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Senioren

Alleine leben mit Demenz

19.11.2013  16:41 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Mit hohem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Dennoch wollen hochbetagte Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Geht das überhaupt? Dieser Frage ging die Deutsche Alzheimer Gesellschaft im Rahmen eines jetzt ausgezeichneten Projekts nach*.

»Woran erkennt man, dass ältere Menschen nicht mehr alleine leben können?« Immer häufiger wurde den Mitarbeitern am bundesweiten Alzheimer-Telefon diese Frage gestellt, die schließlich den Anstoß gab für das Projekt »Alleine leben mit Demenz – Schulung in der Kommune«. Hierbei geht es um Menschen mit Demenz, die alleine im Haushalt leben, weil sie keine Angehörigen haben oder sich diese aus den unterschiedlichsten Gründen nur eingeschränkt oder gar nicht um die Erkrankten kümmern können. 

 

»Bislang gibt es hierfür nur vereinzelt spezialisierte Unterstützungsmodelle, das Interesse an Konzepten speziell auf kommunaler Ebene ist jedoch groß«, sagt Helga Schneider-Schelte, eine der Projektleiterinnen von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. Angesichts des demografischen Wandels stellt die Unterstützung Demenzkranker die Kommunen vor große Herausforderungen.

 

Zehn Prozent der hochbetagten Menschen haben keine Angehörigen, Freunde oder Bekannten mehr. Sie fühlen sich wie »übrig geblieben«. Ihr früheres Bezugssystem existiert nicht mehr, und es ist schwer, sich ein neues aufzubauen. Hinzu kommt, dass allein lebende Demenzkranke besonders schwer zu erreichen sind. Durch die fehlende Wahrnehmung krankheitsbedingter Defizite suchen sie meist von sich aus keine Hilfe bei Nachbarn oder sozialen Einrichtungen, sondern versuchen, selbstständig ihren Alltag zu meistern. Im frühen Stadium der Demenz schwanken die Kranken immer wieder zwischen Momenten, in denen sie sich bewusst werden, dass sie vieles vergessen und der Selbstwahrnehmung, dass sie noch gut alleine zurechtkommen. Nach außen hin versuchen sie, ein »intaktes Bild« aufrecht- zuerhalten.

 

Das Schicksal von Menschen mit Demenz verlaufe heute weitgehend stereotyp, so Schneider-Schelte. »Diese Menschen finden eines Tages nicht mehr zurück nach Hause, werden von der Polizei oder der Feuerwehr gefunden, kommen ins Krankenhaus und von dort direkt ins Heim. Diesen Automatismus wollten wir mit unserem Projekt versuchen zu durchbrechen.« Ziel war es, das unmittelbare Umfeld der Betroffenen für die Situation allein lebender Demenzkranker zu sensibilisieren – früh genug, um einen Heimaufenthalt zeitlich möglichst weit nach hinten zu verschieben. Immerhin rund 60 Prozent der über 80-Jährigen in Deutschland leben allein im eigenen Haushalt. Mehr als 80 Prozent von ihnen möchten auch im Fall von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit in der vertrauten Umgebung wohnen bleiben und nehmen dafür sogar das Alleinsein und die damit häufig verbundene Einsamkeit in Kauf. Damit das Alleineleben aber funktioniere, brauchten sie aufmerksame und unterstützende Menschen um sich herum und möglichst regelmäßige soziale Kontakte, so Schneider-Schelte.

 

Schulungsprogramm für den Bäcker um die Ecke

 

Senioren mit beginnender Demenz haben Schwierigkeiten beim Bezahlen an der Ladenkasse, beim Ausfüllen von Bankformularen oder sie rufen die Polizei, weil sie ihren Geldbeutel nicht finden und sicher sind, dass er ihnen gestohlen wurde.

 

Die alltäglichen Kontakte sind es, bei denen es auffällt, dass jemand sich über die Zeit verändert, verwirrt ist oder Hilfe braucht. Die Arbeitsgruppe um Schneider-Schelte entwickelte deshalb ein Schulungsprogramm für Berufsgruppen, die Tag für Tag Umgang haben mit alten, alleine lebenden Menschen: für den Bäcker um die Ecke wie für Vereins- und Gemeindemitglieder, Feuerwehr, Polizei, Bankangestellte, die Supermarktkassiererin, Friseure oder Busfahrer. Möglichst viel Wissen um das Krankheitsbild ist wichtig, um helfen zu können. Erfahrungen am Alzheimer-Telefon zeigten, dass viele Menschen bereit wären, sich zu engagieren. Jedoch sind sie häufig unsicher und wissen nicht wie.

 

Alleine leben für eine begrenzte Zeit

 

Die zielgruppenspezifischen Schulungskonzepte, die über den Umgang und die Kommunikation mit Demenzkranken informieren, wurden in der Praxis erprobt und evaluiert. »Die Ordner waren schnell vergriffen«, so Schneider-Schelte. Da das Projekt mittlerweile abgeschlossen ist, wurden erneut Mittel beantragt, um nachzuproduzieren. Aktuell erhältlich sind noch Handbücher und DVDs.

 

Alleine leben mit Demenz ist möglich, das zeigen die Ergebnisse des Projekts: jedoch nur unter bestimmten Bedingungen und zeitlich begrenzt. Ohne ein unterstützendes, sensibilisiertes Umfeld geht es nicht. Dazu gehört auch das Verständnis, dass allein lebende Demenzkranke unter Umständen einen Alltag haben, der nicht den gängigen Vorstellungen einer »normalen und sicheren« Lebensführung entspricht. Studien in Großbritannien zeigen, dass allein lebende Demenzkranke zwar einer ganzen Reihe von Risiken in ihrem Alltag begegnen, dass sie aber nicht mehr gefährdet sind als Demenzkranke, die in häuslicher Gemeinschaft zusammen mit Angehörigen leben. Möglichst lange selbstbestimmt zu sein, entspricht nicht nur dem Wunsch der meisten Senioren, es entlastet die Kommunen und das Sozial- und Gesundheitswesen. Neue Konzepte für das Zusammenleben und die Teilhabe alter Menschen am alltäglichen Leben müssten her, so Schneider-Schelte. »Wir bauen jetzt an dem, wie wir selber alt werden wollen.« /

 

* Die Initiative »Deutschland – Land der Ideen« und die Deutsche Bank zeichnen gemeinsam Ideen und Projekte aus, die Lösungen für die Herausforderung der Städte und Regionen von morgen bereithalten.

Kooperation mit WIPIG

Apotheker gehören mit zu den Ersten, die bemerken, wenn sich bei ihren älteren Stammkunden etwas verändert – wenn sie verwirrt oder vergesslich werden oder beim Bezahlen mit dem Geld nicht mehr zurechtkommen. Aus dem Projekt »Alleine leben mit Demenz – Schulung in der Kommune« ging eine Kooperation mit dem WIPIG der Bayerischen Landesapothekerkammer hervor. Neben Fortbildungen zum Thema Demenz wurde auch eine Schulung entwickelt, die Apotheker beispielsweise Angehörigen von Demenzkranken anbieten können. Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Telefon: 030 259 37 95-0, info(at)deutsche-alzheimer.de

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