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Aids-Epidemie

Noch immer keine Entwarnung

28.11.2006  12:01 Uhr

Aids-Epidemie

Noch immer keine Entwarnung

Von Christiane Berg

 

Trotz aller Fortschritte in der medizinischen Forschung: Von einer Eindämmung der HIV-Epidemie ist die Menschheit 25 Jahre nach Erstbeschreibung von Aids noch weit entfernt. Mit fast 40 Millionen hat die Zahl der HIV-positiven Menschen dieses Jahr sogar einen neuen Höchststand erreicht.

 

39,5 Millionen Infizierte, 2,9 Millionen Tote: Das ist die traurige Bilanz des aktuellen UNAIDS/WHO-Berichts »Aids Epidemic Update 2006«. Im Jahr 2006 haben sich den Schätzungen der WHO zufolge etwa 4,3 Millionen Menschen mit dem HI-Virus neu infiziert, darunter 530.000 Kinder.

 

Am stärksten betroffen ist nach wie vor der afrikanische Kontinent. Fast zwei Drittel aller HIV-Infizierten (63 Prozent) leben in Ländern südlich der Sahara. 2,1 Millionen Menschen starben dort im vergangenen Jahr an der Immunschwächekrankheit, das sind drei Viertel aller Aids-Todesfälle. Trotz einiger Erfolge in manchen Ländern, in denen die Infektionsrate sank, ist die Epidemie im südlichen Afrika nach wie vor unkontrollierbar. Je nach Region sind bereits 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren mit dem HI-Virus infiziert. Die Epidemie stellt eine Bedrohung für die wirtschaftliche, soziale und politische Stabilität und ein erhebliches Entwicklungshemmnis dar.

 

Gerade in Afrika ist auch der Anteil der Frauen, die über den heterosexuellen Infektionsweg infiziert wurden, kontinuierlich gestiegen. Hier liegt er bei etwa 59 Prozent. Weltweit leben rund 17,7 Millionen Frauen mit dem Erreger. »Inzwischen sind fast die Hälfte der Infizierten Frauen, vor zehn Jahren waren es nur 12 Prozent«, sagte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

 

Die stärksten Zuwachsraten an HIV-Infektionen waren der WHO zufolge in Ost- und Zentralasien sowie in Osteuropa zu verzeichnen. In Asien leben rund 8,6 Millionen Menschen mit HIV. Indien ist mit 5,7 Millionen Infizierten noch vor Südafrika das Land mit den meisten Betroffenen.

 

Stagnation auf hohem Niveau

 

Im europäischen und internationalen Vergleich stellt sich die Situation der Bundesrepublik gemäß Gesundheitsberichtserstattung des Bundes relativ günstig dar. Insgesamt leben in Deutschland zurzeit etwa 49.000 Menschen mit HIV, davon 39.500 Männer und 9500 Frauen. 8000 Menschen zeigen das Vollbild Aids. Zwar sei seit Mitte der 90er-Jahre die Zahl der Aids-Todesfälle aufgrund der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten tendenziell zurückgegangen. Trotzdem sterben hierzulande etwa 750 Menschen pro Jahr an den Folgen einer HIV-Infektion. Insgesamt habe es in Deutschland bislang circa 26.000 Aids-Tote gegeben.

 

Die Zahl neu diagnostizierter HIV-Infektionen hat sich in Deutschland auf hohem Niveau stabilisiert: Im ersten Halbjahr 2006 gab es 1197 Neudiagnosen, in den vorangegangenen Halbjahren 2005 waren es 1254 und 1232. Damit liegt die Zahl der Neudiagnosen weiter um circa 50 Prozent höher als in den Jahren 1999 bis 2001. Dies gab das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin in einer Pressemitteilung vom 31. Oktober bekannt. Danach stellen Männer, die Sex mit Männern haben, als kontinuierlich anwachsende Gruppe mit 62 Prozent den größten Teil der Neudiagnosen. Die Zahl der Neuansteckungen hat sich bei ihnen von 2001 bis 2005 mehr als verdoppelt. Damit bleiben homosexuelle Männer die Gruppe, die das Bild der HIV-Epidemie in Deutschland am meisten prägt.

 

Erstmals seit fünf Jahren seien 2006 jedoch heterosexuelle Personen mit 17 Prozent zur zweitgrößten Betroffenengruppe aufgerückt. 33 Prozent der heterosexuellen Männer haben sich im Ausland und hier vor allem in Südostasien, 19 Prozent der infizierten Frauen im südlichen Afrika angesteckt. Im Gegensatz zur weltweiten Entwicklung hat sich die absolute Zahl der HIV-Erstdiagnosen bei Frauen mit 400 bis 500 Fällen pro Jahr jedoch kaum verändert und liegt bei 18 Prozent.

 

Eine große Betroffenengruppe stellen mit 13 Prozent auch Personen dar, die aus Ländern mit einer hohen HIV-Prävalenz stammen, führt das aktuelle Epidemiologische Bulletin des RKI weiter aus. Der überwiegende Teil dieser Personen hat sich vermutlich in ihren Herkunftsländern infiziert. Die Gruppe der Personen, die eine HIV-Infektion über intravenösen Drogengebrauch erworben hat, steht mit 7 Prozent unverändert an vierter Stelle. Ein Lichtblick ist, dass die Zahl der Infektionen bei Kindern von HIV-positiven Müttern konsequent niedrig bleibt. Im ersten Halbjahr 2006 infizierten sich sieben Kinder durch ihre Mütter, das entspricht 1 Prozent aller Schwangerschaften infizierter Frauen.

 

Nicht zuletzt der rasante Anstieg der Infektionszahlen in Zentralasien und Osteuropa führe zu einer wachsenden Gefahr auch für Deutsche. Mit 40 Millionen Auslandsreisen pro Jahr seien diese »Reiseweltmeister«. Damit nehme das Risiko des sexuellen Kontaktes mit infizierten Menschen zu. Besondere Gefahren, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln, berge dabei das generell nachlassende Schutzverhalten der deutschen Bevölkerung. So sei der Anteil der unter 45-jährigen Alleinlebenden, die immer, häufig oder gelegentlich Kondome verwenden, von 1997 bis 2004 von 73 auf 69 Prozent gesunken.

 

Viele der jetzt sexuell aktiven Menschen hätten den Aids-Schock der 80er-Jahre nicht bewusst erlebt. Aids werde heute nicht mehr als tödliche Bedrohung, sondern lediglich als Gesundheitsgefahr empfunden. Das Detailwissen bei Jüngeren sei erstaunlich lückenhaft. 16 Prozent der 16- bis 29-jährigen Männer und 14 Prozent der gleichaltrigen Frauen wissen nicht, dass eine HIV-Ansteckung bereits vor dem Ausbruch einer Aids-Erkrankung möglich ist.

 

Auch bei Älteren habe nach langjährigem Festhalten an »Safer Sex« eine gewisse »Kondommüdigkeit« eingesetzt. Aids habe seinen Schrecken nicht zuletzt durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten und die antiretrovirale Kombinationstherapie verloren Die Gefährlichkeit der Krankheit müsse wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken, sagte Ulrich Heide, Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. »Schließlich wird die Zahl der Menschen mit HIV auch bei uns jedes Jahr größer.«

25 Jahre Aids

Am 5. Juni 1981 erschien im «Morbidity und Mortality Weekly Report«, dem wöchentlichen Magazin der US-amerikanischen Centers for Disease Control und Prevention, der erste Bericht über das Krankheitsbild Aids. In den vergangenen 25 Jahren haben sich etwa 65 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert. 25 Millionen sind an der Immunschwächekrankheit gestorben.

 

1983 entdeckten der französische Virologe Luc Montagnier und der Amerikaner Robert Charles Gallo den Erreger. Ein Jahr später wurde der erste HIV-Antikörpertest vorgestellt. 1985 fand in Atlanta die erste internationale Welt-Aids-Konferenz statt. Die Vereinten Nationen riefen 1988 erstmals den Weltaidstag aus, der seither rund um den Globus in jedem Jahr am 1. Dezember begangen wird. Aus Protest gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten wurde 1990 auf der Aids-Konferenz in San Francisco das Red Ribbon etabliert. Ein Jahr später wurde die rote Schleife international zum Symbol für den Kampf gegen Aids.

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