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Depressionen

Modewort Burnout?

08.11.2011  15:18 Uhr

Von Maria Pues / Vollkommen erschöpft, ausgebrannt und kraftlos: So fühlen sich Menschen, die an einem Burnout-Syndrom leiden. Häufig stecke hinter diesen Symptomen aber kein Burnout, sondern eine Depression, sagt ein Experte und warnt vor Verharmlosung. Je nach Krankheitsursache sind unterschiedliche Therapien gefragt.

»Ein Großteil der Menschen, die wegen Burnout eine längere Auszeit nehmen, leidet de facto schlicht an einer depressiven Erkrankung«, schreibt Professor Dr. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig sowie Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depres­sionshilfe in einer Pressemitteilung. »Alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen liegen vor, wozu auch immer das Gefühl tiefer Erschöpftheit gehört.« Für den Patienten sei die Einordnung der Symptome schwierig. Wenn Gefühle, Zeit und Energie »gefrieren«, sucht man selbstverständlich nach Auslösern. Viel Arbeit ist da die am nächsten liegende.

Doch auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die depressive Erkrankung lähmt die Leistungsfähigkeit, alles wird plötzlich unsagbar anstrengend. Was in diesem Fall die sprichwörtliche Henne und was das Ei war, können Patienten kaum zuordnen. Selbst Experten erkennen eine depressive Erkrankung an sich selbst kaum, wenn sie darunter leiden. Die Sichtweise ist Ausdruck versteckter Hoffnung: Hat man die Wurzel des Problems (Stress) identifiziert, kann man sich sogleich an die Beseitigung machen (Erholung). Ungleich schwerer ist die Behebung des Problems, wenn das Leben auf geheimnisvoll-bedrohliche Weise »zäh« geworden ist.

 

Verbirgt sich hinter den Symptomen tatsächlich eine depressive Erkrankung, seien Behandlungsstrategien wie länger zu schlafen oder Urlaub zu machen kontraproduktiv, warnt Hegerl: »Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung.« Hingegen bewirke – stationär überwachter – Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte eine wenn auch kurzzeitige Besserung der Symptome, die den Patienten jedoch spüren lasse, dass eine Veränderung der Symptomatik überhaupt möglich ist. Viele depressive Patienten bemerkten auch, dass mit Dauer des Wachseins, das heißt gegen Abend, die Erschöpftheit nicht zu- sondern abnimmt und dass die Stimmung abends besser als morgens ist.

 

Urlaub ist kontraproduktiv

 

Auch von Urlaub sei abzuraten, wenn es sich beim vermuteten Burnout in Wirklichkeit um eine Depression handelt, »da die Depression mitreist und der Zustand mit Antriebsstörung und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, im Urlaub in fremder Umgebung als besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird.« Hingegen habe sich häufig als hilfreich erwiesen, wenn Arbeitgeber es Betroffenen ermöglichten, deutlich weniger zu arbeiten. Ein strukturierter Arbeitsrhythmus und die Einbindung in Arbeitsabläufe vermittelten den Patienten häufig Tagesstruktur und Halt.

 

Bei Depressionen handelt es sich um eine potenziell tödliche Erkrankung, an deren Ende ein Suizid stehen kann. Unbehandelt besteht außerdem die Gefahr der Chronifizierung. Die Behandlungsleitlinien sehen bei leichten und mittleren Formen alternativ eine Psycho- oder Pharmakotherapie vor, bei schweren Formen eine Kombination aus beiden. Behandlungsversuche mit Urlaub und Ausschlafen können die Symptomatik verschlechtern. Hegerl: »Der beste Weg zu einem Umgang mit der Erkrankung Depression ist es, eine Depression auch Depression zu nennen.« / 

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