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ABDA-Hauptgeschäftsführerin Franziska Erdle
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Die Realismusbeauftragte

Franziska Erdle ist seit Oktober 2025 bei der ABDA und hat zum Jahreswechsel die Hauptgeschäftsführung übernommen. Im Interview mit der PZ erklärt Erdle, wie die Zusammenarbeit mit dem Ehrenamt läuft, welche Ziele sie bei der ABDA verfolgt und was das Besondere am Berufsverband der Apothekerinnen und Apotheker ist.
AutorAlexander Müller
Datum 26.05.2026  16:20 Uhr

PZ: Was hat Sie am Thema Apotheke gereizt?

Erdle: Durch meine Tätigkeit im Verband der Chemischen Industrie hatte ich immerhin schon Berührungspunkte zu Pharma-Themen, allerdings war mein Schwerpunkt die Energiepolitik. Mich reizen Themen, bei denen man auch nach fünf Jahren noch etwas dazulernen kann. Die Gesundheitspolitik ist für mich deswegen sehr interessant. Auch weil hier politisch viel in Bewegung ist. Hinzukommt, dass ich es für sehr wichtig halte, dass der Mittelstand in unserem Land gestärkt wird – und Apotheken sind klassischer Mittelstand. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Apotheken haben sich in den vergangenen Jahren aber verschlechtert, insofern gibt es viel zu tun. Diese Gesamtlage hat mich dazu motiviert, meinen Hut in den Ring zu werfen.

PZ: Was würden Sie sagen, haben alle Verbände gemeinsam? Und wo ist die ABDA speziell?

Erdle: Die Strukturen sind oftmals vergleichbar: ehrenamtliche Gremien, ein hauptamtlich besetztes Haus, Satzung, Mitgliederversammlung, Vorstand oder Präsidium – das ist meistens gleich. Und auch das Zusammenspiel von Mitgliedsorganisationen und Dachverband ist ähnlich. Das Besondere bei der ABDA ist der Zusammenschluss von Kammern und Verbänden. Diese Größe und damit auch Wirkmacht ist schon ein Alleinstellungsmerkmal und ein Schatz, den man pflegen sollte. Weil der Berufsstand damit wirklich mit einer Stimme spricht – anders als bei den Ärztinnen und Ärzten zum Beispiel.

PZ: Es gibt auch bei den Apotheken Splitterverbände mit Einzelinteressen. Besorgt Sie das?

Erdle: Momentan nicht, aber man muss ein Auge darauf haben. Wenn zu viele partielle Interessen bedient werden, verliert man das gemeinsame Ganze aus dem Blick. In einer großen Organisation wie der ABDA ist aufgrund der Vielschichtigkeit und Diversität der Mitgliedschaft klar, dass niemand sich zu 100 Prozent in jeder Positionierung wiederfindet. Dafür hat man aber eine viel höhere Durchsetzungskraft.

PZ: Was waren Ihre ersten Eindrücke im Apothekerhaus?

Erdle: Modern, hell, gestalterisch ansprechend. Was ich unbedingt erreichen möchte: Dass wir bei unserer Arbeit für die Apothekerschaft mehr ins Miteinander finden. Dass wir ohne Herrschaftswissen die Expertise der verschiedenen ABDA-Bereiche nutzen, sie verbinden und mit einem Wissenspool arbeiten.

PZ: Und wie gehen Sie das an?

Erdle: Erstmal muss man es einfach aussprechen und als Ziel formulieren. In unseren Townhalls – unseren Mitarbeiterversammlungen – habe ich dem Team erklärt, wie ich arbeite und wie wir zusammenarbeiten wollen. Mit der neuen hauptamtlichen Struktur wurde eine gute Vorarbeit geleistet, indem die Geschäftsführer-Ebene aufgelöst wurde zu Gunsten einer Bereichsleitungs-Ebene. So ist sichergestellt, dass das Wissen aus den einzelnen Bereichen direkt, also ohne Zwischenebene, mit allen anderen Bereichen und der Hauptgeschäftsführung geteilt wird. Der Austausch mit den Bereichsleitern findet wöchentlich in unserer Montagsrunde statt.

PZ: Wie läuft die Zweiteilung in der Hauptgeschäftsführung?

Erdle: Wir haben ganz schnell und unkompliziert zueinander gefunden. Und haben verabredet, dass wir dieses Haus tatsächlich im Tandem und in ganz engem Austausch führen. Und das funktioniert extrem gut.

PZ: Die Aufgaben haben Sie sich aufgeteilt. War das Ihre Entscheidung oder stand alles fest mit der neuen Struktur?

Erdle: Das war in der Struktur schon vorgegeben, aber es kommt mir sehr entgegen, weil ich die Bereiche unter mir habe, die ich auch gut bedienen kann. Ich bin Juristin und bin für den Rechtsbereich zuständig. Ich habe für das Atomforum die Kommunikation zu Fukushima gemacht und weiß seitdem, wie Krisenkommunikation funktioniert. Deswegen freue ich mich, dass ich den Bereich Kommunikation bei mir habe. Und Finanzen, Personal, Verwaltung – das gehört zur Hauptgeschäftsführung. Und dann sind die zwei politischen Bereiche – Europa und National – bei mir. Ich bin ein »Political Animal«. Insofern passt das genau. Die sehr fachspezifischen Bereiche sind bei Claudia Korf. Und das ist im Grunde auch unsere Aufteilung, ohne dass wir die trennscharf halten. Ich muss natürlich in diese Fachthemen bei Bedarf reinschauen können und nehme sie genauso bei den strategischen Themen mit.

PZ: Was möchten Sie innerhalb der ABDA erreichen?

Erdle: In einer sich ständig wandelnden Welt wollen wir nicht einfach reagieren, sondern die Zukunft der Apotheken aktiv mitgestalten. Mit dem Zukunftskonzept ist die ABDA schon einmal richtig vor die Welle gekommen. Dieses proaktive Denken strebe ich an, auch in der Positionierung. Und nach innen möchte ich noch mehr ins Miteinander kommen.

PZ: Sie sind in einer heißen Phase zur ABDA gekommen – mitten in eine Apothekenreform. War das vielleicht sogar hilfreich?

Erdle: Das war gleichzeitig Herausforderung und große Chance. Einen besseren Intensivkurs hätte es gar nicht geben können. Ich hatte quasi alle Herzens- und Kernthemen der Apothekerschaft auf einmal auf dem Tisch. In allen Gremien wurde intensiv diskutiert, da hört man sich automatisch ein.

PZ: Wie interpretieren Sie Ihren Job? Was ist die Hauptaufgabe einer ABDA-Hauptgeschäftsführerin?

Erdle: Ich koordiniere vor allem zusammen mit Claudia Korf das Haus und die hauptamtliche Arbeit. Für den Vorstand sind wir in beratender Funktion tätig. Ich bringe politisches Netzwerk mit, mein Wissen aus der Arbeit im Bundestag, meine Erfahrungen aus anderen Verbänden.

PZ: Was ist Politikern besonders wichtig?

Erdle: Aus meiner Zeit im Bundestag habe ich diese Regel von Frau Merkel mitgenommen: »Alles, was nicht auf ein Blatt Papier passt, lese ich nicht.« Und das habe ich tatsächlich in jedem Verband umgesetzt. Natürlich benötigen wir die ausführliche Stellungnahme für diejenigen, die sich fachlich im Ministerium und auch in den Abgeordnetenbüros damit beschäftigen. Aber für das schnelle, eingängige Verständnis: One-Pager mit den Kernaussagen.

PZ: Welchen einen Satz würden Sie dem Kanzler auf einen Zettel schreiben?

Erdle: Die Apotheken sind das soziale Netzwerk im realen Leben und Sie sollten alles daransetzen, diese Struktur zu erhalten.

PZ: Welche Werte sind Ihnen persönlich wichtig?

Erdle: Ich bin Juristin, mein Grundwert ist Gerechtigkeit. Gerechtigkeitsempfinden ist sehr stark ausgeprägt bei mir.

PZ: Hat es Sie beeindruckt, wie sich die Apothekerschaft zum gemeinsamen Protest zusammengeschlossen hat?

Erdle: Absolut. Bei den Verbänden, in denen ich bisher unterwegs gewesen bin, gab es kaum Mobilisierungspotenzial und keine Kampagnenfähigkeit. Und das haben die Apothekerinnen und Apotheker. Das finde ich brillant. Es war ein sehr beeindruckender Tag für mich. Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Apothekerhaus sind gemeinsam mit zur Berliner Demo gegangen, das war auch für die Kolleginnen und Kollegen ein schönes Gemeinschaftsgefühl.

PZ: Zu wie viel Prozent ist so ein Protesttag nach innen gerichtet?

Erdle: Der Protest hat in beide Richtungen gewirkt. Im Berufsstand fördert es ein Gefühl des Zusammenhalts, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Nach außen hatten wir ein Wahnsinns-Medienecho. Aber mein persönliches Aha-Erlebnis war, als ich in meinem Paketshop um die Ecke darauf angesprochen wurde. Ob ich etwas damit zu tun hätte, dass die Apotheke heute geschlossen war. Es gab volle Unterstützung für unsere Anliegen in diesem Büdchen. Und da dachte ich mir, das ist es doch. Da müssen wir hin. Wir sind in den Köpfen der Leute angekommen mit dem Protesttag.

PZ: Aber das Mittel will wohl dosiert sein, oder?

Erdle: Der Aufwand ist enorm, die Planung benötigt Vorlauf. So etwas kann man weder von einem Tag auf den anderen auf die Beine stellen noch kurzfristig wieder abblasen. Deshalb haben wir sehr bewusst in die Entscheidungszeit im Parlament terminiert. Da gibt es zeitlich nur eine sehr enge Einflugschneise in einem politisch extrem volatilen Geschäft, wo ständig etwas vorgezogen oder nach hinten geschoben wird. Und: So ein Mittel nutzt sich auch ab, das kann man nicht beliebig oft einsetzen.

PZ: Wie begleiten Sie – im Zusammenspiel mit dem ehrenamtlichen Vorstand – die politische Arbeit? Wie ist die Aufgabenteilung?

Erdle: In Industrieverbänden ist das klassischerweise eher ein Aufsichtsrat. Jetzt habe ich einen deutlich politisch auftretenden Vorstand. Das liegt auch an der persönlichen Betroffenheit. In der ABDA sitzen die Berufsträger selbst, jedes Mitglied im Vorstand ist ganz persönlich betroffen von politischen Entscheidungen. Ich finde das gut: Politisch überzeugend ist der Bericht aus eigenem Erleben. Und das können unsere Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler. Wir im Hauptamt sind ein bisschen die Realismusbeauftragten und müssen beispielsweise erklären, warum Politik trotz unserer guten Argumente unseren Positionen nicht folgt.

PZ: Was ist das nächste große Thema nach der Reform, das die Apothekerschaft angeht?

Erdle: Primärversorgung. Bei diesem Thema wollen wir möglichst früh inhaltliche Akzente setzen und die politische Debatte mitbestimmen, sehr gerne auch gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten sowie den Krankenkassen.

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