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Medizintechnik

Homecare-Firmen wollen mitgestalten

15.11.2011
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Von Eugenie Wulfert, Berlin / Die Bedeutung von Homecare in der ambulanten Versorgung nimmt weiter zu. Nun wollen die Homecare-Unternehmen auch bei der Gestaltung der medizinischen Versorgung mitreden und bieten sich sogar als Lotse an. Um sich in Politik und Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, haben sie die Informationskampagne »Ambulante Perspektiven« gestartet.

Als Ingrid S. (Name geändert) von der folgenschweren Diagnose Darmkrebs erfuhr, sei sie am Boden zerstört gewesen. »Die Situation, Krebs zu haben und dann auch noch einen künstlichen Darmausgang zu bekommen, riss mich völlig aus dem Leben«, schreibt sie in einem Patientenbericht. In dieser Zeit habe sie sich oft gefragt, ob sie ihren Beruf weiter ausüben und jemals wieder aktiv am Leben teilnehmen kann.

 

Wie Ingrid S. wollen immer mehr Menschen trotz chronischer Erkrankung ein möglichst unabhängiges und selbstständiges Leben in ihrer familiären Umgebung führen. Therapien, die statt im Krankenhaus zu Hause durchgeführt oder dort fortgesetzt werden und hochwertige Hilfsmittel machen es für viele Patienten möglich.

 

Trinknahrung mit Pfirsich-Orange-Geschmack

 

Auf einer Ambulanten Meile haben die im Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) organisierte Homecare-Unternehmen im Rahmen der Informationskampagne »Ambulante Perspektiven« Produkte vorgestellt, die die Lebensqualität der Patienten deutlich steigern können – von Trinknahrung mit Vanille-, Schoko- oder auch Pfirsich-Orangen-Geschmack über moderne Stoma- und Wundversorgung bis zum Trachiostoma und künstlicher Beatmung.

Mit der Kampagne wollen sie die Bedeutung von Homecare für die ambulante medizinische Versorgung unterstreichen. Bereits heute sind nach Angaben des BVMed mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland auf die ambulante Versorgung mit erklärungsbedürftigen Medizinprodukten angewiesen.

 

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird der Anteil chronisch und mehrfach Erkrankter weiter zunehmen. »Damit steigt auch der Bedarf an Homecare-Leistungen«, sagte Dr. Alexander Rehm, BVMed-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der Fresenius Kabi GmbH, bei der Auftaktveranstaltung der Kampagne in Berlin. Homecare habe sich zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Gesundheitsversorgung entwickelt und biete mit patientenorientierten Versorgungsleistungen Lösungskonzepte für die Herausforderungen der Zukunft.

 

Das Angebot der Homecare-Unternehmer beginne mit der Entlassung des Patienten aus der Klinik, sagte Rehm, und reiche von der Koordinierung der Leistungserbringer über die Versorgung der Patienten und die Einweisung in die Produkte bis hin zur Therapiekontrolle.

 

Politiker gegen Unternehmen als Lotsen

 

Die Homecare-Unternehmen sind aus seiner Sicht deshalb sehr gut dafür geeignet, für ihre Patienten die in der medizinischen Versorgung wichtige Lotsenfunktion zu übernehmen.

Diese Auffassung teilten die anwesenden Politiker nicht. »Die Versorgung mit Hilfsmitteln und die Anleitung, wie sie zu gebrauchen sind, ist zwar ein wichtiger Mosaikstein in der Versorgungskette«, sagte Hilde Mattheis, stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion. Case-Management erfordere aber ein hohes Maß an Unabhängigkeit. Diese sprach die SPD-Politikerin den Homecare-Unternehmen ab.

 

Auch die Vertreter von FDP und CDU/CSU konnten sich Homecare-Unternehmen nicht als Casemanager vorstellen. Während Heinz Lanfermann, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, eher die Krankenkassen in der Pflicht sieht, bevorzugt Karin Maag von der CDU-Bundestagsfraktion und Mitglied im Gesundheitsausschuss die Krankenhäuser als Lotsen in der Versorgungskette.

 

Im Versorgungsalltag ist Homecare unverzichtbar

 

Aus dem Versorgungsalltag ist Homecare aber offenbar nicht mehr wegzudenken. »Homecare-Leistungserbringer sind bei der Versorgung bestimmter Patientengruppen unverzichtbar«, sagte Thomas Lipp. Zusammen mit seinen Kollegen versorgt der Allgemeinarzt in seiner Leipziger Gemeinschaftspraxis nach eigenen Angaben rund 1300 künstlich ernährte Patienten. Das gehe nur dank gut funktionierender Homecare-Versorgung.

 

»Man verliert schnell den Überblick, da es eine Vielzahl an Hilfsmitteln gibt. Als Arzt kann ich einfach nicht mehr beurteilen, welche Produkte am besten für einen Patienten geeignet sind«, sagte Lipp. Homecare-Leistungen müssen daher aus seiner Sicht von Experten organisiert und koordiniert werden.

 

Für ihn sei es eine große Unterstützung, die häusliche Versorgung seiner Patienten mit Hilfsmitteln in qualifizierte Hände legen zu können. /

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