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Sexuell übertragbare Krankheiten

Syphilis weiter auf dem Vormarsch

12.11.2013
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Von Ulrike Viegener / Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet weiter steigende Syphilis-Zahlen. Im Jahr 2012 wurden fast 4500 Neuerkrankungen registriert und damit rund 20 Prozent mehr als 2011. Wie es zu diesem Anstieg kommt, ist noch unklar.

Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen, die durch »Jenseits von Afrika« unsterblich wurde, ist nur eine von vielen bekannten Persönlichkeiten, die an Syphilis erkrankten. Auch Casanova, Katharina die Große, Ludwig van Beethoven und Friedrich Nietzsche teilten dieses Los. Mit Penicillin ist die sexuell übertragene Krankheit heilbar geworden. Aber der Erreger – das Bakterium Treponema pallidum – ist keineswegs ausgerottet, wie man vielleicht meinen könnte. Im Gegenteil: Syphilis ist in Deutschland seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch.

 

Vor allem Männer betroffen

 

Nachdem sich die jährlichen Neuerkrankungen auf einem Niveau zwischen 3000 und 3500 eingependelt hatten, ist seit 2010 ein stetiger Aufwärtstrend zu verzeichnen, der sich auch im ersten Halbjahr 2013 fortgesetzt hat. Die jährlichen Zuwachsraten betrugen 10,6 und 22 Prozent in den Jahren 2010 und 2011, und im vergangenen Jahr war erneut ein Anstieg um rund 20 Prozent zu beobachten: 4410 Neuerkrankungen wurden 2012 gemeldet, berichtet das RKI im »Epidemiologischen Bulletin« Nummer 44. 

Dabei sind Männer 14-mal häufiger betroffen als Frauen. Da bei etwa 70 Prozent der Meldungen Angaben zum potenziellen Infektionsweg vorlagen, konnte man mit hoher Wahrscheinlichkeit rückschließen, dass der Syphilis-Erreger in rund 80 Prozent der Fälle durch Sex unter Männern übertragen wurde.

 

Warum sich die Syphilis in den letzten Jahren wieder auf dem Vormarsch befindet, ist nicht geklärt. »Wir vermuten, dass Aids angesichts effektiver Therapien etwas von seinem Schrecken verloren hat und deshalb wieder mehr ungeschützter Sex stattfindet«, sagte Dr. Viviane Bremer vom RKI gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Der Anteil der Reinfektionen mit Syphilis hat sich in den letzten zehn Jahren annährend verdoppelt, wobei HIV-positive Homosexuelle besonders häufig betroffen sind. Da das HI-Virus immunmodulierend wirkt, erleichtert es die Syphilis-Infektion. Umgekehrt schädigt der Syphilis-Erreger die Schleimhautbarriere und begünstigt so eine HIV-Infektion. Außerdem kann eine gleichzeitige Syphilis-Infektion bei HIV-Positiven zu einer Immunaktivierung und in der Folge zu einer gesteigerten HIV-Vermehrung führen.

 

Auffällig ist das relativ hohe Durchschnittsalter der an Syphilis erkrankten Männer. Während sich bei anderen sexuell übertragbaren Infektionen der Erkrankungsgipfel in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen findet, liegt der Peak bei Syphilis in den dreißiger Jahren. Das könnte laut Bremer mit dem hohen Anteil HIV-Positiver in dieser Altersklasse zusammenhängen.

 

Diagnose oft spät

 

Syphilis-Fälle mit vermutlich heterosexuellem Infektionsweg machten im Jahr 2012 einen Anteil von 12,9 Prozent aus. Prostitution kann bei Miniepidemien eine Rolle spielen, ist aber kein Hauptproblem. Trotz Screening-Programm für Schwangere wurden fünf Fälle von konnataler (angeborener) Syphilis registriert.

 

Bei gut 70 Prozent der Meldungen lagen Angaben zum Infektionsstadium bei Diagnosestellung vor. Dabei ergab sich folgendes Bild: 36,7 Prozent der Diagnosen wurden im Primärstadium gestellt, 28,2 Prozent im Sekundärstadium und 32,5 Prozent erst im Stadium der Früh- oder Spätlatenz. Wie in den Vorjahren auch wurde die Syphilis bei Frauen seltener als bei Männern im Primärstadium entdeckt.

 

Die Diagnose der Syphilis gestaltet sich deshalb so schwierig, weil sie in der Hälfte der Fälle asymptomatisch verläuft. Die akute Infektion kann in einen chronischen Verlauf mit einer Vielzahl von Folgeschäden übergehen. Im Primärstadium entwickeln sich um die Eintrittspforte des Erregers lokalisierte Geschwüre. Im Sekundärstadium treten Allgemeinsymptome wie Fieber und Abgeschlagenheit mit generalisierter Lymphknotenschwellung und verschiedensten Hauterscheinungen wie Palpen und Exantheme auf. Nach drei bis fünf Jahren hat sich der Erreger im Körper ausgebreitet und befällt auch Blutgefäße, Organe oder das ZNS.

 

Die fortlaufende Aufklärung über Safer Sex ist eine wichtige Maßnahme im Kampf gegen die Syphilis. Außerdem sprach sich Bremer dafür aus, homosexuellen Männern mit öfter wechselnden Sexpartnern auch bei fehlender Symptomatik Syphilis-Tests anzubieten. /

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