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Tierversuche

Lebensmodelle statt Lebewesen

03.11.2009
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Von Bettina Sauer, Berlin / Mit Zellkulturtests und Computersimulationen lassen sich inzwischen viele quälende Tierversuche ersetzen. Das ist zum Teil der Arbeit der »Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch« (ZEBET) zu verdanken. Letzte Woche feierte die staatliche Einrichtung ihren 20. Geburtstag.

Knapp 2,7 Millionen Wirbeltiere wurden 2008 in Deutschland zu Versuchszwecken eingesetzt, darunter rund 1,8 Millionen Mäuse, 485 000 Ratten, 129 000 Vögel, 112 000 Fische und 99 000 Kaninchen. Das besagen die aktuellen Tierversuchszahlen, die das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz am 23. Oktober veröffentlichte. Rund ein Drittel der Tiere ging demnach auf das Konto der Grundlagenforschung.

Daneben dienten Tierversuche zur Entwicklung, Herstellung und Qualitätskontrolle von Produkten für die Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie für Sicherheitsprüfungen von Lebens- und Futtermitteln, Pestiziden und anderen chemischen Substanzen. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der zu Versuchszwecken verwendeten Tiere um 3,2 Prozent gestiegen. »Leider sind Tierversuche vielfach immer noch unverzichtbar, vor allem um den Verbraucherschutz zu gewährleisten«, sagte Professor Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), vergangene Woche bei einer Pressekonferenz in Berlin. Doch dürften sie nur stattfinden, wenn sich der verfolgte Zweck nicht durch andere Methoden erreichen lasse. So steht es in § 7 (2) des deutschen Tierschutzgesetzes. Zudem verlangt die Europäische Union gemäß der Richtlinie 86/609/EWG aus dem Jahr 1986 von ihren Mitgliedstaaten, Alternativmethoden zu Tierversuchen zu etablieren.

 

Ersatzmethoden entwickeln

 

Zu diesem Zweck wurde in Deutschland vor 20 Jahren die »Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch« (ZEBET) gegründet. Damals handelte es sich um die weltweit erste staatliche Einrichtung dieser Art. Die ZEBET gehört zum BfR und orientiert sich bei ihrer Arbeit am Prinzip »Refine, Reduce, Replace« (3R). Dieses stammt aus einem Buch der britischen Wissenschaftler William Russell und Rex Burch von 1959. Dabei steht »Refine« für Experimente, die Versuchstieren möglichst wenig Leid zufügen, »Reduce« für eine Verminderung der benötigten Tiere und »Replace« für einen vollständigen Ersatz von Tierversuchen.

 

Der dritte Ansatzpunkt bildet einen Arbeitsschwerpunkt der ZEBET. Mehrere »Replace«-Methoden haben die Mitarbeiter schon allein oder zusammen mit Kooperationspartnern entwickelt. Dazu zählt unter anderem ein Verfahren, mit dem sich chemische Substanzen an menschlichen Hautmodellen statt wie bisher an Kaninchen auf mögliche ätzende Wirkungen überprüfen lassen, sowie ein Zellkulturtest auf Phototoxizität. Letzterer zeigt, ob Medikamente oder Kosmetika die Haut für Sonnenlicht sensibilisieren und deshalb zu Verbrennungen führen. Seit 2004 sind die beiden Verfahren europa- und weltweit zugelassen.

Der Weg bis zu einer solchen offiziellen Anerkennung dauert in der Regel mehrere Jahre und erfordert unter anderem eine Validierung. Dabei wird wissenschaftlich überprüft, ob eine Alternativmethode gleichwertige Ergebnisse liefert wie der zu ersetzende Tierversuch. Die ZEBET beteiligt sich an europa- und weltweiten Validierungsstudien und Anerkennungsverfahren. Ferner sammeln die Mitarbeiter in der Datenbank »AnimAlt-ZEBET« (www.bfr.bund.de/cd/448) wissenschaftlich anerkannte Alternativen zu gängigen Tierversuchen und beraten Behörden und Wissenschaftler. »Oft lässt sich die Zahl der erforderlichen Tiere zum Beispiel durch die Überarbeitung eines Tierversuchsantrags oder die Kombination mit Ersatz- und Ergänzungsmethoden stark verringern«, sagte ZEBET-Leiter Dr. Manfred Liebsch bei der Pressekonferenz.

 

»Die ZEBET hat viel erreicht«, ergänzte Dr. Brigitte Rusche, Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes und Vorsitzende der ZEBET-Kommission, die die Arbeit der Einrichtung begleitet. »Lange Zeit herrschte hierzulande in den Köpfen das Denken vor, dass Forschung ohne den Einsatz von Tieren nicht möglich ist. Inzwischen wissen wir, dass sich die Ergebnisse von Alternativmethoden oft sogar besser auf den Menschen übertragen lassen als die von Tierversuchen.« Das sei zu einem großen Teil der Arbeit der ZEBET zu verdanken, ebenso wie der Rückgang der jährlich verwendeten Versuchstiere von rund 2,6 Millionen im Jahr 1989 auf 1,5 Millionen im Jahr 1995. »Allerdings ist diese Zahl seitdem kontinuierlich gestiegen und hat nun wieder den Wert von 1989 erreicht.« Diese Entwicklung lasse sich zum großen Teil auf neue Trends in der Wissenschaft zurückführen, insbesondere auf die Möglichkeit, Tiere gentechnisch zu manipulieren. »Auf diese neue Herausforderung müssen wir schnell mit der Entwicklung passender Ersatzmethoden reagieren.« Auch die europäische Chemikalienverordnung REACH, die 2007 in Kraft trat, erscheint Rusche unter Tierschutzaspekten bedrohlich. Denn sie verlangt die nachträgliche Bewertung der Gesundheitsrisiken von bis zu 30 000 Chemikalien. Das könnte nach Berechnungen des BfR europaweit bis zu 45 Millionen zusätzliche Versuchstiere erfordern. Deshalb bleibt für Rusche viel für den Tierschutz zu tun. Sie forderte die neue Bundesregierung auf, sich entsprechend zu engagieren und unter anderem die Position der ZEBET zu stärken. /

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