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Ebola

Lektionen aus der Epidemie

04.11.2015
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Von Hannelore Gießen, Bad Hofgastein / Die Welt hat zu spät auf frühe Anzeichen des Ausbruchs von Ebola-Erkrankungen in Westafrika reagiert. Damit sich diese Fehler nicht noch einmal wiederholen, diskutierten Experten kürzlich neue Strategien zum Umgang mit Epidemien.

»Die Ebola-Krise ist noch nicht vorbei«, sagte Massimo Ciotti vom Europä­ischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC). »Wir müssen jetzt das eigene Handeln kritisch überdenken. Zunächst haben wir uns darauf konzentriert, Europa zu schützen. Doch in Afrika hätte man viel früher handeln müssen«, sagte der Experte beim European Health Forum Gastein (EHFG) Anfang Oktober in Bad Hofgastein. In Europa sei tatsächlich auch niemand an der gefährlichen Virusinfektion erkrankt, berichtete Ciotti. Allerdings wurden mehrere Patienten aus Afrika in europäischen Krankenhäusern behandelt. Während der Ebola-Epidemie in Westafrika sind seit Anfang 2014 insgesamt etwa 28 000 Menschen erkrankt, von denen mehr als 11 000 an der Infektion starben.

 

Frühe Warnzeichen

 

Wie man heute weiß, liegen die Ursprünge der Ebola-Epidemie lange zurück: Genetische Untersuchungen belegen, dass das Ebolavirus schon mehr als zehn Jahre in den westafrikanischen Regenwäldern zirkulierte, bevor es den Ausbruch im letzten Jahr hervorrief. Bislang kam der Erreger nur in Zentralafrika vor und war in Westafrika unbekannt. Schon länger war jedoch beobachtet worden, dass Fledertiere von Zentral- nach Westafrika eingewandert waren.

 

Ende Dezember 2013 war im Süden Guineas ein kleiner Junge erkrankt – an Ebola, wie später festgestellt wurde. Vermutlich hatte er sich bei einem Flughund angesteckt. Neue, gefährliche Krankheitserreger springen fast immer von Tieren auf Menschen über: HIV von Schimpansen, SARS von Schleichkatzen, MERS von Dromedaren, Ebola-Viren von Fledertieren wie Flughunden.

 

Im Frühjahr 2014 hatte das guineische Gesundheitsministerium die WHO und Ärzte ohne Grenzen alarmiert. Erst kurz danach stand fest, dass es sich um Infektionen mit dem Ebola-Virus handelte und zwar in der gefährlichen Variante »Typ Zaire«. Zu verzögerten Reaktionen kam es vor allem in der Frühphase der Epidemie, wenn infizierte Menschen rasch isoliert und Kontaktpersonen ermittelt werden müssen. Da sie nicht informiert waren, wussten die Menschen in den betroffenen Gebieten zunächst nicht, wie sie sich schützen sollten und wie die Übertragung unterbrochen werden kann.

 

»Die Erfahrung mit Ebola hat uns gelehrt, wie wichtig es ist, grenz- und sektorenübergreifend zu arbeiten. Eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit im 21. Jahrhundert ist nicht mehr nur eine Angelegenheit für die Gesundheitssektoren, sondern betrifft auch die Wirtschaft- und Sozialsysteme«, fasste Karl Ekdahl, Abteilungsleiter beim ECDC, zusammen. Das ECDC hat dazu eine webbasierte Kommunikationsplattform »The European Surveillance System (TESSy)« entwickelt, die alle eintreffenden Daten nach Frühwarnsignalen für ein neues Aufflackern der Epidemie absucht, die anschließend durch das ECDC validiert und analysiert werden. So können die Gesundheitssysteme der Mitgliedsstaaten schneller über Gefahren durch übertragbare Krankheiten, wie Infektionen mit dem Ebola-Virus, informiert werden und reagieren.

 

Als rasch wirksame Maßnahme sollte die Seuchenprävention stärker in die Entwicklungshilfe integriert werden, indem Krankenstationen besser ausgestattet und Mitarbeiter besser ausgebildet werden. Krankenstationen könnten mithilfe von einfachen Untersuchungen schon früh Hinweise auf Verdachtsfälle geben und so zur Überwachung beitragen. In besonders gefährdeten Regionen kann häufig mit einfachen Mitteln ein erheblicher Beitrag zum Schutz vor gefährlichen Infektionserregern geleistet werden.

 

Die Erfahrung aus dem Ebola-Ausbruch zeigt auch, wie wichtig es ist, die Kultur, die Traditionen und Lebensumstände der Menschen zu kennen. Während des Ebola-Ausbruchs war Ärzten und Sanitätern zunächst viel Misstrauen und Angst entgegengebracht worden. Deshalb müssen in Zukunft Ethnologen und Soziologen mit in die Entwicklung von Strategien einbezogen werden.

 

Nach der Epidemie, vor der Epidemie?

 

Auf Krisen vorbereitet zu sein, ist ebenso wichtig wie auf Krisen zu reagieren. »Wir haben gelernt, unsere Aufmerksamkeit nun stärker als bisher auf die Quelle der Epidemie und auf den Weg zu richten, auf dem sich die Infektionen ausbreiten«, sagte Ciotti. Über Knotenpunkte wie internationale Flughäfen können sich Infektionskrankheiten rasend schnell verbreiten, und die Gefahr für eine weltweite Epidemie (Pandemie) steigt.

 

Der Ebola-Stamm des letzten Ausbruchs ist hochpathogen und tötet jeden zweiten infizierten Menschen. Doch übertragen wird er nur durch engen Kontakt oder indirekt durch kontaminierte Gegenstände. So blieb glücklicherweise eine Pandemie aus. /

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