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Gesundheitswirtschaft

Wachstumstreiber statt Kostenfaktor

24.11.2009
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Von Martina Janning, Berlin / Der Gesundheitsmarkt hat das Zeug, noch stärker zu wachsen als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums. Bis 2030 könnten rund zwei Millionen neue Arbeitsplätze in der Gesundheitswirtschaft entstehen und die Bruttowertschöpfung der Branche um drei Prozent steigen.

Die Gesundheitswirtschaft schafft mehr Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze als bisher angenommen. Dies ist das Ergebnis einer Expertise im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi). Darin kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass der Anteil der Gesundheitswirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis zum Jahr 2030 von derzeit rund zehn Prozent auf knapp 13 Prozent ansteigen und die Zahl der Beschäftigten von fast 5,4 auf 7,4 Millionen Menschen wachsen kann. Das entspreche einem Plus von 138 Milliarden Euro auf 345 Milliarden Euro im Zeitraum von 2005 bis 2030.

 

Potenzial für Millionen neue Jobs

 

Während im Jahr 2005 jeder Siebte in der Gesundheitswirtschaft tätig war, wäre es 2030 dann jeder Fünfte. »Wir müssen die Wachstums- und Beschäftigungspotenziale der Gesundheitswirtschaft heben und diese Entwicklung wirtschaftspolitisch flankieren«, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Ernst Burgbacher (FDP) bei der Vorstellung der Ergebnisse vorige Woche im BMWi in Berlin.

 

Das Gutachten ist eine Gemeinschaftsarbeit von Roland Berger Strategy Consultants, dem Zentrum für innovative Gesundheitstechnologie der Technischen Universität (TU) Berlin und der Basys GmbH. Das Ministerium habe mit dem Gutachten Neuland betreten, betonte Burgbacher. Eine derartige Gesamtrechnung gebe es bislang – auch weltweit – nicht. Dieses sogenannte Satellitenkonto nimmt für sich in Anspruch, den Bereich Gesundheit erstmals als Wirtschaftszweig zu erfassen und zu vermessen. Es trage damit einem Paradigmenwechsel Rechnung, bei dem aus dem Gesundheitswesen die Gesundheitswirtschaft wird, und Gesundheit nicht länger als Kostenfaktor gilt, sondern als ein Wachstumsmarkt mit neuen Berufschancen, erklärte Dr. Karsten Neumann von Roland Berger Strategy Consultants. Gesundheit, so das neue Verständnis, ist kein abgegrenzter Bereich, sie beeinflusst vielmehr alle Lebensbereiche.

 

Als die wichtigsten Wachstumstreiber identifizieren die Gutachter den demografischen Wandel, der zu einem Anstieg der alten Bevölkerung und komplexen Krankheitsbildern führen wird, ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein und eine erhöhte Nachfrage nach Exporten, weil der Gesundheitsmarkt international wächst.

 

Die stärksten Wachstumsraten sehen die Gutachter bei den Exporten. Sie haben errechnet, dass sie um 2,1 Prozent im Jahr zunehmen und ihr Anteil am gesamten Gesundheitsmarkt von 8,8 Prozent im Jahr 2005 auf 12,7 Prozent im Jahr 2030 klettern wird. Allerdings nennen die Autoren der Analyse auch dämpfende Faktoren.

 

Dazu zählen eine schrumpfende Bevölkerung, die langfristig weniger Gesundheitsleistungen nachfragt, der Wegfall von Arbeitsplätzen durch steigende Produktivität beim Herstellen von Gesundheitsgütern und Gesetze, die die Wirkung des medizinisch-technischen Fortschritts abschwächen.

Professor Dr. Klaus-Dirk Henke von der Technischen Universität Berlin skizzierte, warum es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, in Gesundheit zu investieren.

 

Gesunde sind produktiver

 

Demnach sind gesunde Erwerbstätige produktiver und können ein höheres Einkommen erwirtschaften. Gesunde Menschen können später in Rente gehen, und Arbeitsausfälle wegen Krankheit und Frühverrentung nehmen ab. Durch einen verbesserten Gesundheitszustand und eine längere Lebensarbeitszeit lohnen sich Investitionen in Bildung stärker und erhöhen die Produktivität. Für die Zukunft prognostizierte Henke, dass Gesundheit im Vordergrund stehen werde und nicht mehr die Krankheit. »Die Wege zu mehr Gesundheit werden uns wirtschaftlich treiben«, sagte er. Das Satellitenkonto soll ein Analyseinstrument für Wirtschaft und Politik sein, das volkswirtschaftliche Verflechtungen transparent macht und Wachstumspotenziale aufzeigt.

 

Staatssekretär Burgbacher berichtete in Berlin erfreut, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD großes Interesse an den Ergebnissen bekundet habe. Wenn es nach dem Wunsch des Ministeriums und der Gutachter geht, soll dieser erste Datensatz regelmäßig alle zwei Jahre aktualisiert werden. Das ist aber noch keine beschlossene Sache.

 

Unterstützung bekam dieser Vorstoß von den forschenden Pharmaunternehmen. »Diese beeindruckende gesundheitswirtschaftliche Gesamtrechnung darf keine Momentaufnahme bleiben; das Projekt sollte weiterverfolgt werden«, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Cornelia Yzer. Zudem sei »es jetzt an der Zeit, die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Wachstumspotenziale der Gesundheitswirtschaft in den Blick zu nehmen. Hierbei müssen Wirtschafts-, Gesundheits- und Forschungspolitik an einem Strang ziehen.« /

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