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Vorsorge

Erhöhtes Krebsrisiko durch Diabetes

17.11.2008
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Vorsorge

Erhöhtes Krebsrisiko durch Diabetes

Von Sven Siebenand, Berlin

 

Ob Schlaganfall, Amputationen oder Erblindung: Dass Diabetiker häufiger davon betroffen sind als Gesunde, wissen die meisten. Weniger bekannt ist, dass Zuckerkranke auch ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten haben.

 

Bei Typ-1-Diabetes gibt es kaum Daten, die auf ein erhöhtes Krebsrisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung hinweisen. Bei Typ-2-Diabetikern sieht das jedoch ganz anders aus. Darauf wies Dr. Christoph Terkamp, Hannover, auf der Herbsttagung für Praktische Diabetologie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft Anfang November in Berlin hin.

 

Momentan seien noch Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Haupttodesursache in Deutschland. Der Mediziner geht davon aus, dass bis 2030 die karzinombedingte Mortalität den ersten Platz einnehmen wird. Ein Blick in die Mortalitäts- und Morbiditätsstatistik verrät: Darmkrebs belegt bei den Krebserkrankungen bundesweit den zweiten Rang, sowohl bei Frauen, als auch bei Männern. Das kumulative Erkrankungsrisiko der Allgemeinbevölkerung beträgt 6 bis 7 Prozent. »Typ-2-Diabetiker haben ein um circa 30 Prozent erhöhtes Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken«, informierte Terkamp. Zudem gebe es Unterschiede in der Prognose, wenn sich ein solcher Tumor entwickelt. »Bei Typ-2-Diabetikern ist das Tumorverhalten deutlich aggressiver«, so der Mediziner. Als Risikofaktor nannte er die Hyperinsulinämie.

 

In-vitro-Untersuchungen zeigen, dass Insulin in hohen Dosen das Wachstum von Kolonepithelien und Kolonkarzinomzellen stimuliert. Möglich wird das durch eine Apoptose-Hemmung sowie eine Proliferations-Induktion. Zudem erhöht Insulin die Bioverfügbarkeit des insulinähnlichen Wachstumsfaktors (insulin-like growth factor, IGF-1), dessen Rezeptoren sich auch auf den Krebszellen befinden. »Insulin oder IGF-1 wirken selbst nicht mutagen, aber sie erhöhen die Zellteilungsrate«, erklärte Terkamp. Das erhöhe automatisch das Mutationsrisiko.

 

Darmkrebs-Vorsorge nutzen

 

Der Mediziner verwies auf eine Parallele zu Akromegalie-Patienten mit erhöhtem IGF-1-Spiegel. Auch sie haben ein erhöhtes Kolonkarzinom-Risiko, weshalb gewöhnlich ein Darmkrebs-Screening bei ihnen durchgeführt wird. Das ist bei Typ-2-Diabetikern bisher nicht der Fall. Ein spezielles Koloskopie-Screeningprogramm gibt es Terkamp zufolge nicht ­ noch nicht. Denn diskutiert würden zum Beispiel eine Vorsorgeuntersuchung unabhängig vom Alter des Patienten und verkürzte Koloskopie-Intervalle. Gleiches gelte auch für übergewichtige Patienten. Denn Adipositas gehe bei Männern mit einer Erhöhung der Karzinommortalität von 14 Prozent einher, bei Frauen sogar um 20 Prozent.

 

Terkamp riet allen Typ-2-Diabetikern, die angebotenen Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen zu nutzen. Ab dem Alter von 50 Jahren übernehmen Krankenkassen die Kosten für einen Stuhltest auf verstecktes Blut sowie die Austastung des Mastdarms. Ab einem Alter von 55 Jahren wird eine Darmspiegelung bezahlt. Leider nähmen nicht mal 10 Prozent der Gesamtbevölkerung dieses Angebot wahr, so Terkamp.

 

Neben einem erhöhten Darmkrebs-Risiko weisen Typ-2-Diabetiker ein erhöhtes Risiko für ein Pankreaskarzinom auf. Etwa 1 Prozent der Diabetiker im Alter von 50 Jahren oder jünger entwickelt in den folgenden drei Jahren Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das entspricht einem etwa achtfach erhöhten Risiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Laut der im vergangenen Jahr veröffentlichten Leitlinie »Exokrines Pankreaskarzinom« der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten lassen die geringen Möglichkeiten zur Frühdiagnostik dieses Karzinoms Untersuchungen bei Typ-2-Diabetikern ohne weitere Symptome als nicht sinnvoll erscheinen.

 

Schließlich haben Typ-2-Diabetiker laut Terkamp ein 3,5-fach erhöhtes Risiko für Leberkrebs. Eine wichtige Rolle scheinen dabei Insulinresistenz und Übergewicht zu spielen. Diese führen zur Leberverfettung, so Professor Dr. Wolfgang E. Schmidt, Bochum. Bei vielen Diabetikern lasse sich eine nicht alkoholische Fettleber (NAFL) diagnostizieren. »NAFL ist die hepatische Manifestation des metabolischen Syndroms«, sagte Schmidt. Die NAFL kann im Folgenden in eine Fettleberhepatitis, die sogenannte nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH), übergehen, aus der sich wiederum eine Leberzirrhose und ein hepatozelluläres Karzinom entwickeln können.

 

Wichtigstes Therapieziel sei die Verbesserung der Insulinresistenz. So zahlen sich dem Referenten zufolge Lifestyle-Modifikationen mit Gewichtsreduktion aus. Für sehr adipöse Patienten sei auch ein chirurgischer Eingriff eine Option. Ferner gebe es einige medikamentöse Ansätze. Vermutlich Erfolg versprechend ist Schmidt zufolge die Einnahme des Antidiabetikums Pioglitazon in Kombination mit hypokalorischer Diät. Auch Inkretin-Mimetika (GLP-1-Analoga) und Dipeptidyl-Peptidase-4 (DPP-4)-Inhibitoren könnten eine Therapieoption darstellen. So sei aus Exenatide-Zulassungsstudien bekannt, dass sich die Transaminasen-Werte unter dem Inkretin-Mimetikum bei Patienten mit zuvor erhöhten Enzymspiegeln signifikant verbessert haben.

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