insulin glargin bei der werdenden Mutter nicht möglicherweise Netzhautveränderungen am Auge verstärkt.

 

Normnahe Werte dürfen nicht mit Hypogykämien erkauft werden, auch wenn sie, solange es Einzelfälle bleiben, dem Ungeborenen vermutlich nicht schaden. Die Gefahr für diese ist besonders im 1. Trimenon hoch und dann besonders nachts. Eine kleine Kohlenhydrat- und Eiweißmahlzeit vor dem Schlafengehen, zum Beispiel ein Joghurt und ein wenig Obst, mindern bereits die Gefahr. Wichtig ist, dass nicht nur die Diabetikerin selbst im Umgang mit der möglichen Notfallsituation und dem Notfallset geschult ist, sondern auch der Partner oder andere Familienmitglieder. Ab dem 2. Trimenon benötigen Diabetikerinnen zunehmend mehr Insulin. Der Bedarf erhöht sich zusätzlich, wenn die werdende Mutter unter einem Typ-2-Diabetes leidet und übergewichtig ist. Zu bedenken ist auch, dass Schwangerschaftsübelkeit und vor allem Erbrechen zu einem schwer berechenbaren Insulinbedarf bis hin zu einer Unterzuckerung führen können. Hier ist frühzeitig ärztlicher Rat gefragt.

 

Wird hingegen der Blutzucker nicht ausreichend gesenkt, kann dies beim Ungeborenen zu erhöhten Insulinspiegeln führen, indem der erhöhte Gehalt an Blutglucose die sich entwickelnden Zellen der kindlichen Bauchspeicheldrüse zum Wachsen anregt. Die erhöhten Insulinspiegel bremsen die Verwertung von Fett und führen insgesamt zu einem vermehrten Körperwachstum und einer Fetteinlagerung beim Ungeborenen. Ein erhöhtes Geburtsgewicht von zum Teil über 4 kg ist die Folge. Die Größe des Kindes erschwert eine natürliche Geburt.

 

Die Schilddrüse nicht vergessen

 

Wie die Blutzucker-Zielwerte während der Schwangerschaft aussehen sollten, zeigt die Tabelle. Die Patientenleitlinie Diabetes und Schwangerschaft der Deutschen Diabetes Gesellschaft empfiehlt außerdem, die gemessenen Werte des Tages zu addieren und durch die Anzahl der Messungen zu teilen.

Tabelle: Diese Zielwerte empfiehlt die Patientenleitlinie Diabetes und Schwangerschaft

Zeitpunkt der Messung mg/dl mmol/l
vor den Mahlzeiten 60-90 3,3-5,0
1 Stunde nach Beginn der Mahlzeit < 140 < 7,7
2 Stunden nach Beginn der Mahlzeit < 120 < 6,6
vor dem Schlafengehen (circa 22-23h) 90-120 5,0-6,6
nachts zwischen 2 und 4h > 60 > 3,3

Ein Mittelwert unter 85 mg/dl (4,7 mmol/l) weist auf zu viel Insulin hin, ein Mittelwert über 105-110 mg/dl (5,8-6,1 mmol/l) auf zu wenig. Besonderes Augenmerk sollten Diabetikerinnen auf den Wert eine Stunde nach Beginn der Mahlzeit haben, da dieser den stärksten Einfluss auf die Entwicklung des Kindes ausübt. Ist er erhöht, sollte er jedoch nicht zwangsläufig »heruntergespritzt« werden. Dies ist erst bei 200 mg/dl (11,0 mmol/l) notwendig. Regelmäßig erhöhte Werte sollten beim Diabetologen zur Sprache gebracht werden. Um verlässliche Werte zu erhalten, sollten die Messgeräte regelmäßig kalibriert werden.

 

Zu hohen Blutdruck senken

 

Nicht nur der Blutzucker bedarf verstärkter Kontrollen. Typ-1-Diabetikerinnen haben ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenfunktionsstörungen, insbesondere einer Autoimmunthyreoiditis. Vor allem Unterfunktionen wirken sich negativ auf die Hirnentwicklung des Ungeborenen aus, was sich in Form anhaltender kognitiver und motorischer Defizite äußert. Bei der Klärung des Schilddrüsenstatus kann auch die Frage beantwortet werden, ob von der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) üblicherweise für Schwangere empfohlenen Jodidmenge von 230 µg pro Tag ausnahmsweise abgewichen werden muss.

 

Ebenfalls bereits bei sich konkretisierendem Kinderwunsch bedacht werden sollte eine Einnahme von Folsäure. Diese sollte spätestens vier Wochen vor der Empfängnis beginnen und bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche weitergeführt werden, um das Fehlbildungsrisiko an Lippen, Kiefer und Gaumen sowie am Neuralrohr zu senken. Die DGE empfiehlt Schwangeren eine tägliche Zufuhr von 600 µg Folatäquivalenten.

Typ-2-Diabetiker leiden häufig zusätzlich an einem Bluthochdruck. Wird dieser mit ACE-Hemmern oder AT1-Antagonisten behandelt, muss die Blutdruckbehandlung noch vor Beginn der Schwangerschaft umgestellt werden, da bei Verwendung von Arznei­mitteln aus dieser Gruppe mit einem erhöhten Fehlbildungsrisiko zu rechnen ist. Alpha-Methyldopa (Presinol®) ist hier Mittel der Wahl. Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg werden angestrebt.

 

Tritt eine plötzliche Blutdruckerhöhung bei zuvor Blutdrucknormalen erst in der zweiten Schwangerschaftshälfte auf und ist diese mit Schwellungen an Gesicht und Händen sowie mit einer erhöhten Einweißausscheidung über den Urin verbunden, weist dies auf eine Gestose hin, die stationär überwacht werden sollte.

 

Daneben ist die Gefahr für bakterielle Infektionen der Harnwege und der Scheide bei Diabetikerinnen erhöht. Besondere Aufmerksamkeit durch die werdende Mutter und regelmäßige Kontrollen durch den Arzt helfen, frühzeitig eine (Antibiotika-)Behandlung zu starten und damit einer unnötig langen Behandlungsdauer vorzubeugen. Dies ist besonders wichtig, da die erhöhte Infektanfälligkeit mit einer erhöhten Frühgeburtenrate verbunden ist.

 

Rauchen einstellen

 

Dass werdende Mütter besser nicht rauchen, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Für Diabetikerinnen trifft das sogar mehrfach zu. Denn die Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs verschlechtern über verschiedene Angriffspunkte einerseits den Diabetes selbst, andererseitsauch die durch Zuckerkrankheit möglicherweise ohnehin beeinträchtige Durchblutung – nicht zuletzt der Plazenta. Auch die Netzhaut der werdenden Mutter, die bei Typ-1-Diabetikerinnen ohnehin stärker gefährdet ist, kann durch Rauchen zusätzlich geschädigt werden. / 

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