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Ebola

Schwere Blutungen sind selten

12.11.2014  10:21 Uhr

Von Annette Mende, Wien / Massive Blutungen aus Körperöffnungen und Schleimhäuten sind bei der aktuellen Ebola-Epidemie seltener als bei früheren Ausbrüchen. Die Patienten leiden vor allem an extrem starken Durchfällen. Die Sterblichkeit hängt unter anderem vom Alter und von der Viruslast ab.

»Ebola präsentiert sich zurzeit vor allem als schwere Durchfallerkrankung«, sagte Dr. Marion Koopmans, Virologin der Erasmus-Universität Rotterdam, bei der internationalen Konferenz zu Übertragung, Prävention und Dokumentation von Infektionskrankheiten (IMED) in Wien. Das mache die Erkrankung besser behandelbar als bislang angenommen. Da die Patienten durch die Durchfälle sehr große Mengen an Flüssigkeit verlören, gelte es vor allem, den Elektrolythaushalt zu überwachen und Flüssigkeit sowie Elektrolyte zu substituieren.

 

Das ist angesichts der Masse an Infizierten und der sehr begrenzten Labor- und Pflege-Kapazitäten aber leichter gesagt als getan. »Unter den Bedingungen, die momentan in Westafrika herrschen, sind wir leider weit davon entfernt, allen Patienten die erforderliche Behandlung geben zu können«, sagte Dr. Hilde De Clerck, Allgemeinmedizinerin aus Belgien und bis vor Kurzem für Ärzte ohne Grenzen (MSF) in den Epidemie-Gebieten im Einsatz. Zumal die Diarrhö und die damit verbundenen Elektrolytentgleisungen nicht die einzigen Folgen der Ebola-Infektion sind, die das Leben Betroffener bedrohen.

 

»Wir glauben, dass das Ebola-Virus sofort nach der Infektion viele Organe attackiert, unter anderem das Gehirn, die Leber und die Nieren«, so De Clerck. Hinzu kommt im Verlauf häufig ein Zytokinsturm, also eine lebensgefährliche Entgleisung des Immunsystems. Das Resultat ist ein septischer Schock. Eine Störung der Blutgerinnung und die erhöhte Durchlässigkeit der Blutgefäße können zu inneren und äußerlichen Blutungen führen.

 

Diese hämorrhagischen Symptome, die für eine Ebola-Virus-Infektion eigentlich charakteristisch sind, treten bei der aktuellen Epidemie allerdings vergleichsweise selten auf. »Nur äußerst wenige Patienten bluten sehr stark, etwa mit blutigem Erbrechen oder Blut im Stuhl«, berichtete De Clerck. Die meisten Patienten bluteten überhaupt nicht, und wenn, dann nur leicht aus der Nase oder dem Zahnfleisch und erst in einem sehr späten Krankheitsstadium.

 

Diese Beobachtung machten auch Ärzte des öffentlichen Krankenhauses von Kenema in Sierra Leone um Dr. John S. Schieffelin, die kürzlich Daten zu Symptomen und Sterblichkeit einiger von ihnen behandelter Patienten im »New England Journal of Medicine« veröffentlichten (DOI: 10.1056/NEJMoa1411680). Blutungen waren bei den 87 Patienten, bei denen der Ausgang der Erkrankung dokumentiert war, ein seltenes Ereignis, Diarrhö und andere gastrointestinale Manifestationen dagegen häufig.

 

Annährend drei von vier Infizierten (74 Prozent) starben. Damit lag die Sterblichkeit etwa auf dem Niveau früherer Ausbrüche des Ebola-Zaire-Virus. Überdurchschnittliche Überlebenschancen hatten in Kenema Patienten unter 21 Jahre. In dieser Altersgruppe betrug die Sterblichkeit 57 Prozent, bei den Über-45-Jährigen dagegen 94 Prozent. Als positiver prognostischer Faktor erwies sich auch eine niedrige Viruslast: Infizierte, in deren Blut pro ml bei Aufnahme ins Krankenhaus weniger als 100 000 Kopien des Ebola-Virus gefunden wurden, hatten eine 66-prozentige Überlebenswahrscheinlichkeit. Dagegen starben von denjenigen mit mindestens 10 Millionen Virus-Kopien pro ml Blut bei Aufnahme 94 Prozent.

 

»Die Sterblichkeit liegt bei 60 bis maximal 75 Prozent«, bestätigte De Clerck. Bislang unveröffentlichten Daten von MSF zufolge gebe es allerdings große Unterschiede in der Sterblichkeit zwischen verschiedenen Behandlungszentren. »In einem Zentrum hatten wir sogar 75 Prozent Überlebende. Allerdings ist diese Krankenstation mit nur 30 Behandlungsplätzen sehr klein«, so De Clerck. Die Gründe für die Differenzen sind unklar, aber höchstwahrscheinlich vielfältig. So könnten der Infektionsweg und die Erregermenge, mit der sich ein Patient infiziert hat, eine Rolle spielen, ebenso wie genetische Unterschiede und Koinfektionen. Malaria sei dabei ein wichtiger Faktor. Das zeige die im Vergleich zu anderen MSF-Behandlungszentren leicht überdurchschnittliche Sterblichkeit in Guéckédou, Guinea, einer Region mit hoher Malaria-Prävalenz.

 

Hinweise auf eine genetische Komponente liefern auch jüngst in »Science« publizierte Daten von Mikrobiologen um Angela Rasmussen von der Universität Washington (DOI: 10.1126/science.1259595). Die Forscher untersuchten Verlauf und Ausgang einer Ebola-Infektion an einer genetisch heterogenen Gruppe Mäuse. Frühere Versuche zu Prävention und Therapie der Ebola-Virus-Erkrankung mit Labormäusen hatten unter anderem deshalb keine Rückschlüsse auf die Verhältnisse im Menschen zugelassen, weil die Tiere zwar starben, aber nicht die typischen Symptome einer hämorrhagischen Fiebererkrankung zeigten.

 

Das war bei den jetzt untersuchten Tieren anders. Sie zeigten das klassische Ebola-Symptom einer Blutgerinnungsstörung – aber bei Weitem nicht alle. 19 Prozent der Mäuse verloren zwar initial Gewicht, erholten sich davon aber ohne weitere Symptome innerhalb von zwei Wochen vollständig. Ihre Lebern wiesen keine pathologischen Veränderungen auf. Von den übrigen Tieren waren einige teilweise resistent gegen den Erreger, andere entwickelten zwar eine Leberentzündung, aber keine weiteren Symptome.

 

Die Obduktion ergab, dass bei Mäusen mit typischen Ebola-Symptomen nahezu alle Leberzellen mit dem Virus infiziert waren. Bei den resistenten Tieren waren dagegen nur atypische Leberzellen, beispielsweise Kupfferzellen, betroffen. Dieser Befund könnte den Forschern zufolge erklären, warum bei diesen Tieren die Blutgerinnung nicht gestört war, da die Leber Syntheseort von Gerinnungsfaktoren ist. Die Wissenschaftler identifizierten verschiedene Gene, die bei Mäusen mit schweren Krankheitsverläufen und fatalem Ausgang, nicht aber bei resistenten Tieren aktiviert beziehungsweise gedrosselt waren. Dazu zählten die beiden endothelialen Tyrosinkinasen Tie 1 und Tek (Tie 2), die für die Durchlässigkeit von Blutgefäßen eine Rolle spielen. /

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