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ZL-Untersuchung

Ginkgohaltige Teeprodukte nicht ohne Risiko

11.11.2008
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ZL-Untersuchung

Ginkgohaltige Teeprodukte nicht ohne Risiko

Von Meike Krzywon, Mona Tawab und Manfred Schubert-Zsilavecz

 

Neuerdings werden in zunehmendem Maße Teemischungen angeboten, denen in unterschiedlichen Mengen Ginkgoblätter zugesetzt sind. Dem Verbraucher wird suggeriert, dass das Trinken dieser Tees ähnlich wie Ginkgoextrakt-haltige Arzneimittel, positive Wirkungen auf die mentale Leistungsfähigkeit hat. Untersuchungen des ZL zeigen jedoch, dass damit Gesundheitsrisiken verbunden sein können.

 

Aus Sicht der Fachkreise, aber auch der Verbraucher haben Ginkgo-Zubereitungen seit Jahrzehnten einen festen Platz in der Medizin. So zählen Ginkgo-Präparate heute zu den meist eingenommenen pflanzlichen Präparaten in Europa. Der arzneiliche Wirkstoff Trockenextrakt aus Ginkgo-biloba-Blättern enthält als wirksamkeitsrelevante Inhaltsstoffe im Vergleich zum Gehalt der Blätter auf circa das 50-Fache angereicherte Ginkgoflavonglykoside und Terpenlactone (Ginkgolide, Bilobalid). Wie in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde, sind diese pharmakologisch aktiven neuroprotektiven Inhaltsstoffe unter anderem wirksam bei nachlassender Konzentrations- und Gedächtnisleistung sowie intellektueller Leistungsfähigkeit. Da Ginkgo-Präparate wegen ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit in der Bevölkerung einen guten Ruf haben, versuchen Lebensmittelhersteller zunehmend intensiver, unter Vermeidung der hohen Hürden einer Arzneimittelzulassung an dem guten Ruf von Ginkgo-Präparaten zu partizipieren, indem sie Ginkgoblätter-Teemischungen und jüngst auch Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt anbieten. Im Unterschied zu Ginkgo-Arzneimitteln liegen aber für Ginkgoblätter-haltige Teemischungen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über deren ernährungsphysiologische Wirkungen, aber auch nicht über deren Lebensmittelsicherheit vor.

 

Da in dem Deutschen und Europäischen Arzneibuch aus Gründen der Arzneimittelsicherheit vorgeschrieben ist, dass die in Ginkgoblättern bis zu 2 Prozent vorkommenden potenziell gesundheitsschädlichen Ginkgolsäuren bei der Herstellung von arzneilich verwendeten Ginkgoextrakten auf das technisch Machbare abzureichern sind, lag es angesichts der vermehrt auf den Markt kommenden Ginkgoblätter enthaltenden Teeprodukte nahe, deren Gehalte an Ginkgolsäuren zu untersuchen.

 

Ginkgolsäuren zählen zu den Alkyl- und Alkenylphenolcarbonsäuren. Für sie wurden außer einem hohen allergenen Potenzial in pharmakologisch-toxikologischen Untersuchungen auch cytotoxische, neurotoxische und mutagene Wirkungen nachgewiesen. Vor diesem Hintergrund wurde in dem Europäischen und Deutschen Arzneibuch der zulässige Gehalt an Ginkgolsäuren in arzneilich verwendeten Ginkgo-Trockenextrakten auf 5 ppm (parts per million) limitiert. Da von der zuständigen Bundesbehörde (BfArM) Ginkgo-Arzneimittel ab einer unteren therapeutisch wirksamen Tagesdosis von 120 mg bis zu einer oberen Tagesdosis von 240 mg Ginkgo-Trockenextrakt zugelassen werden, entspricht der Grenzwert für Ginkgolsäuren von 5 ppm im Rahmen einer Arzneimittel-Einnahme von 120 bis 240 mg Extrakt einer maximalen Menge von 0,6 bis 1,2 µg Ginkgolsäuren pro Tag.

 

In der Apotheke ist seit Jahren eine große Auswahl an qualitativ hochwertigen standardisierten Ginkgo-biloba-Präparaten erhältlich. Seit einiger Zeit drängen jedoch außerhalb des Arzneimittelbereichs zunehmend mehr Ginkgo-haltige Lebensmittel als Teemischungen und Nahrungsergänzungsmittel in den Markt. In einer früheren Untersuchung hatte das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker (ZL) bereits in Nahrungsergänzungsmitteln aus dem Internet, die Ginkgoextrakte unterschiedlichster Qualität enthielten, unzulässig hohe Gehalte an Ginkgolsäuren nachgewiesen. Im Rahmen der kontinuierlichen Qualitätsprüfungen des ZL widmet sich die vorliegende Studie der Bestimmung von Ginkgolsäuren in Ginkgoblätter enthaltenden Teeprodukten und deren wässrigen Aufgüssen.

 

Material und Methoden

 

Die Untersuchung erstreckte sich über neun verschiedene Ginkgoblätter-haltige Teeprodukte, die in Drogerien, Reformhäusern und Supermärkten gekauft wurden. Die untersuchten Produkte sind in der Tabelle aufgelistet. Von dem Produkt Meßmer Manana-Tee wurden zwei unterschiedliche Chargen untersucht, die sich laut Packungsangabe im Gehalt an Ginkgoblättern unterscheiden.

Tabelle: Ermittelter Ginkgolsäurengehalt in den untersuchten Teemischungen und Teeaufgüssen

Produktname Hersteller Charge Gehalt Ginkgolsäuren Extrakt [µg/g Teemischung] Ziehzeit [min] Gehalt Aufguss [µg/ml Tee] Gehalt Aufguss [µg/Tasse Tee]
Grüner Tee Apfel + Ginkgo (Gehalt Ginkgoblätter nicht deklariert) Meßmer Tee-Gesellschaft mbH, Seevetal L119281881 483,00 4 0,3301 66,01
Manana-Tee (5% Ginkgoblätter) Meßmer Tee-Gesellschaft mbH, Seevetal L117781762 537,89 6 0,2603 52,06
Manana-Tee (15% Ginkgoblätter) Meßmer Tee-Gesellschaft mbH, Seevetal L117772621 467,69 6 0,2621 52,43
Quelle der Energie (Gehalt Ginkgoblätter nicht deklariert) Meßmer Tee-Gesellschaft mbH, Seevetal L117881332 380,95 6 0,2531 50,62
Hibiskus-Ginkgo Tee (10% Ginkgoblätter) Bad Heilbrunner Naturheilmittel GmbH & Co., Bad Heilbrunn 2600178 798,82 10 0,2449 48,98
Ginkgo-Konzentrationstee (15% Ginkgoblätter) Sonnentor GmbH, Sprögnitz (Österreich) BR12152303 1370,73 10 0,2567 51,34
Klarer Geist Tee (Gehalt Ginkgoblätter nicht deklariert) Golden Temple Natural Products GmbH, Hamburg R T1 948,35 6 0,3298 98,95
Japanischer Tempelbaum (55% Ginkgoblätter) Salus Haus GmbH & Co. KG, Bruckmühl A 01482-1 7577,82 4 0,4561 91,23
Bleib Jung (Gehalt Ginkgoblätter nicht deklariert) Teekanne GmbH & Co. KG, Düsseldorf 822350 107,63 5 0,2404 48,08

Während die Charge L117772621 noch 15 Prozent Ginkgoblätter aufweist, enthält die Charge L117781762 gemäß Deklaration nur noch 5 Prozent. Nach mündlicher Auskunft des Herstellers wurde der Ginkgoblätter-Anteil dieser Teemischung aufgrund regelmäßiger Qualitätsanpassungen reduziert. Alle untersuchten Produkte enthielten neben Ginkgoblättern eine Vielzahl an weiteren pflanzlichen Drogen.

 

Analytik

Extraktion der Ginkgolsäuren aus der Teemischung

Der Inhalt eines Teebeutels (circa 2 g) wurde in einen Iodzahlkolben eingewogen, mit 10 ml Methanol 30 min magnetisch gerührt und anschließend 10 min ins Ultraschall gestellt. Die erhaltene Lösung wurde über einen Blaubandfilter in einen 25-ml-Messkolben filtriert. Der Rückstand wurde erneut mit 10 ml Methanol wie zuvor beschrieben extrahiert. Nach erneutem Filtrieren wurden die vereinigten Lösungen mit Methanol bis zur Marke aufgefüllt. Bei Trübung wurde über einen 0,45-µm-Nylon-Spritzenfilter filtriert. Jede Teemischung wurde zweifach extrahiert.

 

Extraktion der Ginkgolsäuren aus dem  wässrigen Teeaufguss

Alle Teebeutel mit Ausnahme des »Klarer Geist Tee« wurden gemäß der Packungsvorschrift mit 200 ml Wasser aufgebrüht. Nur dieser wurde nach den Vorgaben des Herstellers mit 300 ml Wasser aufgebrüht. Die Ziehzeit des Teeaufgusses variierte je nach den Vorgaben auf der Packung zwischen 4 und 10 Minuten. Anschließend wurde der Teebeutel entfernt und 20 ml des erkalteten Teeaufgusses auf eine Extrelut-NT-20-Säule aufgegeben. Nach 15 Minuten wurde mit 100 ml Ethylacetat eluiert. Die erhaltene Lösung wurde am Rotationsverdampfer bis zur Trockne eingeengt und der Rückstand mit 2 ml Methanol aufgenommen. Bei Trübung wurde über einen 0,45-µm-Nylon-Spritzenfilter filtriert. Jeder Teeaufguss wurde zweifach hergestellt.

 

Die anschließende Analytik der Ginkgolsäuren erfolgte mittels einer im ZL entwickelten und gemäß der ICH-Richtlinien über das Standardadditionsverfahren validierten Rapid-Resolution-LC-UV-Methode. Zur Auswertung wurden die Flächen der Peaks der drei Ginkgolsäuren bei circa 12,2 min, circa 12,4 min und circa 13,6 min herangezogen, wobei sich der Gehalt an Ginkgolsäuren aus der Summe der Flächen dieser drei Peaks errechnet. Die angewandte analytische Methode ist von ihren Kenn- und Validierungsdaten her geeignet, die Konzentrationen in den Teemischungen und entsprechenden Teeaufgüssen mit guter Präzision und Richtigkeit zu bestimmen. Die Reinheit der Peaks der einzelnen Ginkgolsäuren wurde über einen Spektrenvergleich im Bereich von 200 bis 400 nm in jedem untersuchten Teeprodukt belegt.

 

Ergebnisse

 

Der durchschnittliche Gehalt an Ginkgolsäuren in den jeweiligen Teemischungen und Teeaufgüssen ist in der Tabelle aufgelistet. Entsprechend der physikochemischen Eigenschaften der Ginkgolsäuren wurden in den Teemischungen höhere Konzentrationen an Ginkgolsäuren nachgewiesen als in den entsprechenden Teeaufgüssen. Dies ist auf die schlechte Wasserlöslichkeit der unpolaren Ginkgolsäuren zurückzuführen. So wurden in den Teemischungen Konzentrationen an Ginkgolsäuren zwischen 107.6 und 7577 µg/g Tee bestimmt, während in den wässrigen Teeaufgüssen Ginkgolsäuren in Konzentrationen zwischen 48.08 und 98.95 µg/Tasse Tee quantifiziert wurden. Auffallend ist der stark variierende Gehalt an Ginkgolsäuren in den untersuchten Teemischungen. So sind mehr als das 50-Fache an Unterschieden in der Konzentration der Ginkgolsäuren bei den unterschiedlichen Herstellern festzustellen.

 

Der Gehalt an Ginkgolsäuren im Teeaufguss korrelierte weder mit der Konzentration an Ginkgolsäuren in der Teemischung noch mit der Ziehzeit der jeweiligen Teezubereitung. So wurde bei dem »Ginkgo-Konzentrationstee« Teeaufguss trotz des vergleichsweise hohen Ginkgolsäurengehalts in der Teemischung und einer Ziehzeit von 10 Minuten eine relativ geringe Konzentration an Ginkgolsäuren im Teeaufguss im Vergleich zu den anderen Teemischungen beziehungsweise Teeaufgüssen bestimmt.

 

Diskussion

 

Alle im Rahmen dieser Studie untersuchten Teeaufgüsse enthalten unter Berücksichtigung einer für Ginkgoextrakt-haltige Arzneimittel zulässigen maximalen Tagesdosis von 1,2 µg (entsprechend dem Grenzwert der Arzneibücher von 5 ppm) unzulässig hohe und gesundheitsbedenkliche Gehaltswerte an Ginkgolsäuren und dies in nur einer einzigen Tasse Tee. Dabei variiert der Gehalt an Ginkgolsäuren in den Teemischungen sehr stark, was neben den unterschiedlichen, vielfach aber nicht deklarierten Mengen an zugesetzten Ginkgoblättern vermutlich unter anderem von dem jeweiligen Anbaugebiet und der anschließenden Drogenaufbereitung abhängig ist. Offensichtlich werden im Gegensatz zu standardisierten Ginkgo-Trockenextrakten für Arzneimittel bei den oben genannten Teemischungen die arzneilich beziehungsweise ernährungsphysiologisch ohnehin nicht zu einem positiven Nutzen beitragenden, potenziell gesundheitsschädlichen Ginkgolsäuren nicht in einem ausreichenden Maße entfernt beziehungsweise es wird eine zu große Menge Ginkgolsäuren-reicher Ginkgoblätter verwendet.

 

Dies wäre nur dann unproblematisch, wenn die Ginkgolsäuren aufgrund ihrer Lipophilie nicht in den wässrigen Teeaufguss übergehen würden. Doch die vorliegende Untersuchung belegt das Gegenteil. Trotz der relativ schlechten Wasserlöslichkeit der Ginkgolsäuren konnten sie im Teeaufguss in unzulässig hohen Mengen nachgewiesen werden. Hierbei spielt es keine vorrangige Rolle, welche Ausgangskonzentration der Ginkgolsäuren in der Teemischung vorlag oder wie lange die Ziehzeit des Tees war. Daher ist anzunehmen, dass die Konzentration der Ginkgolsäuren in den Teeaufgüssen neben deren Gehalt in der Teemischung unter anderem von dem Vorhandensein von anderen löslichkeitsvermittelnden Bestandteilen in der Teemischung abhängig ist. Dies könnte zum Beispiel die höhere Konzentration der Ginkgolsäuren im Teeaufguss des Meßmer Teeprodukts »Grüner Tee Apfel + Ginkgo« im Vergleich zum »Ginkgo-Konzentrationstee« erklären, obwohl der erste einen geringeren Ginkgolsäuregehalt in der Teemischung aufweist.

 

Auf der Basis der vorliegenden Studie wurde bei allen untersuchten Teeprodukten im wässrigen Teeaufguss die für Arzneimittel zulässige höchste Tagesdosis an Ginkgolsäuren von 1,2 µg überschritten. Im Extremfall wird bei dem Genuss von nur einer Tasse Teeaufguss die für Arzneimittel zulässige Tageshöchstdosis um mehr als das 80-Fache überschritten. Eine gesundheitliche Unbedenklichkeit, wie sie für Lebensmittel zu fordern ist, ist bei der Einnahme von solch hohen Mengen an Ginkgolsäuren nicht gegeben, dies erst recht nicht, wenn täglich mehrere Tassen Teeaufguss verzehrt werden. Der Konsum von mit Ginkgolsäuren kontaminierten Teeaufgüssen ist daher aus der Warte der Lebensmittelsicherheit kritisch zu bewerten, zumal ein ernährungsphysiologischer Nutzen solcher Ginkgoblätter-haltiger Teeprodukte nicht belegt ist.  

 

Fazit

 

Die Verwendung von Ginkgoblättern in Teemischungen und anderen Lebensmitteln war zumindest bis zu den jüngsten Neuregelungen des europäischen Arzneimittel- und Lebensmittelrechts zumindest in Deutschland nicht üblich. Seit jüngerer Zeit drängen jedoch zunehmend mehr Hersteller unter anderem mit Ginkgoblätter enthaltenden Teemischungen in den Markt. Unter Anknüpfung an die Bekanntheit, Popularität und Medienverbreitung von Ginkgo-Arzneimitteln versuchen die Lebensmittelhersteller, an diesem Trend teilzuhaben. Offensichtlich sind dabei die Hersteller, aber auch die Behörden bislang davon ausgegangen, dass Ginkgolsäuren wegen ihrer schlechten Wasserlöslichkeit nicht in einen Teeaufguss übergehen. Die Untersuchung hat jedoch gezeigt, dass für alle untersuchten Teeprodukte nachgewiesen werden konnte, dass erhebliche Mengen an Ginkgolsäuren in einen Aufguss übergehen, die unter dem Aspekt der Lebensmittelsicherheit nicht vertretbar erscheinen, zumal Lebensmittelsicherheit nach ebenso strengen Risikokriterien zu bewerten ist, wie die Arzneimittelsicherheit.

Literatur

Ernst E, Pittler MH. Ginkgo biloba for vascular dementia and Alzheimerís disease: updated systematic review of double blind, placebo-controlled, randomized trials. Perfusion 2005; 18: 388-392

Hager ROM 2006, Ginkgo-biloba-Blätter, Springer Medizin Verlag Heidelberg.

Hänsel R., Sticher O. Pharmakognosie ­ Phytopharmazie, 7. Auf., Springer Verlag Heidelberg, 2004, S. 165 ff., S. 801 ff.

Hecker H, Johannisson R, Koch E, Siegers CP. In vitro evaluation of the cytotoxic potential of alkylphenols from Ginkgo biloba L. Toxicology, 2002, 177(2-3): 167-177.

Jaggy H, Koch E. Chemistry and biology of alkylphenols from Ginkgo biloba L. Pharmazie 1997, 52(10), 735-738.

Meins J., Ihrig M., Schubert-Zsilavecz M. Ginkgo-Produkte aus dem Internethandel? Deutsche Apotheker Zeitung, 2005, 145(44), 60-61.

 

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