Pharmazeutische Zeitung online
20 Jahre Mauerfall

Mutiger Sprung in die neue Zeit

03.11.2009
Datenschutz bei der PZ

Von Petra Hölzel / Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ziehen Apotheker Bilanz. Wie haben sie die Wende zur Selbstständigkeit geschafft? Was hat die neue Apothekenwelt an beruflicher Zufriedenheit gebracht und was ist auf der Strecke geblieben? Im ersten von zwei Artikeln erzählt Evelyn Guthmann, wie sie den Umbruch als Apothekerin erlebte.

Die Geschichte der Stadt Meißen von 1989 bis 2009 ist auch die der dortigen Sonnen-Apotheke. Ein von mutigen Meißner Architekten 1989 entworfenes Plakat mit der Aufschrift »Besuchen Sie Meißen, solange es noch existiert!« gibt den ungefähren Zustand dieses historischen Kleinods in Sachsen an der Elbe wieder.

 

Die Stadt drohte zu verfallen – trotz ihrer Jahrtausende alten Geschichte, der ersten europäischen Porzellanmanufaktur, der Albrechtsburg und des historischen Stadtkerns.

 

Mangelverwaltung in Herzberg

 

Apothekerin Evelyn Guthmann erlebte die Wende im November 1989 als Versorgungsapothekerin im Pharmazeutischen Zentrum Herzberg/Elster, das circa 90 Kilometer südlich von Berlin im heutigen Brandenburg liegt. Diese Arbeit als Leiterin einer Abteilung bezeichnet sie selbst aus heutiger Sicht als »Mangelverwaltung, Verteilung und Informations-Zentrale in der Arzneimittel-Versorgung«.

 

Sie wohnte zu dieser Zeit noch in einer Armee-Siedlung in Holzdorf im Kreis Jessen und nahm die Veränderungen lediglich indirekt beziehungsweise über Eltern und Schwester, die in Dresden wohnten, wahr . Jede Einzelheit war von Interesse und wurde »schwammartig aufgesaugt«, wie sie selbst es beschreibt. Die Apothekerin befand sich zu der Zeit gerade in der Ausbildung zur Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie – die Prüfung war im März 1990. Für das Studium musste sie zweimal im Jahr für eine Woche nach Berlin, um an den Seminaren teilzunehmen.

Heute erinnert sie sich, wie das nach dem Mauerfall war: Um mit der Eisenbahn nach Berlin zu kommen, musste man sehr zeitig auf dem Bahnhof sein, weil sämtliche Züge dorthin überfüllt waren. Grund war das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark, das die Bürger in Empfang nehmen konnten.

 

Die ersten Erfahrungen mit westdeutschen Apothekenverhältnissen machte Evelyn Guthmann während der Interpharm 1990 in Stuttgart. Per Briefkontakt hatte die Chefredakteurin der PTA Heute, Reinhild Berger, sie eingeladen und für sie Kost und Logis organisiert. Guthmann nahm an der Gründungsversammlung des Sächsischen Apothekervereins (SAV) in Leipzig teil und war am 3. Oktober 1990 zum Deutschen Apothekertag in Düsseldorf dabei.

Überwältigt hat sie jedoch die Möglichkeit eines Praktikums in einer westdeutschen Apotheke. In der Fachpresse fand sie eine Anzeige mit einem entsprechenden Angebot, das sie umgehend annahm. So war sie noch im Sommer 1990 für eine Woche in der Wildpark-Apotheke in Schwarzach im Neckar-Odenwald-Kreis bei Apothekerin Regina Simon.

 

Tipps von der Kollegin (West)

 

Viele wertvolle Hinweise und Tipps halfen ihr, später die eigene Apotheke unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu leiten. Mann und Tochter hatten sie mit dem Trabi in Schwarzach abgeholt. Im Anschluss wurde der erste Familien-Urlaub im Westen Deutschlands verwirklicht. Mit Regina Simon ist Evelyn Guthmann noch heute gut befreundet.

 

Ein Versorgungsapotheker leitete zu DDR-Zeiten in einem größeren Kreis mit mehr als zehn Apotheken in der Regel keine eigene Apotheke. Mit dem Fall der Mauer und der Zerschlagung des ostdeutschen Apothekensystems wurden die Pharmazeutischen Zentren in den Kreisen und Bezirken abgewickelt, das heißt aufgelöst. Die ehemals staatlichen Apothekenleiter erhielten durch die Treuhandanstalt der Bundesrepublik – genauer: Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums – den Bonus, ihre »eigene« Apotheke kaufen zu können. Doch was wurde aus all den Apothekern und Apothekerinnen in den aufgelösten Pharmazeutischen Zentren?

 

Evelyn Guthmann bewarb sich zunächst um den Kauf einer Apotheke in der 900-Seelen-Gemeinde Schönewalde im Kreis Herzberg/Elster. Sie besuchte Seminare, die der Pharmagroßhandel Gehe anbot, und lernte dort ihren Steuerberater kennen, der sie noch heute betreut. Er empfahl ihr damals, vom Kauf dieser kleinen Apotheke Abstand zu nehmen.

 

Wie in so vielen Fällen ostdeutscher Apothekengeschichte nach der Wende spielte auch bei ihr das Glück eine Rolle. Ihrem Mann wurde vom ehemaligen sächsischen Bezirksapotheker Udo Löscher die Sonnen-Apotheke in Meißen angeboten.

 

Zugang zur Kredit-Schatulle

 

Jetzt ging es Schlag auf Schlag: Vorbereitung der Privatisierung, Kauf der Sonnen-Apotheke von der Treuhandanstalt, Bürgschaft durch einen Gehe-Mitarbeiter, der auch die Bankgeschäfte unterstützte. Jemanden zu haben, der einem bei den Bankgesprächen zum Kauf einer Apotheke Hilfestellung gab, war in dieser Zeit Gold wert. Denn einen Kredit von der Bank in dieser Höhe zu bekommen, war für die meisten ostdeutschen Apotheker unvorstellbar, hatten sie doch in der Vergangenheit kaum Schulden bei Banken, und wenn dann schon gar nicht in solchem Umfang. Auch fehlte es den meisten an Eigenkapital, das zur Sicherheit vorgelegt hätte werden müssen. Ein gutes Konzept und ein sachkundiger Bürge waren nach dem Mauerfall der Schlüssel zum Öffnen der Kredit-Schatulle bei den Banken. Zum 1. November 1990 unterschrieb Guthmann den Kaufvertrag für ihre Apotheke.

 

Heute, nach zwanzig Jahren, vergleicht die Apothekerin das Gesundheits- und insbesondere das Apothekenwesen der DDR mit den jetzigen Verhältnissen. Es gibt positive Aspekte, wie den früheren Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung unter den Kollegen, die heute in vielen Fällen in Konkurrenzdenken umgeschlagen sind.

 

Auch funktionierte früher die Zusammenarbeit zwischen Apotheker und Arzt besser, erzählt Guthmann. Allerdings klappt die Kooperation mit Ärzten, die den Weg der Wende mitgegangen sind, auch heute noch, ist ihre Erfahrung.

 

Als ehemalige Versorgungsapothekerin ist sie froh, heute nicht mehr über Mangel an Medikamenten und die Verwaltung des Mangels klagen zu müssen. So war beispielsweise Canesten in der DDR eingestuft in die Nomenklatur C, was bedeutete, es stand nur für besondere Fälle zur Verfügung.

 

Die Mangelverwaltung bedeutete aber auch, bestimmte Medikamente auszueinzeln und Teilverordnungen zu schreiben. Auch erinnert sie sich, dass es zu ihren Aufgaben gehörte, Packungsbeilagen aus importierten Arzneimitteln der Nomenklatur C zu entfernen – Apothekern und Patienten also bewusst Informationen vorzuenthalten. Warensendungen des Großhandels in die Apotheke einmal pro Woche sind heute undenkbar. Kaum einer kann sich noch vorstellen, welche Mengen dabei jedes Mal angeliefert wurden.

 

Noch ein Plus der neuen Apothekenwelt: Als Inhaber könne man Personalentscheidungen selbst treffen und werde nicht von einer Zentralstelle bevormundet, sagt Guthmann. Die persönliche Entscheidungsfreiheit sei aber auch verbunden mit dem wirtschaftlichen Risiko.

 

Ein Wirkstoff, ein Fertigprodukt

 

Unzählige Produkte mit dem gleichen Wirkstoff sind zwar ein Phänomen des freien Wettbewerbs unter den Pharmaherstellern, waren in der DDR jedoch undenkbar: ein Wirkstoff, ein Fertigprodukt (eventuell in verschiedenen Wirkstärken und Packungsgrößen). Diese Vielfalt und die Rabattverträge beeinträchtigen die Patienten-Compliance massiv, findet die Apothekerin. Nach Ansicht Evi Guthmanns gibt es heute zu viele Apotheken, wodurch jedoch die Versorgung der Patienten kaum verbessert werde: Während sich Apotheken um Ärztehäuser scharen, werden sie auf dem Land seltener.

 

Die über 1000-jährige Stadt Meißen wurde nach der Einheit als eine der ersten für eine grundlegende Sanierung auserkoren. Zehn Jahre lang war Meißen – weltweit bekannt für sein wunderbares Porzellan – eine Baustelle. Wo einst in den Straßen der Putz bröckelte, locken heute Cafés, Restaurants und Boutiquen, aber auch moderne Apotheken in alten Gemäuern wie die Sonnen-Apotheke. /

DDR-Arzneimittel

Typische DDR-Arzneimittel, die auch heute noch Bedeutung haben:

Pentalong® 50/80 mg Tabletten, Hersteller heute: Actavis Langenfeld. Wirkstoff: Pentaerythrityltetranitrat. Indikation: Prophylaxe und Langzeitbehandlung der Angina Pectoris.

Fagusan®-Saft 200 ml, Hersteller heute: Medphano Rüdersdorf. Wirkstoff: Guaifenesin. Indikation: Antitussivum/Expektorans.

Pyolysin®-Salbe 30/50/100 g, Hersteller: Serumwerk Bernburg. Wirkstoff: Pyolysin, Salicylsäure, Zinkoxid. Indikation: Behandlung oberflächlicher bakteriell infizierter Hauterkrankungen.

 

Mehr von Avoxa