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Tabuthema Scheidenpilz

Jede Mykose ist heilbar

08.11.2011  13:27 Uhr

Von Annette van Gessel, Köln / Vaginalmykosen sind lästig, aber in der Regel nicht gefährlich. Denn sie haben eine spezifische Ursache – den Erreger Candida albicans. Dieser kann und muss beseitigt werden. Für die topische Therapie ist Clotrimazol Mittel der Wahl. Experten favorisieren die 1-Tages-Hochdosistherapie.

Eine Scheidenpilzinfektion äußert sich typischerweise mit einem starken Juckreiz im Intimbereich. Manche Frauen haben auch eher brennende Beschwerden. Häufig klagen die betroffenen Frauen über vermehrten Ausfluss, der geruchlos von krümeliger, quarkähnlicher Konsistenz ist. Erkrankten Frauen fällt es oft schwer, ihr Problem offen anzusprechen, da es sich nach wir vor um ein Tabuthema handelt. Viele machen sich Selbstvorwürfe, weil sie fälschlicherweise vermuten, durch eigenes Fehlverhalten wie mangelnde Hygiene die Pilzinfektion ausgelöst zu haben. Einige ziehen sich sogar aus dem sozialen Umfeld zurück. Möglicherweise würden ihre Schuldgefühle geringer, wenn sie wüssten, dass circa drei Millionen Frauen jährlich an einer Vaginalmykose erkranken. Außerdem sollten die Betroffenen wissen, dass die Infektion nur in 2 bis 3 Prozent der Fälle chronisch wird.

 

Irrglaube Milchsäure

 

»Jede Mykose ist heilbar«, lautete das eindeutige Statement von Professor Dr. Hans-Jürgen Tietz, Leiter des Instituts für Pilzerkrankungen in Berlin, auf einem Presseroundtable von Bayer HealthCare. »Wir haben einen eindeutigen Erreger, den Pilz, den wir behandeln können.« Etwa 80 Prozent der Erkrankten leiden ein- bis zweimal im Jahr an einer Pilzinfektion. Diese Tatsache sollten die Frauen wissen, denn bedauerlicherweise könne das Immunsystem keine Immunität gegen den Pilz aufbauen, sodass sich Frauen immer wieder neu infizieren.

Gegen den häufigsten Erreger Candida albicans, der für mehr als 90 Prozent der Infektionen verantwortlich ist, sei Clotrimazol das Mittel der Wahl zur topischen Therapie. Diese Meinung teilten auch die Experten des Paul-Ehrlich-Instituts. Bei dem vor circa 60 Jahren entwickelten Nystatin wären Resistenzen zu beobachten, so Tietz. Er befürwortete die 1-Tages-Therapie als Hochdosistherapie mit 500 mg Clotrimazol. Zum einen läge die Konzentration von Clotrimazol im Vaginalsekret der erkrankten Frauen 72 Stunden lang über der erforderlichen Hemmkonzentration des Erregers. Zum anderen trage diese Behandlung dazu bei, Resistenzen zu verhindern. In seiner Praxis erlebe er immer wieder, dass Frauen die 3-Tages-Therapie nicht zu Ende durchführen, da die Symptome bereits eher nachließen.

 

Tietz empfahl Frauen auf Reisen, auch innerhalb Europas, ein Vaginalmykotikum mitzunehmen. Präparate mit Clotrimazol gegen Vaginalmykosen seien beispielsweise in Italien, Belgien und den Niederlanden nicht frei verkäuflich erhältlich.

 

»Raten Sie jeder Frau davon ab, nach einer Pilzinfektion zur Prophylaxe ein Präparat mit Milchsäurebakterien oder Joghurt anzuwenden!«, so Tietz. Denn dieser Rat halte sich hartnäckig, obwohl er nachweislich falsch ist. In manchen Fällen triggerten Milchsäurebakterien die neue Pilzinfektion, denn »Pilze lieben Säure«. Angebracht seien Säureprodukte im Unterschied zu den Vaginalmykosen bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten. Diesen fehle häufig der nötige Säureschutz, der eine natürliche Barriere gegen Colibakterien, Mykoplasmen und Mykobakterien darstellt. Tietz zeigte anhand mikroskopischer Aufnahmen, dass die gesunde Vaginalflora aus Milchsäurebakterien die Mykosetherapie unbeschadet überlebt. Daher entfalle der Grund, diese Flora wieder aufzubauen.

 

Doch wenn Milchsäure das Wachstum von Candida albicans fördert, warum enthält Canesten® Gyn Once einen Milchsäurezusatz? Dies habe zwei Gründe, so Tietz. Zum einen wirke Clotrimazol bei sauren pH-Werten am besten. Zum anderen laufe die Ergosterolsynthese der Erreger im Sauren auf Hochtouren, sodass der Arzneistoff gerade dann am effektivsten wirken kann.

 

Beratungsbedarf nimmt zu

 

Im Apothekenalltag ein bekanntes Phänomen: Immer häufiger fragen Menschen mit einer Erkrankung zunächst in der Apotheke um Rat, bevor sie den Arzt aufsuchen. Das trifft auch auf Frauen mit einer Vaginalmykose zu. Aktuelle Daten dazu stellte Dr. Walter Schulze, Leiter Marktforschung Consumer Care, vor. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK aus dem Jahr 2011 wenden sich bei der Erstinfektion 76 Prozent der Frauen direkt an ihren Arzt und etwa 14 Prozent an Apotheker oder PTA. Sind die Frauen hingegen zum zweiten Mal erkrankt, gehen nur noch 44 Prozent zum Arzt und 21 Prozent sofort in die Apotheke. Spätestens ab der dritten Infektion spielt die Apotheke die größere Rolle, denn anhand der Symptome können die Frauen dann eine verlässliche Selbstdiagnose stellen.

 

Auf die Frage der Marktforscher nach den Kaufgründen für ein bestimmtes OTC-Antimykotikum antworteten 33 Prozent der Frauen, sie hätten das Präparat auf Empfehlung des pharmazeutischen Personals gekauft, aufgrund einer Arztempfehlung waren es nur 26 Prozent. /

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