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Philipp Merckle übernimmt die Macht bei Ratiopharm

22.11.2005  18:02 Uhr

Generika

Philipp Merckle übernimmt die Macht bei Ratiopharm

von Thomas Bellartz, Berlin

 

Es war wohl der berühmte Tropfen auf den heißen Stein oder vielleicht auch nur eine gute Gelegenheit: Ratiopharm-Eigentümer Philipp Daniel Merckle übernahm jetzt die Führung bei Ratiopharm. Das alte Management wurde kurzerhand gefeuert.

 

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe ­ und der Lärm verhallte ebenso plötzlich wie die Bombe zündete. Für Claudio Albrecht kam jedenfalls jede Hilfe zu spät. Der Chef des erfolgreichen deutschen Generikaherstellers Ratiopharm wurde von der Eigentümerfamilie Mitte vergangener Woche vom Stuhl geräumt. Kurz und schmerzlos der Prozess an sich, wenn wohl nicht für Albrecht selbst. Auf dessen Stuhl sitzt vorerst derjenige, der Albrecht die Papiere gab, der verantwortliche Unternehmenseigentümer und Gesellschafter Philipp Daniel Merckle selbst. Der Enddreißiger ist Sproß der Dynastie um Vater Adolf Merckle, der ein weit verzweigtes Familienimperium aufbaute, das sich längst nicht nur mit Pharmazie und Gesundheit beschäftigt.

 

Für viele Mitarbeiter im Unternehmen kam der Rausschmiss überraschend, und auch für zahlreiche Geschäftspartner und Branchenkenner. Der frühere Novartis-Manager Albrecht genießt in der Branche den Ruf eines umtriebigen Arbeiters, frei nach dem Motto »höher, schneller, weiter«. Das Unternehmen Ratiopharm gilt als erfolgreich geführt, die Zahlen sollen dem Vernehmen nach stimmen. Was zuletzt indes nicht mehr stimmte, war der nach einem Beitrag des »Stern« zunächst angegriffene Ruf des Generikaherstellers.. Insider zweifeln, ob die Hauruck-Aktion Merckles daran zunächst etwas ändern wird. Überraschend kam der Rausschmiss wohl auch, weil Albrechts Vertrag noch in diesem Jahr um drei weitere Jahre verlängert worden war. Die Wirtschaftsteile der deutschen Tageszeitungen waren in den vergangenen Tagen voll von Geschichten über den jungen Merckle, seine Motivation, die Beweggründe für den schnellen Wechsel. Auf einen Nenner lassen sich die Deutungsversuche nicht bringen. Indes: Merckle pflegt die Taktik seines Vaters zumindest teilweise weiter: Das Unternehmen und die Familie sowie eine Reihe von Wertmaßstäben, die beides miteinander verbinden, stehen in der Prioritätenliste ganz weit oben ­ und dann gibt es lange Zeit nichts.

 

Es geht zudem nicht darum, was bleibt, sondern was sich ändert bei Ratiopharm. Merckle werden Wertmaßstäbe nachgesagt, die vielen Managern und Geschäftsführern eher suspekt sind, die eher als hinderlich, denn als hilfreich angesehen werden. Es wird davon gesprochen und geschrieben, er habe einen Schlussstrich ziehen wollen. Die auch in der Fachöffentlichkeit mitunter kritisch hinterfragten publikumswirksamen Auftritte des Ratiopharm-Managements passen nicht in das Konzept eines wert- wie nachhaltig geführten Unternehmens, das zwar ein gutes Geschäft machen, aber nicht auf der großen Bühne auftreten will. Der Familie Merckle und insbesondere Philipp Merckle wird die Selbstinszenierung der vergangenen Monate in Medien und Politik ein Graus gewesen sein.

 

Die Folgen des Wechsels werden sicherlich nicht nur bei Ratiopharm, sondern möglicherweise auch bei den vielen anderen Unternehmen der Familie Spuren hinterlassen ­ und damit auch die deutschen Apotheken in vielerlei Hinsicht berühren; ob als Ratiopharm-, CT- oder Abz-Kunde, Phoenix-Bezieher, MVDA-Mitglied, Linda-Nutzer oder ADG-Fan.

 

Die interne und auch halböffentliche Diskussion in Ulm und Blaubeuren ist spannend, denn sie befasst sich mit Kernfragen der gesamte Gesundheits- und Pharmabranche: Ethik oder Monetik?

 

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