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Kälteurtikaria

Wenn »on the rocks« gefährlich wird

21.11.2006
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Kälteurtikaria

Wenn »on the rocks« gefährlich wird

Von Sven Siebenand

 

Tausende Deutsche reagieren auf Wind, Eiswasser oder andere Kältereize mit Beschwerden wie Juckreiz und Quaddelbildung. Da die sogenannte Kälteallergie oder Kälteurtikaria nicht mit Antikörper-Bildung einhergeht, wird sie zu den Pseudo-Allergien gezählt. Die Eingruppierung dürfte den Betroffenen einerlei sein. Sommer wie Winter macht die Erkrankung ihnen das Leben zur Qual.

 

Die Tabuliste für Patienten mit Kälteurtikaria ist lang: Eiscreme oder kalte Getränke sind verboten, bei 30 Grad im Schatten die Arme auf den kühlen Metalltisch abstützen ebenso. Beim Sport ins Schwitzen zu kommen, ist auch nicht schön, weil durch die Verdunstungskälte wiederum sofort Quaddeln auftreten. Füße abkühlen im Sommer - Fehlanzeige! Das Jucken der Fußsohlen und Füße steht in keinem Verhältnis zur Abkühlung. Viele Betroffene berichten, dass sie sich schon lange nicht mehr getraut haben, schwimmen zu gehen. Der Sprung ins kühle Nass könnte schließlich tödlich für sie enden. Ein kalter Winter macht das Leben der Betroffenen dann noch komplizierter: Auf einen Skiurlaub verzichten die Betroffenen von alleine, auf ein Auto mit Stand- und Sitzheizung, die bereits 15 Minuten vor Abfahrt per Fernsteuerung aktivierbar sind, dagegen unter keinen Umständen. »Am Zielort angekommen, kann ich bei Kälte erst dann aussteigen, wenn ich einen Parkplatz direkt vor der Eingangstür gefunden habe«, berichtet eine Betroffene in einem Internetforum.

 

Unter den physikalischen Urtikariaformen, bei denen die typischen Symptome der Nesselsucht wie Juckreiz, Quaddeln und Angioödem nach Kontakt mit bestimmten äußeren Reizen auftreten, ist die Kälteallergie mit etwa 15 Prozent nicht gerade selten. In kalten Ländern tritt sie häufiger auf als in warmen. Frauen sind etwa doppelt so oft betroffen wie Männer. Die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt etwa fünf Jahre. Professor Dr. Torsten Zuberbier vom Allergie-Centrum-Charité in Berlin schätzt, dass bis zu 0,5 Prozent aller Deutschen, also mehr als 400.000 Menschen, an der Pseudo-Allergie leiden. Diese große Zahl schließe auch die leichteren Fälle mit ein, die zum Beispiel erst bei sehr niedrigen Temperaturen Hautjucken verspüren.

 

Risikofaktor Infusionslösung

 

Ursache für die Hautreaktionen ist die durch Kälte ausgelöste Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen. Diese führt vor allem an unbekleideten Körperstellen wie Gesicht oder Händen zu Rötung, Schwellung und Juckreiz. Meist sind diese zwar unangenehm und lästig, aber ungefährlich. Schwere Komplikationen treten nur selten auf. So kann ein Sprung ins kalte Wasser zum Beispiel zu einer generalisierten Reaktion und einem anaphylaktischen Schock führen. Bei diesem führt eine Weitstellung der Gefäße zum Blutdruckabfall, lebenswichtige Organe werden zu wenig durchblutet. Folge können Bewusstlosigkeit und Ertrinken sein. Kalte Getränke, Eiswürfel oder Eiscreme können im Rachen Schwellungen verursachen, die schlimmstenfalls zu Atemnot und Ersticken führen. Gefahr geht auch von der intravenösen Verabreichung von Infusionslösungen, die nicht auf Körpertemperatur erwärmt wurden, aus, da sie zur Ausschüttung großer Mengen Histamin führen können. Betroffene sollten daher den Narkosearzt vor einer Operation von der Kälteurtikaria in Kenntnis setzen.

 

Eine für alle Patienten geltende Schwellentemperatur, bei deren Unterschreitung die typischen Symptome auftreten, gibt es nicht. Ebenso ist individuell unterschiedlich, wann die Probleme einsetzen: sofort nach Kälteeinwirkung oder erst bei Wiederaufwärmung. Viele Betroffene berichten zudem, dass auch ein schneller Temperaturwechsel von warm nach kalt zur Quaddelbildung führt.

 

Die Nadel im Heuhaufen suchen

 

Warum es eigentlich zur Histamin-Ausschüttung kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Häufig lösen bei Kälteurtikaria-Patienten noch weitere Reize die Symptomatik aus. Daher ist es wenig überraschend, dass jeder vierte Patient zusätzlich an einer anderen Form der Nesselsucht wie zum Beispiel einer Kontakturtikaria leidet. Auch Nahrungsmittelallergien, Tiergiftreaktionen und Atopie treten bei Betroffenen häufiger auf als in der restlichen Bevölkerung. Die Suche nach den auslösenden Reizen entpuppt sich häufig als äußerst langwierig und schwierig.

 

Darüber hinaus scheint der Kälteurtikaria zumindest in einigen Fällen eine Infektionskrankheit wie Pfeiffer'sches Drüsenfieber, Masern, Windpocken, HIV-Infektion, Atemwegsinfektionen oder Helicobacter pylori zugrundezuliegen. Das könnte auch erklären, warum in einer Studie an der Universität Berlin gute Behandlungseffekte mit Antibiotika erzielt wurden. Auch entzündliche Prozesse in Hals, Nase und Ohren, an Zähnen und Kiefer oder im Urogenitaltrakt können mit der Kälteallergie einhergehen und sie aufrechterhalten.

 

Ferner sind Kryoglobulinämien bei Kälteurtikaria-Patienten häufiger als bei Gesunden. Kryoglobuline sind Bluteiweiße, die unterhalb der normalen Körpertemperatur gelartig werden und daher zu einer erhöhten Viskosität des Blutes führen. Auch Arzneistoffe wie ASS, Diclofenac, ACE-Hemmer sowie orale Kontrazeptiva, Antimykotika und Antibiotika gelten als mögliche Auslöser einer Kälteallergie.

 

Eiswürfeltest ermöglicht Diagnose

 

Mit dem Eiswürfeltest kann der Allergologe relativ schnell erkennen, ob eine Kälteurtikaria vorliegt. Die Eiswürfel werden für eine bestimmte Zeit auf die Haut gelegt. Zeigen sich die typischen Hautreaktionen, so ist die Diagnose eindeutig gestellt. Mit dem TempTest®, einem elektronischem Testgerät, lässt sich nicht nur feststellen, ob eine Kälteurtikaria vorliegt, sondern auch die genaue Schwellentemperatur ermitteln.

 

Rein symptomatisch wird die Erkrankung mit Antihistaminika und Leukotrienantagonisten behandelt. Polidocanol wirkt lokalanästhetisch und kann als 5- bis 10-prozentige Creme (zum Beispiel in DAC-Basiscreme), eventuell mit etwas Harnstoff als Zusatz, den Juckreiz ebenfalls mindern. Ähnlich zusammengesetzt sind Präparate wie Optiderm® Lotion oder Anaesthesulf® Lotio.

 

Cortisonsalben wirken dagegen kaum gegen Juckreiz, sondern nur mittelfristig gegen Hautentzündungen. Bevor das Corticoid zu wirken beginnt, hat der Juckreiz meist von alleine nachgelassen. Eine kausale und kurative Therapie ist nur dann möglich, wenn eine assoziierte Erkrankung oder ein anderer Auslöser eindeutig identifiziert wurden. Liegt zum Beispiel eine bakterielle Infektion der Erkrankung zugrunde, können ausreichend hoch dosierte Antibiotika Aussicht auf Erfolg besitzen.

 

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit könnte zukünftig die lokale Anwendung von Capsaicin, das unter anderem in Paprika sowie Chili- und Pfefferschoten enthalten ist, darstellen. Das Alkaloid wirkt auf spezifische Rezeptoren (Nozizeptoren) in der Haut. Bei diesen führen sie zu einer vorübergehenden Entleerung der Neurotransmitter aus den Nervenendigungen, was sowohl Juckreiz als auch Quaddeln verhindert. Nachteilig ist die aufwendige und häufige Applikation und die problematische Anwendung der Substanz im Gesicht.

 

Eine andere Behandlungsstrategie nennt sich neudeutsch Hardening-Therapie. Dabei setzen sich die Patienten wiederholt kalten Temperaturen aus, um den Körper daran zu gewöhnen. Bei anderen Patienten scheint auch die UV-Bestrahlung eine Besserung zu bringen. Großes Augenmerk sollten Betroffene auf Kälteschutzmaßnahmen legen. Dazu gehören warme Kleidung, Schuhe und Handschuhe. Unbekleidete Körperstellen sollten mit einer fetthaltigen Creme geschützt werden. Auch ein Notfallset, bestehend aus einem Cortisonpräparat und einem Antihistaminikum, sollten Patienten sicherheitshalber immer dabeihaben.

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