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Wochenendworkshop

Pharmazeutische Berufsinhalte stärken

16.11.2010
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Von Conny Becker, Halle / Es war nicht nur ein gelungener Abschluss des diesjährigen Wochenendworkshops »Patient & Pharmazeutische Betreuung«, sondern auch ein sichtbares Zeichen an die Politik: Die Zahl der Fortbildungswilligen übertraf die 400er-Grenze deutlich und zeigte, dass Apotheker sich für ihre heilberufliche Aufgabe engagieren.

Bereits vier Wochen vor der Fortbildung wurde ein Anmeldungsstopp nötig – noch nie war ein Wochenendworkshop »Patient & Pharmazeutische Betreuung« so gut besucht wie in Halle an der Saale. Im Melanchthonianum der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, trafen sich insgesamt 430 Kolleginnen und Kollegen, um theoretische Fragestellungen in praxisnahen Workshops aufzufrischen und zu vertiefen.

»Der Atem des Universitären und die auf die praktische Anwendung im Berufsalltag orientierten Themen ergeben mit Sicherheit eine erfolgversprechende Synthese«, versprach Gerd Haese, Präsident der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, und dankte Professor Dr. Reinhard Neubert, Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät I, für die Kooperation. Doch auch die aktuellen gesundheitspolitischen Entscheidungen konnten nicht unkommentiert bleiben: »Es ist politisch unehrlich, immer mehr Leistung von den Apothekerinnen und Apothekern zu fordern, diesen aber als Dank für bürokratische Sonderleistungen durch erhöhte Zwangsrabatte in die Tasche zu greifen«, kritisierte Haese. Gerade in dieser Situation sei es aber umso erfreulicher, »dass sich über 400 Apothekerinnen und Apotheker versammelt haben, die unsere Berufsinhalte und die Ehre unseres Berufes retten wollen«.

 

Bedenken anmelden

 

»Es besteht die Möglichkeit, von der Verpflichtung zur Abgabe rabattgünstiger Arzneimittel abzusehen, wenn der Abgabe aus der Sicht des Apothekers im konkreten Einzelfall pharmazeutische Bedenken entgegenstehen.« So lautet der Paragraf des Rahmenvertrags, der im Seminar von Dr. Nina Griese vom ZAPP der ABDA im Zentrum stand. Denn ein Austausch von Präparaten kann nicht immer erfolgen, da er aufgrund einer verminderten Compliance oder beeinträchtigten Arzneimittelsicherheit dem Therapieerfolg entgegenwirken kann.

Bedenken sind daher nicht selten anzumelden, etwa bei problematischen Arzneistoffen mit einer geringen therapeutischen Breite, wie Opioiden. Fentanylpflaster dürften beispielsweise nur bei identischen Freisetzungsraten und Wirkstoffbeladungen sowie einer identischen Applikationsdauer ausgetauscht werden. Auch Applikationsformen und Applikationssysteme können Probleme beim Austausch bereiten. Denn gerade bei Inhalationssystemen zur Behandlung eines Asthma bronchiale kann nicht generell ein rabattbegünstigtes Applikationssystem abgegeben werden. »Aber man darf Rabattarzneimittel auch nicht nur verteufeln«, so Griese. Es komme stets auf die Situation an, die viele Nachfragen erfordere. Wendet ein Patient jedoch noch einen zweiten Arzneistoff inhalativ an, ist es ratsam, die Technik zu synchronisieren. Bei jeder Umstellung müsse der Patient in die neue Anwendungspraxis eingewiesen werden.

 

Auch feste perorale Arzneiformen können Probleme beim Austausch bereiten, etwa wenn sie verschiedene Retardierungsprinzipien aufweisen. Metoprololtartrat gibt es mit unterschiedlicher Retardierung, die berücksichtigt werden müsse, und der Wechsel sei vor allem dann problematisch, wenn ein anderes Dosierungsintervall vorliegt. Nicht zuletzt können auch Allergien gegen Sulfite, Farb- oder Konservierungsstoffe einen Grund für pharmazeutische Bedenken darstellen. Eine Laktoseunverträglichkeit sei bei den geringen Mengen zwar meist vernachlässigbar, doch wenn die Compliance der Patienten darunter leidet, sei ein Austausch nicht zielführend. Wichtig ist, dass die Bedenken stets dokumentiert werden, mit der Angabe des Grundes sowie dem Sonderkennzeichen 2567024 – und möglichst auch in einer Kundenkartei für die Wiederholungsverordnung.

 

Pharmazeutische Projekte planen

 

Gut beraten ist das eine, die Ergebnisse und Effekte dieser Beratung für sich und andere sicht- und nutzbar zu machen, das andere. Doch darin sind Apotheker selten geschult. Daher bot der Wochenendworkshop in diesem Jahr erstmals ein Seminar zur Planung und Durchführung von Pharmazeutischen Projekten an, das von der Förderinitiative Pharmazeutische Betreuung initiiert wurde. »Projekte, das heißt Forschung, halten den Berufsstand lebendig«, betonte Dr. Christiane Eickhoff vom ZAPP der ABDA und Ansprechpartnerin der Förderinitiative. In der Praxis gibt es viele Fragen und Herausforderungen, sei es die Polymedikation, die hohe Non-Compliance, häufige Interaktionen oder die leider auch bei chronisch Kranken häufig großen Wissensdefizite.

»Forschung ist kein Selbstzweck, es geht um das Identifizieren von Problemen und Entwickeln von Lösungen«, so Eickhoff. Gerade in der öffentlichen Apotheke müsse man sich daher zuallererst einen strukturierten Plan machen, auch um sicherzugehen, dass ein Projekt personell und zeitlich umgesetzt werden kann. Hat sich das Apothekenteam nach gemeinsamem Brainstorming und/oder Literaturrecherche auf eine Fragestellung geeinigt, muss das Ziel genau spezifiziert werden, etwa Complianceverbesserung bei Typ-2-Diabetikern. Dann muss das Team genau festlegen, wie es intervenieren und was es messen will. Dies führt dann letztlich zu einer Hypothese (Pharmazeutische Beratung verbessert Compliance), die dann mit der Studie bestätigt werden soll. »Es ist ein Problem, dass viele Projekte nicht veröffentlicht werden – egal ob mit positivem oder negativem Ergebnis«, bedauerte die Referentin und gab den Tipp, in der Apotheke gewonnene Daten etwa über die Kammerrundschreiben zu publizieren.

 

In der Praxis sind letztlich auch die potenziellen Kooperationspartner äußerst wichtig, seien es Ärzte, Selbsthilfegruppen, Fachgesellschaften, Krankenkassen oder im Falle von Anwendungsbeobachtungen auch die Industrie. Leichter fällt es, wenn man sich in Qualitätszirkeln zusammenschließt, wodurch die Ergebnisse schon aufgrund höherer Patientenzahlen aussagekräftiger werden. Die Auswertung der Ergebnisse sei auch ohne großen Aufwand machbar, häufig reiche eine Strichliste oder eine Exel-Tabelle, versicherte Eickhoff. Wichtig sei es in jedem Fall, die Kernergebnisse herauszuarbeiten und zu schlussfolgern, was diese für die Praxis bedeuten. Bei Fragen zum Studiendesign, Fallzahlplanung, Zielgrößen, Fragebögen oder Messinstrumenten sei die Förderinitiative ein Ansprechpartner (www.abda.de/fi.html), die Projekte zur Pharmazeutischen Betreuung mit wissenschaftlichem Know-how berät und auch finanziell unterstützt. / 

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