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Syrien

Olivenzweige gegen Maschinengewehre

15.11.2011  19:24 Uhr

Von Ulrich Brunner, Alexander Bühler, Joost Butenop / Der friedliche Aufstand in Syrien trifft auf gnadenlose Staatsgewalt. Neutrale, unparteiische humanitäre Hilfe für die Opfer der Gewalt fehlt fast gänzlich. Eine Bestandsaufnahme.

Syrien im November 2011. Ein Jasminbaum in der Mitte des Innenhofs streut seine Blüten, ein süßlicher Duft geht von ihnen aus. Eine friedliche Stimmung – wären nicht gerade Schüsse verklungen. Zunächst eine kurze Salve, danach eine längere, dumpf klingende. Ein schweres Maschinengewehr. »Vielleicht sind ein paar Soldaten desertiert«, sagt einer der acht Männer, die sich in Duma in einem Haus versammelt haben. Sie gehören zum lokalen Komitee, das die Demonstrationen in dieser Stadt nahe Damaskus organisiert. Zu ihrer eigenen Sicherheit müssen sie namenlos bleiben, denn die Regierung verfolgt sie und ihre Familien.

 

Assads Schlägertrupps

 

Es ist Donnerstagnacht, gegen zwei Uhr früh. Morgen soll nach dem Freitagsgebet in den Moscheen wieder eine große Demonstration stattfinden. Es werden sich die Männer wieder treffen und gemeinsam mit anderen Menschen bei ihrer friedlichen Demonstration der Shabiha-Schlägertruppe des Assad-Regimes, der Armee und den Geheimdiensten gegenüberstehen.

Interviews können teilweise nur im fahrenden Auto stattfinden, nirgends sonst ist es sicher. Kellner, Taxifahrer, Hoteliers – viele von ihnen arbeiten dem Regime zu. Im Wagen sprechen sich drei gesprächswillige Aktivisten untereinander nur mit ihren Tarnnamen an, so sehr haben sie verinnerlicht, sich schützen zu müssen. »Ich habe keine Freiheiten, darf bestimmte Bücher nicht lesen, weil der Schreiber Unerlaubtes zu Papier gebracht hat«, sagt der 38-Jährige, der sich Abu Hamza nennt. Er ist einer der Organisatoren der lokalen Widerstandskomitees. Es seien nicht Armut oder fehlende Perspektiven, die ihn antrieben, erklärt er. Als Ingenieur sei er ausreichend abgesichert. Es sei die Willkür des Systems, die ihn rasend mache. »Es gibt kein Nein in Syrien, sondern immer nur ein Ja. Man hat Angst, dass sonst ein Polizist oder ein Geheimdienstmann zu einem nach Hause kommt und einem alles wegnimmt.« Selbst auf wissenschaftlichen Kongressen könne man nicht die Wahrheit sagen, im Geschäftsleben könne man seine Ideen nicht verwirklichen.

 

Während der Präsident die Politik beherrscht, ist sein Bruder für Armee und Geheimdienste zuständig. Die Ökonomie kontrolliert Rami Makhlouf, der Cousin des Präsidenten. Tatsächlich gehen die meisten lukrativen Aufträge an ihn. Nach Schätzungen der »Financial Times« kontrolliert er mit seinem Firmennetzwerk bis zu 60 Prozent der syrischen Wirtschaft.

 

Es ist Freitag, der Tag der Demons-tration. Von den Moscheen ist der Gebetsruf zu hören, die Menschen bereiten sich dort auf die Demonstrationen vor. Sie wissen, dass sie dabei ihr Leben riskieren. Ein paar Minuten später machen sich erste Protestierende bemerkbar, wenige hundert Menschen. Sie rufen: »Nieder mit Assad!«, und wollen jene abholen, die bereitstehen, um zur Hauptdemonstration im Stadtzentrum zu ziehen. Dann plötzlich ein lautes Krachen, ein Schuss – Tränengas. Die Menge stiebt auseinander, wir rennen runter von der Hauptstraße, hinein in die engen Seitenstraßen. Plötzlich ein zweiter lauter Knall. Der Rauch von brennendem Plastik der Barrikaden verdunkelt den blauen Himmel. Unser Kontaktmann erhält einen Anruf. »Ein paar Meter weiter sind Scharfschützen auf dem Dach, wir können da nicht weiter«, erklärt er. Die Menschen sind aufgeregt, wütend, verstört – aber sie bleiben friedlich, schwenken Olivenzweige und skandieren weiterhin: »Allahu Akbar« – Gott ist groß.

 

Baufälliges Krankenlager

 

Ganz in der Nähe wurde ein provisorisches Krankenlager im Keller eines baufälligen Hauses aufgebaut. Die verwundeten Demonstranten können nicht in Krankenhäusern oder Arztpraxen behandelt werden. Immer wieder hat das Regime die Kliniken durchsucht, um angeschossene Demonstranten foltern, verschleppen und ermorden zu lassen.

Blutige Mullbinden liegen auf dem Boden, Verletzte liegen auf Tragen. Einem von ihnen hat die Kugel eines Scharfschützen den Wangenknochen zertrümmert. Sie blieb im Hals stecken. Das Operationsbesteck zur Entfernung des Geschosses und Material zur sterilen Wundversorgung fehlt. Einen anderen hat es noch schlimmer getroffen: Seine Lunge ist durchschossen. Sie füllt sich langsam mit Blut. »Er wird es wohl nicht überleben«, sagt Abu Hamza. »Wir haben nicht die medizinischen Geräte, um ihm zu helfen.«

 

Für die helfenden Ärzte ist es frustrierend. Mit einfachen Mitteln könnten die meisten Verwundeten gut versorgt werden. Es fehlt jedoch am Nötigsten: Verbandsmaterial, Antibiotika, Infusionen. Die Mediziner sehen auch viele Schussverletzungen, deren Behandlung anspruchsvoll ist. Der hohe Blutverlust kann nicht kompensiert werden. Es mangelt an Transfusionsbesteck oder Infusionen. Blutspender gibt es genug unter den Demonstranten. Aber ohne Transfusionsmaterial können auch erfahrene Ärzte nicht helfen. Oft sterben Schwerverletzte einen qualvollen Tod, Betäubungsmittel sind Mangelware. Die Mediziner haben sich organisiert und versuchen, aus dem Nachbarland über private Kontakte Verbandsmaterial und andere essenzielle medizinische Hilfsgüter zu organisieren. Größere Einkäufe in Apotheken im eigenen Land seien zu unsicher und würden an die Geheimdienste gemeldet werden. Bei der Behandlung von Verletzten riskieren sie viel. Die Regierung fordert jeden Arzt per Dekret auf, die Behandlung von Schussverletzten und Verwundeten zu melden. Dabei geraten die Helfer oft selbst in die Schusslinie der Geheimdienste. Ein aktueller Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International prangert die Methoden des Asad-Regimes gegenüber Verwundeten und Helfern an.

 

Unabhängige Hilfsorganisationen gibt es kaum im Land. Der Syrische Rote Halbmond ist trotz seiner völkerrechtlichen Sonderstellung machtlos, Mitarbeiter und Patienten seien laut des Amnesty Berichtes der Willkür des Systems ausgesetzt. Internationale Hilfsorganisationen sind ratlos. Sie haben keinen Zugang zum Land, zu den Verletzten. Das Regime verbietet jegliche internationale Einmischung. Eine unpartei-ische, neutrale und unabhängige humanitäre Versorgung der Verletzten wird als Unterstützung der Opposition angesehen. Ohne die Bereitschaft des Regimes, humanitäre Unterstützung zuzulassen, sind den internationalen Hilfsorganisationen die Hände gebunden. Die lokalen Netzwerke der Mediziner sind fragil und der ständigen Gefahr ausgesetzt, zerschlagen zu werden. Bisher konnte kein konstanter Kontakt zwischen den lokalen und internationalen Helfern aufgebaut werden. Einzelaktionen sind die einzige gangbare Form der Solidarität.

 

Die syrischen Mediziner könnten von den jahrzehntelangen Erfahrungen großer Hilfsorganisationen profitieren. Standardisierte Baukastensysteme wie das »Basic Health Kit«, das »Wounded Kit« oder das »Blood Transfusion Kit« sind auf die Bedürfnisse in solchen Akutsituationen zugeschnitten. Sie sparen wertvolle Zeit und vermeiden, dass etwas Essenzielles vergessen wird. Jede Apotheke kann sie anhand frei zugänglicher Listen zusammenstellen. Jedoch fehlt es den Ärzten an Geld und logistischer Unterstützung.

Seit acht Monaten protestieren Syrer gegen den Präsidenten Bashar al-Assad und sein Regime, das nur mit Gewalt reagiert. Bodentruppen, Panzer, Kriegsschiffe, Kampfjets – jedes Mittel ist der Regierung recht, um die Opposition zu ersticken. Und doch sind Städte wie Daraa oder Homs zu Symbolen für die Syrer geworden. Denn trotz Hunderter Toter in diesen Städten geben die Befürworter der Freiheit nicht auf – sie feiern Homs sogar als befreite Stadt. 3500 Menschen wurden laut den Vereinten Nationen bisher bei den Demonstrationen getötet. Mehr als 5000 seien es wirklich, sagt die Opposition. Und über 35 000 Menschen steckten in Gefängnissen und Schulen, die zu Kerkern umfunktioniert wurden.

 

Mord, Folter, Willkür – die Gewalt, mit der die Regierung in Duma zuschlug, ist kein Einzelfall. An jenem Freitag fanden in Syrien landesweit Dutzende Demonstrationen mit zehntausenden Beteiligten statt. Zwölf Menschen wurden getötet. Auch an normalen Wochentagen kommt es trotz aller Risiken zu friedlichen Protesten – so sehr haben die Menschen genug vom Asad-Regime. »Wir haben keine Angst mehr«, sagt Abu Hamza auf dem Rückweg nach Damaskus. »Wenn wir getötet werden, dann passiert`s halt. Aber wir wollen ein besseres Leben für unsere Kinder erzwingen. Denn das hier ist kein gutes Leben.« In Würde und Freiheit in einer Demokratie zu leben, das sei das Ziel. Dafür würden sie weiter demonstrieren. »Bis das Regime jeden Einzelnen von uns ermordet hat – oder bis es endlich verschwindet.«

 

Unterstützung nötig

 

Die Autoren engagieren sich für eine private Initiative zur Hilfe der Zivilbevölkerung, da es Hilfsorganisationen nicht erlaubt ist, in Syrien zu arbeiten. Auf diesem Weg soll erreicht werden, dass medizinische Hilfe trotz Schikanen ins Land kommt. Wer sie darin unterstützen möchte, wende sich bitte an: careforsyria(at)googlemail.com. /

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