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Fieber bei Kindern

Besorgte Eltern kompetent beraten

20.11.2006
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Fieber bei Kindern

Besorgte Eltern kompetent beraten

Von Christina Hohmann

 

Bei kleinen Kindern ist Fieber nichts Ungewöhnliches. Doch mit steigender Temperatur der Sprösslinge wächst auch die Sorge der Eltern. Wann sollte man das Fieber senken und wann ist der Gang zum Arzt nötig?

 

Das Kind ist matt, müde und appetitlos. Es hat glänzende Augen und fühlt sich warm an: Die erste Maßnahme, die Eltern dann ergreifen, ist das Fiebermessen. Der zuverlässigste Wert hierfür ist die Körperkerntemperatur, die bei Kindern am besten rektal oder sublingual gemessen wird. Auch das mittlerweile stark verbreitete elektronische Ohrthermometer liefert ausreichend exakte Ergebnisse. Der unter den Achseln ermittelte Wert ist meist 0,2 bis 0,4 Grad Celsius niedriger als die Körperkerntemperatur.

 

Die normale Körpertemperatur beträgt zwischen 36,6 und 37 Grad Celsius. Dabei sind tageszeitliche Schwankungen zu beachten: Um etwa 4 Uhr morgens liegen die niedrigsten und um 18 Uhr die höchsten Werte vor. Temperaturen zwischen 37 und 38 Grad Celsius gelten als erhöhte Temperatur. Von Fieber spricht man bei Werten über 38 Grad Celsius. Überschreitet die Temperatur 40 Grad Celsius, hat das Kind hohes Fieber und sollte zu einem Arzt gebracht werden.

 

Wie entsteht Fieber?

 

Für die Regulation der Körpertemperatur ist der Hypothalamus im Gehirn verantwortlich, der auch andere wichtige Vorgänge wie Durst, Hunger, Schlaf oder Konzentrationsfähigkeit steuert. Diese Schaltzentrale hält die Temperatur konstant, kann sie aber auch in Ausnahmefällen hoch- oder runterregulieren. Im Krankheitsfall hebt er auf ein bestimmtes Signal hin den Sollwert an. Hierfür sind pyrogene Botenstoffe verantwortlich, die entweder vom Körper selbst als endogene Pyrogene gebildet werden (unter anderem Interleukin-1 und -6, TNF-alpha) oder vom Krankheitserreger stammen wie zum Beispiel bakterielle Endotoxine (exogene Pyrogene). Erreichen diese Botenstoffe den Hypothalamus, setzt er verschiedene Mechanismen in Gang, Wärme zu erhalten und neue zu erzeugen. So wird die Durchblutung der Haut gedrosselt, Hände und Füße fühlen sich kalt an und man friert. Dies führt wiederum zum Zittern, das zusätzliche Wärme produziert. Die Mechanismen werden beibehalten, bis die gewünschte Temperatur erreicht ist.

 

Beim Fieberabfall muss der Körper sich abkühlen, um wieder auf den Normalwert zu gelangen. Die kleinen Blutgefäße der Haut werden weitgestellt, die Durchblutung der Haut nimmt zu. Zusätzlich wird Wärme durch vermehrtes Schwitzen abgegeben.

 

Ob Fieber eine Abwehrreaktion des Körpers ist oder eine zwangsläufige Reaktion auf die endogenen und exogenen Pyrogene, ist bislang umstritten. Vieles spricht dafür, dass die Temperaturerhöhung im Krankheitsfall den Hintergrund hat, dass bei höheren Temperaturen bestimmte biochemische Prozesse besser ablaufen wie zum Beispiel Vorgänge, die zur Abwehr von Krankheitserregern dienen. So ist bekannt, dass bei höheren Temperaturen mehr weiße Blutkörperchen die Lymphknoten erreichen und für die Körperabwehr eingesetzt werden können als bei normaler Temperatur. Außerdem versucht der Körper durch die erhöhte Temperatur, ein ungünstiges Klima für die Pathogene zu schaffen, um ihre Replikation zu verhindern oder sie sogar abzutöten.

 

Vor allem in den ersten Lebensjahren haben Kinder häufig Fieber. Der Körper muss sich mit vielen noch unbekannten Erregern auseinandersetzen. Dabei ist die eigentliche Ursache meist nicht leicht zu erkennen, vor allem wenn weitere Symptome wie Husten, Schnupfen oder Hautausschlag fehlen. Die Liste der Gründe für Fieber reicht von harmlosen Infektionen bis hin zu ernsten Erkrankungen wie Krebs oder Rheuma.

 

Zu den häufigsten Ursachen zählen Mittelohrentzündung, Mandelentzündung, Magen-Darm-Infekte, grippale Infekte und die typischen Kindererkrankungen wie Windpocken oder das Dreitagefieber.

 

Wann zum Arzt?

 

Wenn das Kind fiebert, schläfrig ist und das Essen verweigert, werden Eltern schnell unruhig. Doch in den meisten Fällen ist die Sorge unbegründet, da das Fieber zeigt, dass der Körper sich mit den eingedrungenen Erregern auseinandersetzt. Doch in bestimmten Fällen und bei bestimmten Warnzeichen ist es nötig, einen Kinderarzt aufzusuchen (siehe Kasten). So ist Fieber bei Säuglingen, vor allem wenn sie jünger als drei Monate sind, immer ernst zu nehmen und sollte von einem Arzt beurteilt werden.

Wann zum Arzt?

Experten empfehlen, ein fieberndes Kind zum Arzt zu bringen, wenn:

 

Fieber bei Säuglingen auftritt (vor allem vor dem dritten Lebensmonat),

Fieber zu anhaltender Trinkverweigerung führt,

Fieber ohne erkennbare Ursache länger als drei Tage andauert,

Fieber trotz Antibiotikatherapie oder fiebersenkender Therapie länger als drei Tage andauert,

wenn Fieberkrämpfe auftreten,

Fieber zu anhaltender Müdigkeit und Schwäche beim Kind führt,

noch weitere Symptome hinzukommen wie Erregbarkeit, Verwirrtheit, Atemnot, Nackensteife, Beschwerden beim Bewegen von Armen und Beinen oder Gelenkschmerzen,

Fieber von starken Halsschmerzen (Mandelentzündung) oder Ohrenschmerzen (Mittelohrentzündung) begleitet ist,

die Eltern stark beunruhigt sind, auch wenn keiner der erwähnten Gründe vorliegt.

 

Ein Pädiater sollte auch aufgesucht werden, wenn das Fieber länger als drei Tage anhält, trotz Wadenwickel oder medikamentöser Therapie nicht sinkt oder weitere Symptome wie Hautausschlag, starke Ohr- oder Halsschmerzen oder Nackensteife (Hinweis auf Hirnhautentzündung) hinzukommen. Auch das Auftreten eines Fieberkrampfes ist ein Grund, den Kinderarzt zu kontaktieren.

 

Fieberkrämpfe

 

Auf einen schnellen Anstieg der Körpertemperatur reagieren manche Kinder mit einem Fieberkrampf. Das Kind verliert das Bewusstsein, verdreht die Augen, wird schlaff oder steif und die Muskulatur zuckt heftig. Ein Anfall dauert meist wenige Minuten und hört von alleine auf. Die genauen Ursachen von Fieberkrämpfen sind noch nicht bekannt. Neben Vererbung scheint auch die Entwicklung des Gehirns eine Rolle zu spielen. So treten Fieberkrämpfe nur in bestimmten Entwicklungsphasen auf, hauptsächlich zwischen dem 14. und 18. Lebensmonat. Aber auch Kinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren können betroffen sein.

 

Obwohl Angehörige die Anfälle als lebensbedrohlich empfinden, sind sie in der Regel harmlos. In etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle handelt es sich um einzelne, einfache Fieberkrämpfe, die keinerlei negative Folgen haben. Nur selten treten sogenannte komplexe Fieberkrämpfe auf, die sich durch wiederholte Attacken, eine lange Dauer (über 30 Minuten) oder neurologische Symptome nach dem Anfall auszeichnen. Auch diese komplexen Fieberkrämpfe bleiben ohne Folgeschäden, doch sie können ein erstes Anzeichen für eine Epilepsie sein. Auch bei einem leichten Fieberkrampf sollte ein Arzt aufgesucht werden, um andere Ursachen wie Hirnhautentzündung auszuschließen.

 

Einfache Fieberkrämpfe bedürfen außer der Fiebersenkung keiner speziellen Therapie. Eltern sollten vor allem Ruhe bewahren und das Kind sicher lagern (siehe Kasten). Bei besonders langen Anfällen (15 Minuten) oder einem dauerhaften Aussetzen der Atmung sollte der Anfall unterbrochen werden. Hierzu eignet sich die rektale Gabe von antiepileptischen Substanzen wie Diazepam oder Clonazepam.

Fieberkrämpfe

Verhalten der Eltern beim Auftreten eines Fieberkrampfes:

 

Ruhe bewahren.

Kind so hinlegen, dass es sich nicht verletzen kann, am besten in die stabile Seitenlage.

Das Kind nicht festhalten.

Keine Medikamente einflößen.

Bei langen Anfällen (länger als 15 Minuten) oder dauerhaftem Aussetzen der Atmung sollte der Anfall durch rektale Gabe von Diazepam unterbrochen werden.

Auch bei kurzen Anfällen den Arzt verständigen.

Bei schweren Anfällen den Notarzt rufen.

 

Wenn ein hohes Wiederholungsrisiko besteht, kann Diazepam auch prophylaktisch eingesetzt werden. Beginnt das Kind zu fiebern, wird die Substanz bis zu einer Dauer von maximal zwei Tagen verabreicht. Dabei sind mögliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Verwirrtheit oder Gleichgewichtsstörungen gegen den Nutzen der Therapie abzuwägen.

 

Fiebersenkende Therapie

 

Bei fiebernden Kindern ist vor allem auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Außerdem sollten sich die Patienten körperlich schonen, wobei strenge Bettruhe nicht unbedingt nötig ist. In der Phase des Fieberanstiegs sollte das Kind durch warme Decken oder eine Wärmflasche gewärmt werden. In der Phase des Fieberabfalls helfen kühlende Maßnahmen wie Wadenwickel.

 

Eine medikamentöse Fiebersenkung ist nicht immer sinnvoll und häufig auch nicht nötig. So vertragen kleine Kinder Fieber deutlich besser als Erwachsene. Die künstliche Temperatursenkung kann außerdem die Diagnosestellung verfälschen und so zu falschen therapeutischen Entscheidungen führen. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass Fieber die Abwehrreaktionen des Körpers zu verbessern und ein unfreundliches Klima für Pathogene zu schaffen scheint. Antipyretika senken die Temperatur, ohne die Krankheitsursache zu beseitigen. Einigen Studien zufolge verbessert eine medikamentöse Fiebersenkung zwar das Befinden der Patienten, das »outcome« der Erkrankung beeinflusst sie aber nicht.

 

Sinnvoll ist eine fiebersenkende Therapie, wenn das Befinden der Patienten stark beeinträchtigt ist oder wenn das Kind zunehmend erschöpft wirkt und dadurch nicht ausreichend trinkt. Hier droht eine Dehydrierung. Auch wenn hohes Fieber lange anhält, ist eine Fiebersenkung gerechtfertigt.

 

Für Kinder stehen eine Reihe von Antipyretika zur Verfügung, die am besten als Zäpfchen, Saft oder Brausegranulat verabreicht werden. Tabletten sind insofern ungünstig, als sie sich schlecht schlucken und dosieren lassen. Die meisten Erfahrungen liegen für die Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen vor. Paracetamol ist für die Selbstmedikation bei Fieber und Schmerzen ohne Altersbeschränkung zugelassen. Es sollte aber nicht länger als drei Tage eingenommen werden. Die Dosierung hängt von Alter und Körpergewicht ab und ist wegen der Gefahr der Hepatotoxizität genau einzuhalten.

 

Ibuprofen ist in Saftform rezeptfrei für Kinder ab 6 Monaten erhältlich. Auch in Zäpfchenform steht der Wirkstoff für Kinder ab zwei Jahren zur Verfügung. Wie Paracetamol sollte auch Ibuprofen nicht länger als drei Tage gegeben werden. Zeigt sich keine Verbesserung, sollte ein Arzt kontaktiert werden.

 

Acetylsalicylsäure wird bei Kindern und Jugendlichen nur selten eingesetzt, da sie in Verdacht steht, eine seltene, aber gefährliche Erkrankung, das sogenannte Reye-Syndrom, hervorzurufen. Diese akute Enzephalopathie mit fettiger Degeneration der Leber endet in 60 Prozent der Fälle tödlich. Säuglinge unter drei Monaten sollten ohne ärztliche Rücksprache nie fiebersenkende Medikamente erhalten.

 

 

Quellen:

Patientenleitlinie »Fieber im Kindesalter«, Universität Witten/Herdecke, www.patientenleitlinien.de/Fieber_Kindesalter/fieber_kindesalter.htm

Faltblatt »Mein Kind hat Fieber«, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, www.dgkj.de/faltblaetter.html

 

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