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Wochenendworkshop

Gute Fragen, kompetente Antworten

10.11.2009  14:25 Uhr

Von Elke Wolf / Nach Hannover vor drei Wochen war nun Frankfurt der zweite Veranstaltungsort des diesjährigen Wochenendworkshops »Patient & Pharmazeutische Betreuung«. Rund 250 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, sich Tipps für den Apothekenalltag zu holen. Zum Beispiel zu Schlafstörungen und Kinderkrankheiten.

In ihrem Seminar über Schlafstörungen gab Dr. Susanne Kunze, Tabarz, viele Schlummertipps für nimmermüde Geister. »Der Apothekenalltag zeigt, dass Kunden bereits dann nach Schlafhilfen verlangen, wenn sie zwei- bis dreimal die Woche schlecht schlafen. Doch nach der Leitlinie Insomnie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aus dem Jahr 2008 ist eine derartige Schlafstörung überhaupt noch nicht behandlungsbedürftig«, sensibilisierte die Apothekerin. Danach ist sie erst dann zu therapieren, wenn nicht nur der Nachtschlaf gestört ist, sondern auch die Tagesbefindlichkeit oder die Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt ist. Zudem müssen beide Faktoren mindestens vier Wochen lang auftreten.

 

Nicht medikamentöse Verfahren stehen am Anfang jeder Therapie. Erst dann sollten Phytopharmaka zum Einsatz kommen. Chemische Schlafmittel sind die letzte Option. Im Beratungsgespräch lohne es laut Kunze immer, nach Faktoren zu fragen, die die Schlafhygiene betreffen. Nicht selten stelle sich dann heraus, dass etwa ein Fernseher im Schlafzimmer steht, schwere Mahlzeiten am Abend verspeist werden, das Schlafzimmer nicht richtig abgedunkelt oder nachts ständig auf den Wecker geblickt wird. Vielen Menschen fehlen auch schlicht genügend körperliche Aktivität am Tag und genügend Zeit fürs Einschlafritual am Abend. Ebenfalls banal, aber längst nicht jedem Betroffenen bekannt: Mit den Lebensjahren nimmt das Schlafbedürfnis ab. So braucht ein 70-Jähriger im Durchschnitt nur noch sechs Stunden Schlaf. Wer dann bereits um 22 Uhr ins Bett geht, wacht um 4 Uhr auf und quält sich die nächsten zwei Stunden in den Federn. »Doch das ist dann keine Schlafstörung, die mit Medikamenten therapiert werden müsste«, informierte Kunze.

 

Bei älteren Menschen, die oft mehrere Medikamente einnehmen, sei es außerdem ratsam, einen Interaktionscheck durchzuführen. Denn eine ganze Reihe von Arzneistoffgruppen stören den Schlaf, etwa Gyrasehemmer, die Antidementiva Donepezil und Rivastigmin, die Antidepressiva Moclobemid, Citalopram und Reboxetin, außerdem β-Sympathomimetika und Theophyllin, Furosemid sowie Alfa- und Betablocker.

 

Unter den Phytopharmaka stellte Kunze die Baldrianextrakte als die am besten untersuchten pflanzlichen Arzneimittel heraus. Da die volle Wirksamkeit allerdings erst nach zwei bis vier Wochen eintrete, sei der Extrakt nichts für die schnelle Hilfe. Wie die Wirkung konkret zustande kommt, ist Gegenstand aktueller Forschungsarbeiten. So diskutiert man eine Anreicherung von GABA, dem wichtigsten inhibitorischen Neurotransmitter im Zentralnervensystem. Außerdem sollen enthaltene Lignane mit dem Adenosin-A1-Rezeptor interagieren können. Dabei vermutet man, dass die hydrophilen Lignane eventuell von einer weiteren Substanz des Baldrianextraktes eingekapselt werden, um die Blut-Hirn-Schranke passieren zu können und zum lipophilen Rezeptor zu gelangen.

 

Kunze wies besonders auf die paradoxe Wirkung des Baldrianextraktes hin, die sich durch Unterdosierung ergibt. Das sei etwa bei der Bereitung eines Baldriantees relevant. Anstatt ihn 15 Minuten ziehen zu lassen, zeige die Erfahrung, dass »die Kunden ihren Teebeutel schon wegen des Geruchs bereits nach einigen Minuten wieder herausnehmen«, weiß Kunze. Auch bei Baldriantinkturen neigten die Kunden zur Unterdosierung.

 

Kleine Patienten in der Apotheke

 

»Das Immunsystem muss sich erst finden«, beschrieb Dr. Edgar Gräf, Thurnau, die Tatsache, dass kleine Kinder oft ständig erkältet sind. Kindertagesstätten und Kindergärten seien die reinsten Virenschleudern. So gelten 10 bis 12 Atemwegsinfekte pro Jahr bei den Drei- bis Fünfjährigen als normal. Jeder überwundene Infekt ist jedoch ein Training des reifenden Immunsystems. Kommen aufgrund einer bakteriellen Sekundärinfektion Antibiotika zum Einsatz, sei zu bedenken, dass diese das Immunsystem drücken. Schließlich sitzen rund 80 Prozent des Immunsystems im Darm. »Jede Antibiotikagabe im Kindesalter erhöht das Allergie- und Asthmarisiko«, gab Gräf zu bedenken.

 

Ein Symptom, das viele Kinder von Zeit zu Zeit heimsucht, ist Fieber. Nach wie vor ist die rektale Messung der Körpertemperatur die exakteste, da die Kerntemperatur gemessen wird. Bei der oralen und axillaren Methode misst man dagegen die sogenannte Schalentemperatur und muss im geschlossenen Mund 0,3 °C, unter den Achseln 0,5 °C dazuzählen. Von Ohr- und Stirnthermometern riet der Apotheker ab, da sie zwar durch ihre vermeintlich einfache Handhabung imponieren, sich aber genau dadurch viele Fehlerquellen und dadurch schwankende Messwerte ergeben.

 

Wenn das Kind sehr leidet oder die Temperatur über 38,5 °C steigt, ist das Fieber mit Paracetamol oder Ibuprofen zu senken. Bei Säuglingen unter drei Monaten ist an den Arzt zu verweisen, da ihre abbauenden Enzymsysteme noch unreif sind. Ob die alternierende Gabe der beiden Substanzen nach etwa vier Stunden, wie es neuerdings in Kliniken oft praktiziert wird, sinnvoll ist, wird nach Gräf kontrovers diskutiert. Er gab zu bedenken, dass vermutlich auch Paracetamol über die periphere Cyclooxygenase wirkt. Damit läge beiden Substanzen der gleiche Wirkmechanismus zugrunde und die alternierende Gabe brächte keine Vorteile. Nicht von der Hand zu weisen sei dagegen der zusätzliche antiphlogistische Effekt von Ibuprofen. Bei Mittelohrentzündungen eine hilfreiche Wirkkomponente. /

 

Der dritte und letzte Wochenendworkshop 2009 »Patient & Pharmazeutische Betreuung« findet vom 21. bis 22. November in Potsdam statt.

 

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