Pharmazeutische Zeitung online
Menschen mit Behinderung

Lautlose Sprache der Tiere hilft heilen

23.11.2009
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Von Elke Wolf / Wer etwas für seine Gesundheit tun will, sollte auf den Hund kommen. Oder auf den Rücken speziell trainierter Pferde. Oder mit Delfinen schwimmen. Vor allem behinderte Kinder und alte Menschen profitieren von den tierischen Therapeuten auf vielfältige Weise.

In einem Dorf in der Nähe von Hannover, in Lindwedel, gibt es seit 15 Jahren ein ganz besonderes Institut. Dort sind Esel und Enten, Hühner und Hunde, Kaninchen und Katzen die entscheidenden Mitarbeiter. Die Tiere sollen Patienten zum Sprechen animieren und Krankheiten besser behandelbar machen. Sie reisen zusammen mit ihren menschlichen Begleitern in Krankenhäuser und Altenheime, in Schulen und Kindergärten für behinderte Kinder. Im »Institut für soziales Lernen mit Tieren« bietet Leiterin Ingrid Stephan zudem einwöchige tiergestützte Intensivtherapien für Familien mit behinderten, autistischen oder sozial auffälligen Kindern an, bei denen die Familien in Ferienwohnungen nahe des Instituts wohnen.

 

Die therapeutische Arbeit geht immer vom Wunsch des Patienten nach einem Tier und nach gemeinsamen Aktivitäten aus. Dabei stehen ihm eine Sozialpädagogin und eine Ergotherapeutin zur Seite. Was können Tiere in der Behandlung, was Menschen oder Geräte nicht können? Im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung erklärt Stephan: »Es gibt keinen Erwartungsdruck. Tiere sind einfach präsent. Sie holen den Klienten da ab, wo er steht. Therapeuten oder Pädagogen gehen immer mit Erwartungen und Zielsetzungen an die Behandlung heran. Außerdem sind Tiere einfach authentisch. Wenn sie zeigen, dass sie sich freuen, freuen sie sich tatsächlich. Sie kennen keine Höflichkeitsfloskeln. Das ist für die Menschen, die wir betreuen, sehr wichtig. Sie brauchen eine klare und deutliche Botschaft.«

 

Beim Versorgen der Tiere erleben die kleinen Patienten, dass sie durch ihr eigenes Tun etwas bewirken können. »Sie erfahren also Selbstwirksamkeit. Im Alltag ist es ja eher so, dass sie geführt werden. Aber mit den Tieren kehren sich die Rollen um«, veranschaulicht die Sozialpädagogin. Nach dem Tierkontakt versuchen oft selbst schwerstbehinderte Kinder, vermehrt Laute zu formulieren. Sie wachen auf, fangen an zu greifen und sind »einfach mal da«, schildert die Expertin ihre Eindrücke. »Autistische Kinder haben ein hohes Maß an Kommunikations- und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen. Doch Tiere können eine Türe öffnen. Und schaffen damit einen Zustand, mit dem man gut weiterarbeiten kann.«

 

Die Tiere, die bei Stephan in Einsatz sind, sind speziell ausgesucht und ausgebildet, sodass sie sich auch in außergewöhnlichen und extremen Situationen ruhig und besonnen verhalten. Die Tiere hätten ein Gespür für ihr Gegenüber, erklärt die Fachfrau. »Das Tier geht mit einem behinderten Kind um wie mit einem rohen Ei.«

 

Eine Woche Kurzzeittherapie: Reicht das, um die genannten Effekte erzielen zu können?, will die PZ wissen. »Die eine Woche ist eine intensive Zeit. Wir versuchen ganz bewusst, eine Urlaubssituation zu schaffen, weil dann die Eltern den Kopf freier haben, um viel zu besprechen. Die Tage sind ausgefüllt mit Therapiestunden und Kinderbetreuung, Beratung der Eltern, Betreuung des Geschwisterkindes und Besprechung einer Nachsorgeeinrichtung. Die Eltern gehen mit sehr viel Input nach Hause.«

Hunde für Handicaps

Maja führt ihren blinden Herrn sicher durch den Alltag und die Stadt. Toni stupst ihre taube Herrin, wenn die Haustürglocke bimmelt. Rocca holt für ihr Frauchen, die im Rollstuhl sitzt, allerlei Gegenstände und bringt die Briefe zur Post. Blindenführhunde – an ihren weißen Führgeschirren erkennbar – sind der Öffentlichkeit bekannt. Jedoch gibt es heute viele anderweitig behinderte Menschen, die ein sogenanntes Assistenz- oder Rehabilitationstier, meist einen Hund, um sich haben.

 

Deutschland hatte als eines der ersten Länder den Blindenführhund eingeführt, infolge der vielen Kriegsblinden des Ersten Weltkriegs. Schäferhund, Labrador oder Golden Retriever sind die bevorzugten Rassen. Heute hat in Deutschland nur noch jeder 75. blinde Mensch einen solchen vierbeinigen Freund und Helfer. Dabei ermöglicht ein gut ausgebildeter Führhund seinem Halter ein hohes Maß an individueller Mobilität, Sicherheit und Unabhängigkeit und trägt damit entscheidend zur gesellschaftlichen Teilhabe blinder Menschen bei.

 

Die Ausbildung eines Blinden- oder Behindertenbegleithundes in privaten Führhundeschulen ist aufwendig und kostet zwischen 15 000 und 25 000 Euro. Da Blindenführhunde als »Hilfsmittel im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung« gelten, übernehmen die Kassen die Kosten für die Ausbildung des Hundes. Anders bei den Behindertenbegleithunden: Die Kosten für Ausbildung und Anschaffung muss der Halter selbst tragen. Zuwendungen für den Hund, zum Beispiel Futter oder Tierarztkosten, kann er bei der Steuererklärung als außergewöhnliche Belastungen geltend machen. Rechtlich gesehen ist der Blindenführhund besser gestellt als etwa der speziell ausgebildete Gehörlosenhund. So dürfen Blindenführhunde Behörden, Einkaufsläden oder Theater betreten, während andere Assistenzhunde dies nur in Ausnahmefällen dürfen.

 

Ein ausgebildeter Führhund beherrscht etwa 40 Hörzeichen wie »Such Ausgang«, »Voran« oder »Such Zebra«. Dass die Hunde die Farbe des Ampelmännchens erkennen, ist allerdings ein Gerücht. Der Hund lernt zwar das Hörzeichen »Such Ampel« und springt an dieser hoch, sobald er eine erreicht hat. Doch wann die Ampel auf Grün stellt, kann er nicht erkennen. Das muss der Blinde über das Piepsen feststellen oder aus dem Verkehrslärm schließen. Er kann natürlich auch Passanten fragen.

Tierisch gute Therapeuten

 

Der Hund im Krankenhaus, das Kaninchen im Altenheim, das Pferd beim therapeutischen Reiten: Tiere spielen in der Behandlung besonders von Menschen mit psychiatrischen und neurologischen Krankheiten, der Linderung diverser Behinderungen und der Bewältigung des Alterns zunehmend eine Rolle. Forschungseinrichtungen, Ministerien und Institutionen der Altenhilfe wie das Kuratorium Deutsche Altershilfe sprechen sich klar für Tiere, selbst in stationären Einrichtungen, aus. Derzeit werden in Deutschland drei Formen von Tierkontakten als alternativmedizinische Verfahren praktiziert (17).

 

Zeitweilige Gäste: Beim »Besuchsdienst« kommen Tiere, die normalerweise in privaten Haushalten leben, mit ihrem Halter stundenweise zu Besuch in die Einrichtung, etwa ein Pflegeheim. Diese Art des Tierkontakts gehört zu den tiergestützten Aktivitäten (AAA: Animal Assisted Activities) und soll Abwechslung in das Leben der Bewohner bringen, ohne dass die Einrichtung Verantwortung für die Haltung übernehmen muss.

Streichelzoo für betagte Patienten: Die Tiere werden direkt in der Einrichtung gehalten und vom Personal versorgt, zum Beispiel als Stationskatze in einer psychiatrischen Klinik. Immer mehr Altenheime erlauben ihren Bewohnern zudem, mit ihrem Liebling einzuziehen, egal ob gefiedert, geschuppt oder vierbeinig. Eine Variante sind Tierbegegnungshäuser: Entsprechend ausgestatte Ställe befinden sich auf dem Gelände der Einrichtung. Heimbewohner können die Tiere, allein oder mit Pflegern und Therapeuten besuchen. Wichtiger Nebeneffekt: Die Enkel der Bewohner oder Kinder aus der Nachbarschaft kommen, angelockt durch die Tiere, öfter zu Besuch. Die Tiergehege stehen meist auch Schul- und Kita-Gruppen offen. So haben Senioren und Kranke wesentlich mehr Kontakt zu jungen Leuten. Das steckt hinter dem Schlagwort »Tiere als soziale Katalysatoren«.

Eisbrecher: Bei der tiergestützten Therapie (Animal Assisted Therapy: AAT) ist im Gegensatz zu den AAA ein professionelles Therapiekonzept mit entsprechender Dokumentation gefordert. So werden Hunde beispielsweise in der Ergotherapie mit behinderten Kindern als Kotherapeuten eingesetzt. Bei der Hippotherapie trainieren Behinderte auf einem speziell geschulten Pferd ihren Gleichgewichtssinn und ihr Selbstbewusstsein. Und bei der Delfintherapie setzt man die Tümmler als »Eisbrecher« ein, damit die behinderten Kinder bei nachfolgenden Behandlungen konzentrierter und wacher mitarbeiten können.

 

Wissenschaftlich erforscht wird der Einfluss von Tieren auf Gesundheit und Wohlbefinden seit den 1970er-Jahren. Dennoch gibt es nicht sehr viele gute Studien zum Thema. Ihr Manko: Untersuchungsergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf andere Situationen übertragbar. Oft sind die Teilnehmerzahlen recht klein, oder es fehlt eine Kontrollgruppe. Den wenigsten Studien liegt ein sauberes Forschungsdesign ­zugrunde. Kritiker halten außerdem einen starken Placebo-Effekt für möglich, ausgelöst durch Forscher, Betreuer und Angehörige.

 

Abwechslung im Altenheim

 

Man ist sich heute einig, dass der Umgang mit Tieren körperliche, seelisch-geistige und soziale Kräfte mobilisiert und stärkt. Denn Lebewesen mit Flossen, Fell oder Flügeln sind Multitalente: Sie sind gute Gesellschafter, Clowns, Heiz-Körper, Jungbrunnen, Kontaktbörse und Antidepressiva in einem. Tiere steigern die Lebensqualität, ganz unauffällig und trotzdem messbar. Wie machen sie das?

 

Als ein Klassiker unter den Studien über alte Menschen und Tiere gilt das Wellensittich-Experiment (21): 100 Probanden in 37 Altenheimen erhielten einen Wellensittich. Als Vergleichsgruppe dienten 100 Senioren ohne Tier. Während sich 75 Prozent der Senioren ohne Sittich einsam fühlten, waren es bei den Vogelbesitzern nach dem achtwöchigen Zusammenleben nur 5 Prozent. Kein Einziger wollte das Tier wieder hergeben. Alle hielten den Vogel für ein Glück, weil er von Schmerzen und Einsamkeit ablenkte, zum Reden und Lachen anregte, Fürsorge und Zärtlichkeit erlaubte, Bedürfnisse wachhielt, die im Alter gewöhnlich allmählich verkümmern, und weil er den grauen Heimalltag aufhellen konnte. Mit steigender Zufriedenheit entwickelten die Senioren einen neuen Sinnbezug für das eigene Leben.

 

Andere Studien berichten, dass Heimtiere mithelfen können, altersbedingte Beeinträchtigungen und Krankheiten hinauszuschieben. So zeigt eine Studie des Bundesforschungsministeriums mit 2400 Menschen, dass ältere Menschen, die ein Heimtier besitzen, deutlich seltener zum Arzt gehen als Menschen ohne Tier. Eine Untersuchung in Alten- und Pflegeheimen, in denen Tiere gehalten werden, weist Einsparungen an Arzneimittelkosten von etwa vier Euro pro Tag und Person aus (11, 15).

Tiere im Seniorenheim

Der Verein »Tiere helfen Menschen e. V.«, Münchener Straße 14, 97204 Höchberg, Tel.: 0931 48855, bietet auf seiner Homepage (www.thmev.de) eine Liste von Heimen im gesamten Bundesgebiet, die Tierbesuche und/oder eigene Tierhaltung erlauben. Stichwort »Tiere in Heimen«.

 

Weitere Kontaktstellen zu tiergestützten Therapien finden Sie in unserer Linkliste.

Tiere erkennen kein Gebrechen

 

Zwar kann prinzipiell nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen, die gesünder sind oder sich stärker fühlen, eher ein Tier anschaffen als schwer Erkrankte oder Beeinträchtigte. Dennoch: »Tiere binden den alten Menschen ans Leben«, fasst der emeritierte Gerontologe Professor Dr. Erhard Olbrich, Universität Erlangen, zusammen (24).

 

Die Gründe vermutet man darin, dass Tiere von einer schlechten Befindlichkeit ablenken, aber auch dabei helfen, sich mit Krankheiten eher positiv auseinanderzusetzen. Tiere geben dem Tag Struktur. Außerdem ist Geliebtwerden einer der wichtigsten Faktoren für Gesundheit. Tiere lieben hingebungsvoll und bedingungslos. Sie nehmen den Menschen so an, wie er ist, und urteilen nicht, ob er alt, behindert, gebrechlich oder vergesslich ist. Wenn es länger dauert, bis die Futterbüchse geöffnet und das Essen im Napf ist, wartet das Tier, und seine Dankbarkeit wird nicht geringer. Und: Seine Zuwendung ist unabhängig vom Sozialstatus.

Auch organische Zusammenhänge tun sich auf: Vor allem das Herz-Kreislauf-System profitiert. Ein Tier hält den älteren Menschen in Bewegung. Das aktiviert und stabilisiert zugleich. Das Beobachten von Tieren, Streicheln und Körperkontakt unterstützen den Abbau von Aggressionen und helfen bei der Stressbewältigung. Die Stressverminderung ist messbar in Form eines niedrigeren mittleren Blutdrucks im Vergleich zu Menschen unter ähnlichen Lebensumständen ohne Tierkontakt. Das ist vielfach belegt. Tierkontakt mindert auch Ängste, vor allem Hunde fungieren als Beschützer.

 

Bereits die bloße Präsenz eines Tieres wirkt blutdrucksenkend. Das beweist ein Experiment amerikanischer Psychiater (18). Dabei mussten die Versuchspersonen laut vorlesen. Alle empfanden diese Aufgabe als Belastung und reagierten mit typischen Stresssymptomen wie Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz. Gesellte sich ein Hund dazu, wurde die Situation entspannter: Der Blutdruck sank signifikant.

 

Die amerikanische Soziologin Erika Friedmann untersuchte die Ein-Jahres-Überlebensrate von 369 Herzinfarktpatienten nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus (9). Von 87 Hundebesitzern starb nur einer, von 282 hundelosen Patienten dagegen 19. Dabei hatten nach ärztlichem Ermessen alle die gleichen Überlebenschancen. Zugegeben: Nicht alle Studien kommen zu ähnlich überzeugenden Ergebnissen, und nicht alle Teilnehmer profitieren. Allerdings taten die Tiere gerade denjenigen Senioren nachweislich gut, die wenig oder gar keinen Kontakt zu anderen Menschen hatten und weitgehend isoliert lebten (27).

 

Erinnerungen leben auf

 

Auch bei dementen und depressiven Patienten können Bello und Mieze etwas ausrichten. Sie beschwören frühere Erlebnisse herauf, und die Menschen beginnen, von ihrer Vergangenheit zu erzählen. So kann bei dementen Personen der Prozess des Immer-weiter-Absinkens in Vergessen und Hilflosigkeit unter Umständen aufgehalten werden, besonders wenn der Betroffene in der Kindheit mit Tieren umgegangen ist. Das bestätigt auch Ingrid Stephan. Bei älteren Menschen seien es oft Nutztiere, die früher auf dem Land gehalten wurden, die für Lichtblicke sorgen. »Wenn sie wieder ein Schwein, einen Esel oder ein Pferd riechen und fühlen, fallen ihnen viele Erinnerungen ein.«

 

Beispielhaft für zahlreiche Veröffentlichungen mit ähnlichen Ergebnissen sei eine Studie mit Alzheimer-Patienten genannt (10). Diese kommt zu dem Schluss, dass die Gruppe mit Tier weniger unter Aggressionen litt und ruhiger auftrat als die Kontrollgruppe.

 

Was für verwirrte Senioren gilt, trifft auch auf viele altersdepressive Patienten zu. Auch sie profitieren vom emotionalen und aktivierenden Effekt der Tiere (12). In der Tagesklinik für ältere Menschen in der Psychiatrischen Klinik in Nürtingen geht es zum Beispiel darum, verwirrte und depressive Menschen aus ihrer seelischen und körperlichen Starre zu befreien. Dafür sorgt unter anderem Lea, die Border-Collie-Hündin der dort beschäftigten Ergotherapeutin Renate Gecke-Schnizler. »Einmal hat Lea mit ihrem Ball und ihrer konsequenten Spielaufforderung einen Mann mit Gehhilfe dazu gebracht, mit ihr Fußball zu spielen.« Den heilsamen Effekt des Hundes erklärt die Therapeutin: »Im Moment des Spielens wandert der Fokus des Patienten von der eigenen Person und der Krankheit hin zum Hund. In der Situation, in der die Patienten auf das Spiel eingehen, agieren sie als gesunder Mensch, nicht als kranker.«

 

Pferde-Harmonie hilft heilen

 

Sie stärkt die Rumpfmuskulatur und inspiriert das Nervensystem. Daher kann sie Menschen mit Bewegungsstörungen zu mehr Bewegungsfreiheit verhelfen. Aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen wurde sie dennoch gestrichen: die Hippotherapie.

Die Hippotherapie ist eine spezielle Form der Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage, indiziert bei Menschen mit Bewegungsstörungen, sei es in Zusammenhang mit einer Zerebralparese, spastischen Lähmung, Multiplen Sklerose, nach Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall oder infolge einer degenerativen Nervenerkrankung wie Morbus Parkinson. Die Hippotherapie nimmt sich vorwiegend der körperlichen Handicaps an. Dagegen spricht das sogenannte Therapeutische Reiten eher die Psyche an, erläutert das Kuratorium für Therapeutisches Reiten. Zum Therapeutischen Reiten gehört auch das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren, zum Beispiel für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und sozialen Problemen.

 

Während der Therapiestunde, in der das speziell ausgebildete Pferd immer in der Gangart Schritt läuft, führt ein Pferdeführer das Tier am Langzügel. Die Anweisungen erteilt ein Physiotherapeut mit Zusatzqualifikation für Hippotherapie.

 

Der therapeutische Nutzen entsteht durch die dreidimensionalen, diagonal verlaufenden Bewegungen des schreitenden Pferdes. Auf den Rumpf des meist aufrecht sitzenden Patienten überträgt das Tier pro Minute etwa 90 bis 110 Schwingungsimpulse, die fast identisch mit dem Bewegungsablauf des Gehens eines Erwachsenen sind. Darauf müssen die geschädigten Muskelgruppen im Rumpf reagieren. Das stimuliert und stärkt sie und vermittelt weitere Signale an das Nervensystem. Anders als bei der klassischen krankengymnastischen Behandlung, bei der sich höchstens zwei Ebenen gleichzeitig stimulieren lassen, schwingt der Körper hier dreidimensional mit, und zwar vorwärts/rückwärts, aufwärts/abwärts und links/rechts. Das regt den Körper des Patienten an, ohne dass er bewusst etwas dafür tun muss, sich aus eigener Kraft im Gleichgewicht zu halten.

 

Durch Tempo- und Richtungsänderungen des Tieres sowie Lagewechsel des Patienten auf dem Pferd lassen sich außerdem Bewegungsängste im Raum abbauen und das Raum-Lage-Bewusstsein verbessern, so die Theorie. Nicht unrelevant, wenn man bedenkt, dass viele Betroffene Schwierigkeiten haben, einen bestimmten Punkt zu fixieren, oder ihre Umwelt schwankend erleben. Körperhaltung und Bewegung müssen auf dem Pferd ständig ausbalanciert, dosiert und an die jeweilige Situation angepasst werden. So können beispielsweise halbseitig gelähmte Menschen ein neues Gefühl für ihre Körpermitte entwickeln. Zugleich werden Muskelspannungen positiv beeinflusst.

 

Erfahrungen zeigen, dass die Therapie­erfolge im Kindesalter am größten sind. Doch es gibt auch Veröffentlichungen, die Erwachsenen mit Multipler Sklerose oder Schlaganfall Mut machen. Nach der Therapie konnten einige Probanden wieder längere Strecken gehen, einen spastischen Arm wieder einsetzen oder besser sitzen.

 

Und dennoch: Das Bundesministerium für Gesundheit hat 2006 verfügt, dass kein therapeutischer Nutzen der Hippotherapie nachgewiesen sei und diese deshalb als nicht verordnungsfähiges Heilmittel zu führen ist. Sie muss also privat bezahlt werden. 20 Minuten Therapie kosten etwa 25 Euro. Private Krankenkassen übernehmen nach eigener Auskunft manchmal die Kosten. Als Interessierter benötigt man dennoch ein Rezept vom Arzt, weil es sich um eine krankengymnastische Behandlungsmethode handelt, ebenso eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, die Kontra­indikationen ausschließt. Dazu zählen Entzündungen der Wirbelsäule, ein aktiver Schub der Multiplen Sklerose oder Gefahr von Thrombosen.

 

Flippers Freunde

 

Was vermag speziell der Delfin im Umgang mit geistig und körperlich behinderten Kindern auszurichten? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Denn als Recherchierender gerät man schnell in ein Gestrüpp von Aussagen glühender Anhänger der Delfintherapie und vehementer Tierschutzorganisationen. Da ist es schwer, sich eine objektive Meinung zu bilden.

Ihren Ursprung hat die Delfintherapie in den 1970er-Jahren in Florida. Dort integrierte der Neurologe David Nathanson, der als Vater der Delfintherapie gilt, die großen Tümmler in den Sprachunterricht von Kindern mit Down-Syndrom. Wer besonders gut mitgearbeitet hatte, durfte zur Belohnung mit den Delfinen spielen. Dank dieser Motivation konnten sich die Kinder besser konzentrieren und intensiver lernen. Daraufhin entwickelte Nathanson die Dolphin-Human-Therapy (DHT), die heute als spezielles Programm der Dolphin-Assisted Therapy (DAT) gilt. Sie soll vor allem Kindern helfen, die schwere geistige und körperliche Behinderungen haben oder an Autismus leiden. Nathanson behauptet in seinen Studien Ende der 90er-Jahre, dass sein Programm maßgeblich Motivation, Aufmerksamkeit, Fähigkeiten der Grob- und Feinmotorik sowie das Sprechen verbessere. Angst- und Stresszustände verringerten sich.

 

Nicht zu vernachlässigen: Zur DHT gehört auch die intensive Arbeit mit Ergo- und Physiotherapeuten abseits vom Wasser. Die Eltern werden durch Einzel- und Gruppengespräche in den therapeutischen Prozess einbezogen und sozialpädagogisch betreut.

 

Die Theorie, die dahintersteckt: Wie andere Lebewesen auch wird der Delfin als sogenannter Türöffner oder Eisbrecher eingesetzt. Die Kinder merken, dass sie mit ihren Handlungen und Verhaltensweisen die Umwelt gestalten können, weil der Delfin unmittelbar auf sie reagiert. Dadurch werden sie ermutigt und gleichzeitig gefordert zu kommunizieren. Der Delfin spielt mit den Kindern Ball, lässt sich streicheln, füttern oder trägt sie auf dem Rücken. Die Kinder werden wacher und damit zugänglicher für spätere Behandlungen. Manche Fürsprecher glauben zudem, dass der Kontakt mit einem Delfin das menschliche Hirnstrommuster positiv beeinflussen könnte. Doch die Datenlage dazu ist mehr als dürftig.

 

Einige Therapiezentren werben damit, dass der Ultraschall, den die Delfine zur Echoortung abgeben, eine medizinische Wirkung habe. Damit sprechen sie dem Delfin nicht nur eine psychische Wirkung, sondern auch eine physische Heilkraft zu. Eine Hypothese, die wissenschaftlich nur schwer haltbar ist: Intensität und Dauer der Ultraschallwellen reichen dafür beim Schwimmen mit Delfinen nicht aus (6). Selbst Nathanson schreibt, dass »kein derartiger Effekt von Delfin-Ultraschall bei behinderten Kindern beobachtet werden konnte, die mit der DHT behandelt wurden« (23).

 

Delfintherapie ohne Delfin

 

Wissenschaftlich haltbare Beweise, dass die Therapie mit den durch »Flipper« berühmt gewordenen Sympathieträgern gerechtfertigt ist oder gar mehr kann als andere Therapien, gibt es nicht. Eine zwei Jahre alte kritische Abhandlung (19) nimmt fünf angeblich wissenschaftlich geprüfte DAT-Studien, die zwischen 1999 und 2005 veröffentlicht wurden, unter die Lupe. Die Autoren fanden heraus, dass alle fünf Studien methodisch fehlerhaft waren und hinsichtlich der inneren Logik mehrere Probleme aufwiesen. »Ungeachtet dessen, dass die DAT in der breiten Öffentlichkeit ausgiebig angepriesen wird, sind die Belege für eine dauerhafte Verbesserung der Hauptsymptome gleich null.« Weiterer Knackpunkt: In Versuchen erzielten animierte Gummidelfine vergleichbar gute Effekte wie lebende Tiere. Nathanson leitete diese Untersuchungen selbst und veröffentlichte sie vor zwei Jahren (23).

 

Mittlerweile gibt es sogar Therapiezentren, etwa in Köln, die ganz ohne Delfin auskommen (20, 25). Bei der speziellen Wassertherapie im Hallenbad wird die Anwesenheit der Tiere simuliert, indem spezielle Lautsprecherboxen ins Wasser gehängt werden, die das Klicken und Piepsen der Tiere wiedergeben, unterlegt mit entspannender Musik. Die davon ausgehenden Vibrationen und Schwingungen sollen positiv auf den menschlichen Körper einwirken. Der Zuspruch ist groß. Allerdings gilt auch hier: Wissenschaftlich ist nichts bewiesen.

 

Welche Angebote eine Delfintherapie genau umfasst, ist nicht verbindlich geregelt. So konkurrieren Anbieter in Florida, Israel oder am Schwarzen Meer, wo die Tiere in Meeresbuchten gehalten werden, mit Delfinarien etwa im Nürnberger Tiergarten. Dort wird seit rund zehn Jahren eine Delfintherapie für schwerbehinderte Kinder angeboten.

 

Flipper-Idyll auf engstem Raum

 

Das Delfinarium wirbt mit einer Studie des Würzburger Professors Dr. Erwin Breitenbach (3). Der Sonderpädagoge hat das bundesweit einmalige Forschungsprojekt von Anfang an wissenschaftlich begleitet. Dabei wurden 118 Kinder mit geistiger Behinderung im Alter zwischen fünf und zehn Jahren fünf Jahre lang beobachtet. Fünfzig Kinder wagten den Sprung ins Wasserbecken mit dem Delfin. Der Rest bildete die Kontrollgruppe.

 

Alles in allem ist das Ergebnis der Studie ernüchternd. So heißt es zwar im Abschlussbericht, dass die untersuchten Kinder bereits nach einer Therapiewoche mehr gesprochen haben, mutiger, aktiver und selbstbewusster geworden sind. Jedoch haben nur die Eltern einen Fortschritt ihrer Kinder festgestellt, nicht die Therapeuten. Für die Studienleiter ist das dennoch positiv. Schließlich seien es die Eltern, die mit den Kindern umgehen müssten und einen anderen Blick für ihr Kind bekämen. So sieht Breitenbach in der Delfintherapie »eine sinnvolle Ergänzung zu langfristig angelegten Maßnahmen wie Krankengymnastik, Logopädie und Ergotherapie«.

 

Manche Kritiker, vor allem aus der Tierschützer-Szene, sehen das Flipper-Idyll im Delfinarium keineswegs so positiv. Ihre Hauptkritikpunkte (2): Eine artgerechte Haltung der bewegungsfreudigen Tiere sei in Becken aus Platzgründen nicht im Ansatz möglich. Die Tiere tauchten in der Natur schließlich bis zu einem halben Kilometer tief und könnten einige Hundert Kilometer am Tag zurücklegen. Im Nürnberger Becken misst dagegen die Strecke zwischen den blauen Kacheln gerade 15 Meter. Zudem bringe das gechlorte Wasser das Hautmilieu der Tiere durcheinander. Dort müssen sie sein, wenn Menschen mit ins Wasser kommen. Außerdem ist die Nachzucht in Gefangenschaft schwierig.

 

Delfin oder Katze?

 

Verzweifelte Eltern zahlen hohe Summen, damit Delfine ihren behinderten Kindern ein Lächeln oder ein Wort entlocken. So muss man in Florida für fünf Einheiten Delfintherapie à 40 Minuten rund 2000 US-Dollar bezahlen. Ein dreiwöchiger Aufenthalt in Florida beläuft sich für eine dreiköpfige Familie schnell auf 10 000 bis 15 000 Euro. Dagegen fallen rund 2000 Euro für eine einwöchige Delfintherapie in Nürnberg an. Ähnlich hoch sind die Kosten für eine einwöchige Therapie im Institut für soziales Lernen mit Tieren. »Erste Kassen haben die Kosten übernommen oder einen Zuschuss für unsere Therapie bewilligt«, sagt Stephan.

Die Gans sagt Stopp

Ingrid Stephan vom »Institut für soziales Lernen mit Tieren« in der Nähe von Hannover arbeitet mit einem ganzen Stall voll Tieren. Warum hat sie sich nicht auf eine Tierart spezialisiert? »Jede Art hat unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten. Für einen Menschen ist es ein filigranes Huhn, der andere spricht eher auf ein größeres Tier an; vielleicht auch eines, das eine bestimmte Grenze setzt.«

 

Die Sozialpädagogin berichtet von einem Projekt zur Gewaltprävention, bei dem sie mit 14- bis 17-jährigen Jugendlichen gearbeitet hat. »Für diese Zielgruppe wähle ich keine Meerschweinchen aus, sondern ein Tier, das Präsenz zeigt. Wir haben mit einem Kaltblutpferd gearbeitet, das eine deutliche Körpersprache verlangt. Außerdem haben wir mit unseren Gänsen gearbeitet. Sie sagen uns nämlich sehr deutlich, was ihnen ge- und missfällt. Wir sind meistens im Kontakt mit den Tieren zu groß, zu schnell und zu laut. Gänse fordern klar ein, dass man sich klein macht, langsam bewegt und erst mal einen freundlichen Start hinlegt. Die Art und Weise, mit der man sich begegnet, ist ganz wichtig. So ist es ja auch im richtigen Leben. Ist der Erstkontakt gestört, wird auch der weitere Verlauf weniger schön oder von Missverständnissen geprägt sein. Das können wir anhand des Tierverhaltens mit den Jugendlichen gut besprechen.«

Therapie in der Wedemark oder einmal halb um die Welt nach Florida oder auf die Karibikinsel Curaçao – was ist besser? Stephan: »Auch wir können feststellen, dass die Kinder durch den Kontakt mit Haustieren kommunikativer und selbstbewusster werden, deutlicher zeigen, was sie wollen und was nicht, mehr Blickkontakt suchen und mehr lautieren.«

 

Die Sozialpädagogin weiß, wovon sie redet. Sie leitete nämlich eine der Kontrollgruppen im Forschungsprojekt der Universität Würzburg und des Delfinariums Nürnberg. Dabei sollte untersucht werden, ob die Delfintherapie gleichwertig zu einer anderen tiergestützten Therapie ist. »Wir sind erst im dritten Jahr eingestiegen und bekamen ein anderes finanzielles Budget als die Delfingruppe. Wir hatten keine sieben Interviewer, die vor, während und nach der Therapie sowie ein halbes Jahr danach zu den Familien nach Hause gefahren sind, sondern mussten die gesamte Dokumentation per Post machen. Viele Fragebögen waren nicht richtig oder unvollständig ausgefüllt und damit nicht verwertbar. Letztendlich war die Vergleichgruppe zu klein.« So fielen die Haustiere unter den Tisch, und es wird weiter nur für die Delfintherapie geworben. /

 

Literatur

...bei der Verfasserin

Die Autorin

Elke Wolf studierte Pharmazie in Frankfurt am Main. Die Approbation als Apothekerin erfolgte 1995 im Anschluss an das praktische Jahr in einer öffentlichen Apotheke und in der pharmazeutischen Industrie bei der damaligen Sandoz AG in Nürnberg. Nach einem Praktikum und einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung schreibt sie seit mehr als zehn Jahren als freie Journalistin für Fach- und Publikumsmedien sowie für die Industrie. Die PZ-Leser kennen sie seither als Autorin zahlreicher spannender Titelbeiträge.

 

Elke Wolf

Traminer Straße 13

63322 Rödermark

pr-ewolf(at)t-online.de

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