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Pankreaskarzinom

Oft unbemerkt, aber sehr gefährlich

15.11.2011
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Von Jasmin Andresh / Die Bauchspeicheldrüse ist kein Organ, das einen Platz in unserem Bewusstsein einnimmt. Auch ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse wird oft erst bemerkt, wenn erhebliche Probleme auftreten. Doch dann ist er in den meisten Fällen nicht mehr heilbar.

Es gibt keine empfohlenen Früherkennungsmöglichkeiten und auch Spezialisten zögern, wenn es darum geht, frühe Symptome des Bauchspeicheldrüsenkrebses zu beschreiben. Denn fast jeder könnte dann bei sich einen Pankreastumor vermuten: Völlegefühl, Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Appetitverlust gehen heftigeren Beschwerden zunächst voraus.

 

Im Jahr 2006 starben in Deutschland Schätzungen zufolge knapp 6400 Männer und fast 7000 Frauen an einem Pankreaskarzinom. Damit war die Erkrankung für Frauen die neunthäufigste Todesursache durch Krebs, bei Männern die zehnthäufigste. Meist trifft es Menschen um die 70. Bauchspeicheldrüsenkrebs ist die tödlichste aller Krebs­erkrankungen: Fünf Jahre nach der Diagnose leben von 100 Patientinnen nur noch sieben, von 100 betroffenen Männern sechs.

Das Informationsbedürfnis ist zurzeit groß, denn in kurzer Folge erlagen zwei sehr bekannte Betroffene einem Pankreaskarzinom: Apple-Gründer Steve Jobs und Immunforscher Ralph Steinman, der nicht mehr erfuhr, dass er Medizin-Nobelpreisträger wurde, weil er drei Tage vor der Bekanntgabe starb. Beide waren eher untypische Patienten.

 

Jobs war an einer seltenen Unterform erkrankt, einem neuroendokrinen Pankreaskarzinom. Er hätte statistisch gute Heilungschancen gehabt. Steinman dagegen litt an einem exokrinen Pankreaskarzinom. Er überlebte diese aussichtslose (infauste) Diagnose ungewöhnlich lange, nämlich vier Jahre. Vermutlich durch die Anwendung von Immuntherapien, an denen er forschte.

 

Unterschiedliche Lokalisation

 

Wie unterschied sich der Krebs bei Jobs und Steinman? Die Bauchspeicheldrüse besteht aus zwei verschiedenen Gewebetypen, die sehr unterschiedliche Funktionen erfüllen. Die größte Masse des Organs, der exokrine Teil der Drüse, stellt Verdauungsenzyme her. Entsteht hier ein Tumor, sprechen Mediziner von einem exokrinen Pankreaskarzinom. Diese Diagnose betrifft 95 Prozent der Patienten. Geht der Tumor dagegen von den im exokrinen Gewebe gelegenen endokrinen Langerhans-Inseln aus, spricht man von einem neuroendokrinen Pankreaskarzinom.

 

Bei einem exokrinen Pankreaskarzinom stellt eine vollständige operative Entfernung des Tumors die einzige Möglichkeit dar, geheilt zu werden. Eine adjuvante Chemotherapie wird empfohlen. Die Operation ist eine Herausforderung für den Chirurgen: Das Organ liegt versteckt hinter dem Magen, um den Kopf der Bauchspeicheldrüse legt sich der Zwölffingerdarm, und dahinter verlaufen versorgende Blutgefäße für Leber und andere Organe. Von der Bauchspeicheldrüse wird nur der befallene Teil entfernt (meist der Pankreaskopf).

 

Welche umliegenden Strukturen zudem herausgenommen werden müssen, ist abhängig von Größe und Lokalisation des Tumors. In der Regel sind das Magenpförtner, Zwölffingerdarm und der untere Teil des Hauptgallenganges mit Gallenblase. Dieser Eingriff heißt nach zwei berühmten Chirurgen Kausch-Whipple-Operation. Wenn möglich, erhält der Operateur den Magenpförtner (Pylorus). Leider haben Betroffene, die zunächst erfolgreich operiert wurden, ein hohes Rückfallrisiko. Häufig kommt es zu einem Rezidiv des Pankreaskarzinoms, meist in Form von Metastasen in Leber und Peritoneum.

 

Bei Patienten mit Fernmetastasen kann der Tumor nicht mehr vollständig entfernt werden. Eine Operation führt in diesen Fällen nicht zur Heilung und verlängert Studien zufolge auch nicht die Lebenszeit. Man verzichtet daher auf den schweren Eingriff, der für die Betroffenen zu erheblichen Einschränkungen führt. Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung liegt der Fokus auf der Linderung der Symptome. Es wird nur operiert, um die Folgen des Tumorwachstums wie eine Verengung des Gallengangs oder des Magenausgangs zu behandeln. Eine Chemotherapie kann Schmerzen lindern. Sie wird manchmal mit Bestrahlung kombiniert, vor allem wenn Knochen- oder Hirnmetastasen vorhanden sind. Die Patienten sollten auch von einem Schmerztherapeuten betreut werden. Unbehandelt überleben Patienten, bei denen Metastasen vorhanden sind, im Schnitt nur drei bis sechs Monate.

 

Jobs schilderte 2005 in einer Rede vor Studenten, dass er nach der Diagnosestellung zunächst glaubte, nur noch diese kurze Frist zu leben habe. Erst einen Tag später wurde aufgrund einer Biopsie klar, dass es sich bei ihm um die weniger aggressive, heilbare Form der Krebserkrankung handelte. Doch nach letztlich acht Jahren verstarb er nun aufgrund von »Komplikationen eines Pankreaskarzinoms«. In einer gerade erschienen Biografie heißt es, er habe sich zu lange auf alternative Heilverfahren verlassen und zu spät zu einer Operation durchringen können. Das bereute er nach Angaben seines Biografen sehr.

 

Experimentelle Therapien

 

Steinman litt nach Aussage seiner Kollegin Sarah Schlesinger vom Rockefeller Center unter der infausten Form. Er unterzog sich mithilfe seiner Kollegin insgesamt acht verschiedenen experimentellen Behandlungen. Die Immun­therapie, die Steinman an sich selbst testete, kann für den Patienten sehr gefährlich werden. Vor Kurzem berichteten jedoch US-Forscher von mehreren geglückten Behandlungsversuchen bei Patienten mit chronisch lymphatischer Leukämie (lesen Sie dazu Fallberichte: Zelltherapie bei Leukämie erfolgreich, PZ 33/2011).

Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, die aufgrund der langen Überlebenszeit von Steinman Hoffnung schöpfen oder sich um eine solche Chance betrogen fühlen, sollten bedenken, dass einige wenige Patienten die schreckliche Diagnose auch ohne Immuntherapien fünf Jahre überleben. Vielleicht gehörte Steinman zu dieser Gruppe. Er erhielt zudem das in diesen Fällen üblicherweise verabreichte Gemcitabin. Diese Behandlung schlägt zwar nur bei wenigen Patienten mit Pankreaskarzinom an, doch wenn sie wirkt, kann sie das Leben um mehrere Jahre verlängern. Was bei Steinman letztlich den Unterschied gemacht hat, werden wir nie wissen, resümierte die Immunologin Schlesinger. Patienten und Angehörigen sollte bei dem verständlichen Wunsch nach experimentellen Behandlungen immer bewusst sein, dass eine noch nicht zugelassene Therapie immer auch große Risiken birgt und eventuell starke Nebenwirkungen verursachen kann.

 

Wie kann ein Mensch weiter existieren, wenn er erfährt, dass er in Kürze und vielleicht mit Schmerzen sterben wird? Diese Frage beschäftigt Psycho­onkologen wie Bianca Senf, Leiterin der Abteilung Psychoonkologie am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen in Frankfurt am Main. »Viele Patienten, aber auch manche Ärzte denken bei einer solch schlechten Prognose, dass für eine psychologische Betreuung keine Zeit bleibt oder sie keinen Sinn hat«, sagt sie. Gerade jetzt benötigten die meisten Patienten jedoch jemanden, der sie unterstützt und mit ihnen Wege sucht, wie man die Gewissheit des nahenden Sterbens aushalten und die verbleibende Zeit dennoch so positiv wie möglich erleben kann.

 

Psychologische Betreuung

 

Dafür sei es hilfreich, die Angst »in verdaubare Portionen zu zerlegen«. Auch die Angehörigen sollten mit einbezogen werden. »Das Schlimmste ist, wenn alle aus Angst in ein kommunikatives Loch fallen. Das ist meiner Erfahrung nach ganz unnötig und belastet am meisten«, sagt die Psychologin.

 

Wichtig findet Senf auch, Patienten zu sensibilisieren. Beispielsweise sollten Betroffene nachfragen, ob eine bestimmte Diagnostik das Vorgehen bei der Bekämpfung der Krankheit ändert. Denn mitunter käme es vor, dass Ärzte aus Hilflosigkeit unnötige Maßnahmen verordneten. Auch bei Therapien sollte der Betroffene sich immer den Nutzen erläutern lassen. »Signifikant länger leben heißt für Mediziner manchmal eine Woche länger«, gibt sie zu bedenken. Aber jede Therapie raube auch Lebenszeit und habe Nebenwirkungen.

 

Oft sei es sinnvoller, mit einem Pallia­tivmediziner zu sprechen, vor allem bei fortgeschrittener Erkrankungssituation. Diese seien dafür ausgebildet, sterbende Menschen zu behandeln, könnten beispielsweise bei Schmerzen, Übelkeit oder Luftnot schnell Linderung schaffen. Wie viel ein Patient wissen möchte, entscheide dieser aber immer selbst. Auch wie er seinen Weg zu Ende gehen möchte. »Das sind intimste Angelegenheiten des Lebens. Da hat keiner reinzureden«, betont die Psychologin. Das müssten auch Angehörige akzeptieren und sich gegebenenfalls selbst psychologische Hilfe holen. / 

Weitere informationen

Krebsberatungsstellen gibt es in allen Bundesländern.

 

Gezielt nach Städten suchen kann man beim Krebsinformationsdienst:

www.krebsinformation.de/wegweiser/adressen/krebsberatungsstellen.php

 

Liste der Beratungsstellen der Deutschen Krebsgesellschaft:

www.krebsgesellschaft.de/index.php?seite=wub_ip_krebs_beratung_hilfe

 

Informationen des Krebsinformationsdiensts zu Immuntherapien:

www.krebsinformation.de/themen/behandlung/impfen-gegen-krebs.php

 

Interview mit Professor Büchler, dem Leiter des Europäischen Pankreaszentrums: ww.zeit.de/online/2009/04/buechler-interview

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