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Bluthochdruck

In den USA jetzt schon ab 130/80

22.11.2017
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Von Annette Mende / In den USA ist der Grenzwert, ab dem der Blutdruck als Hypertonie gilt, auf 130/80 mmHg gesenkt worden. Dadurch ist zwar die Zahl der Patienten über Nacht sprunghaft angestiegen, aber nur wenige von ihnen sollen medikamentös therapiert werden. In Europa sieht man dieses Vorgehen skeptisch.

Die Schwelle für Hypertonie lag bislang sowohl in den USA als auch in Europa bei 140/90 mmHg. Da das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aber schon ab Werten von über 115/75 mmHg ­ansteigt, war immer wieder diskutiert worden, ob dieser Schwellenwert nicht zu hoch ist. Insbesondere die vor zwei Jahren veröffentlichte SPRINT-Studie, die Vorteile einer Senkung des systolischen Werts auf unter 120 mmHg bei harten Endpunkten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulärem Tod belegte, wurde als Argument für eine aggressivere Blutdrucksenkung angesehen (»New England Journal of Medi­cine«, DOI: 10.1056/NEJMoa1511939).

Neue Grenzwerte

 

Die jetzt im Fachjournal »Hyperten­sion« veröffentlichte neue US-Leitlinie legt folgende Grenzwerte fest: Ein Blutdruck unter 120/80 mmHg gilt als normal, ein systolischer Wert zwischen 120 und 129 mmHg bei diastolisch weiter unter 80 mmHg zählt als erhöht. Ab 130/80 mmHg spricht die Leitlinie von Bluthochdruck, und zwar bei systolischen Werten zwischen 130 und 139 mmHg oder diastolischen zwischen 80 und 89 mmHg von Hypertonie Grad 1 und ab einer Systole von 140 mmHg oder eine Diastole von 90 mmHg von Hypertonie Grad 2 (DOI: 10.1161/HYP.0000000000000066).

 

Die American Heart Association, eine der federführenden Fachgesellschaften der Leitlinie, teilt mit, dass durch die Absenkung des Grenzwerts in den USA jetzt fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung von Bluthochdruck betroffen ist (46 Prozent). Nach der alten Definition war es nur ein knappes Drittel gewesen (32 Prozent).

 

Die Autoren der Leitlinie betonen allerdings, dass durch die Änderung nicht zwangsläufig sehr viel mehr ­Menschen Arzneimittel erhalten sollen. Lediglich einer von fünf Patienten, die aufgrund der Absenkung des Grenzwerts jetzt neu als hyperton gelten, werde eine Medikation benötigen, so Hauptautor Dr. Paul Whelton. Stattdessen wird zur Senkung des Blutdrucks bei beginnender Hypertonie in erster Linie eine Änderung des Lebensstils angeraten. Die Empfehlungen hierzu sind altbekannt: Gewichts­reduktion, Rauchstopp, Beschränkung des Alkoholkonsums, erhöhte körper­liche Aktivität sowie eine natriumarme und kaliumreiche Diät.

 

Um das zu veranlassen, braucht man jedoch keine Schwellenwert-­Absenkung, gibt die Deutsche Hochdruckliga (DHL) zu bedenken. »Selbstverständlich kann man auch bereits bei einem hochnormalen Blutdruck Lebensstiländerungen vornehmen, ohne den Patienten dafür als hochdruckkrank einstufen zu müssen«, merkt DHL-Vorstandsvorsitzender Professor Dr. Bernhard Krämer an.

 

Bessere Einstellung als Ziel

 

Ob die Europäer der Vorgabe aus Amerika bei der Überarbeitung ihrer eigenen Leitlinie folgen, ist daher nicht ­gesagt. Schon der momentan geltende moderate Zielblutdruck von weniger als 135/85 mm Hg bei Selbstmessung werde in Deutschland bei weniger als 60 Prozent der Patienten erreicht, so die DHL. Diese Quote zu verbessern, müsse das wichtigste Behandlungsziel für alle Ärzte sein. /

Kommentar

Wunsch­vorstellung

Die Absenkung der Hyper­tonie-Schwelle auf 130/80 mmHg durch die US-amerikanischen Fachgesellschaften mag mit Blick auf die Ergebnisse der SPRINT-Studie sinnvoll sein. Die Hoffnung, man könne den Zielwert bei der Mehrheit der Tausenden über Nacht zu Patienten gewordenen Neu-Hypertonikern allein durch Lebensstil-Veränderungen erreichen, ist jedoch nur eine Wunschvorstellung. Denn warum sollten solche unbequemen und deshalb unbeliebten Interventionen bei ihnen besser funktionieren als bei all den vielen anderen, die bereits die alte Definition der Hypertonie erfüllt haben? Ihren Lebenswandel gesünder zu gestalten, war auch Patienten mit erhöhtem Blutdruck, die noch nicht die Definition der Hypertonie erfüllten, bisher nicht verboten. Sie nun massenhaft als krank einzustufen, wird ihre Motivation, die guten Ratschläge in die Tat umzusetzen, wohl kaum erhöhen.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

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