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150. Geburtstag

Eduard Ritsert und das Anaesthesin

03.11.2009
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Chistoph Friedrich und Magdalena Klimonow  / Am 11. November vor 150 Jahren wurde Eduard Ritsert geboren, der 1890 die anästhesierenden Eigenschaften des p-Aminobenzoesäureesters entdeckte. Er gelangte als Anaesthesin in den Arzneischatz und wurde in der 1903 von Ritsert begründeten chemisch-pharmazeutischen Fabrik, die noch heute seinen Namen trägt, hergestellt.

PZ-Originalia

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Eduard Ritsert (1859 bis 1946) kam am 11. November 1859 in Darmstadt als jüngstes von sieben Kindern des Fabrikanten Carl Ritsert (1810 bis 1859) und dessen Ehefrau Johanna Ritsert (1823 bis 1899), geborene Silbereisen, zur Welt (1). Als einziger der vier Söhne widmete er sich nicht dem Beruf des Kaufmanns, sondern wandte sich den Naturwissenschaften zu. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums in Darmstadt bis zur Obersekunda begann Ritsert im Alter von 17 Jahren in der 1769 gegründeten Mohren-Apotheke in Eberbach am Neckar bei Dr. Theodor Neumayer seine pharmazeutische Ausbildung (2-4). Die Apotheke, seit ihrer Gründung im Besitz dieser Familie, befand sich zunächst in der Kellereistraße und seit 1817 in einem neuen Gebäude. Es darf aber angesichts der als altertümlich geschilderten Einrichtung angenommen werden (5), dass Ritsert hier eine konservativ-solide Ausbildung erhielt. Seine Konditionszeit führte ihn 1879 nach Basel, ein Jahr später nach Zürich und 1881 nach Balingen und Hamburg.

1882 begann Ritsert das Studium der Pharmazie an der Gießener Universität, wo er zwei Jahre später das Staatsexamen ablegte. Seine einjährige Militärdienstzeit absolvierte er in Darmstadt, wo er nebenher noch bei Alfred Einhorn (1867 bis 1917) am chemischen Institut des Polytechnikums studierte. Diese Zeit prägte ihn besonders, da er durch seinen Lehrer mit präparativ-synthetischem Arbeiten bekannt wurde und sich insbesondere mit Struktur-Wirkungs-Beziehungen befasste.

 

1885 wurde Ritsert Mitarbeiter von Apotheker Conrad in Aachen, ging ein Jahr später indes für sieben Monate nach London, wo er in der deutschen Apotheke tätig war. Hier wurde ihm sein erstes Patent für ein neues Herstellungsverfahren für ein dem Lanolin ähnelndes Wollfett erteilt. 1887 kehrte er nach Eberbach zurück und wirkte anschließend ein Vierteljahr in Heidelberg als Assistent in der Apotheke des Akademischen Krankenhauses, wo er auf Bitten der pathologischen Abteilung eine neue Einbettungsmasse für anatomische Präparate entwickelte (6). Seine diesbezüglichen Ergebnisse erschienen als erste Publikation 1888 im »Archiv der Pharmazie« (7). 1888 arbeitete Ritsert in der Rosen-Apotheke Offenbach am Main, wo ihm die Synthese des Anaesthesins gelang. Ein Jahr später setzte er seine Studien, insbesondere zur Bakteriologie und Hygiene, in Gießen fort und übernahm 1890 die wissenschaftliche Schriftleitung der Pharmazeutischen Zeitung in Berlin. Im gleichen Jahr wurde er dort bei Alexander Tschirch (1856 bis 1939) mit einer Arbeit über »Untersuchungen über das Ranzigwerden der Fette« zum Dr. phil. promoviert (8). In Berlin gehörte Ritsert gemeinsam mit Hermann Thoms (1859 bis 1931) zu den Gründern der (Deutschen) Pharmazeutischen Gesellschaft und übernahm das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden (9). Nachdem er 1891 Elisabeth Schleußner (1865 bis 1904), die Tochter des Frankfurter Apothekers und Fabrikanten Dr. Carl Schleußner (1830–1891), geheiratet hatte – der Verbindung entstammten vier Kinder –, widmete er sich nach dessen Erkrankung gemeinsam mit seinen Schwägern der Leitung dieser Trockenplattenfabrik (10).

 

Geschichte des Anaesthesins

 

Ritsert selbst berichtet über seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung 1925: »Im Jahre 1888 befaßte ich mich als Gehilfe der Rosenapotheke in Offenbach a. M. in den sehr knapp bemessenen freien Minuten neben Rezeptur und Handverkauf mit Arbeiten über die damals neuen Arzneimittel: das Acetanilid und das Phenacetin. Es wurden Methoden zur Bestimmung ihrer Identität und Reinheit ausgearbeitet, welche heute noch maßgebend im Deutschen Arzneibuch sind. Im besonderen wurde auch nachgewiesen, daß das damalige arzneilich verwendete Acetanilid (Antifebrin) in einem Schmelzpunkte von 112° ein unreines Produkt war, und daß sich durch Oxidation mit Permanganat der Schmelzpunkt auf 114° erhöhen ließ. Diese Reinigungsmethode wurde alsbald von der Großindustrie aufgenommen und das reine Acetanilid als ‚nach E. Ritsert hergestellt‘ in den Handel gebracht.« (11)

Da sich mit diesen Reinigungsmethoden jedoch die unangenehmen Nebenwirkungen nicht beseitigen ließen, gelangte er zu der Ansicht, »daß bei Acetanilid die größere Giftigkeit der Muttersubstanz – des Anilins – gegenüber der Muttersubstanz des Phenacetins – des p. Amidophenols [!] – die Ursache der unangenehmen Nebenwirkungen war.« Diese Überlegungen führten ihn zu der Annahme, dass die acetylierte p-Aminobenzoesäure, ein Phenacetin, in dem die Ethoxylgruppe durch eine Carboxylgruppe ersetzt ist, ebenfalls ein Fiebermittel, aber ein ungiftigeres sein müsse. Die praktische Umsetzung erfolgte dann erst 1890, als Ritsert in Berlin wissenschaftlicher Schriftleiter der Pharmazeutischen Zeitung war und hier die Möglichkeit erhielt, im Laboratorium des Moabiter Krankenhauses in den Nachmittagsstunden zu arbeiten, wo er den p-Aminobenzoesäureethylester synthetisieren konnte. Er erhielt schöne Kristalle, deren Geschmack ihn als Apotheker interessierte. Er konstatierte »ein ganz eigenartiges Stumpfwerden der Zunge und der Lippen, [...] welches an die gleichen Eigenschaften des erst seit wenigen Jahren bekannt gewordenen Cocains erinnerte«. Er brachte einige Tropfen der wässrigen Lösung dieses Stoffes auf die Hornhaut eines Kaninchens, das sich vollständig unempfindlich zeigte. Seine neue Entdeckung stellte er dem Rostocker Pharmakologen Robert Kobert (1854 bis 1918) vor, der ihn dazu beglückwünschte. Als schwierig erwies sich indes die Ermittlung der Toxizität, hier bat er Paul Ehrlich (1854 bis 1915) um Unterstützung, der in der Charité in seinem Labor feststellte: »Mäuse fressen von dem neuen Körper unglaubliche Mengen, ohne daß es ihnen etwas schadet.« Von der Ungiftigkeit des neuen Stoffes überzeugt, wandte er sich an seinen ehemaligen Gießener Lehrer, August Laubenheimer (1848 bis 1904), der inzwischen als Direktor der Farbwerke Hoechst wirkte. Obwohl der Breslauer Pharmakologe Wilhelm Filehne (1844 bis 1927) zu der Ansicht gelangte, dass der »neue Körper zweifellos sehr interessant wäre [...], aber er vermöge Cocain nicht zu depossedieren, da er nicht wasserlöslich sei«, woraufhin die Farbwerke Hoechst den Stoff ablehnten, gab er nicht auf.

 

Anaesthesin wurde indes zehn Jahre lang in die Archive der Farbwerke Hoechst verbannt, noch begünstigt durch die Tatsache, dass Alfred Einhorn (1856 bis 1917) die patentierte Orthoform dieser Verbindung als Streupulver für Brandwunden herausgebracht hatte. Da dieser Stoff gelegentlich sehr ungünstige Nebenwirkungen – »idiosyncratische Ausschläge« – zeigte, schöpfte Ritsert neue Hoffnung. Er wandte sich an den Kliniker Carl von Noorden (1858 bis 1944), der nach pharmakologischen Prüfungen durch Carl Binz (1832 bis 1913) die klinische Erprobung übernahm (11). Nachdem von Noorden seine Ergebnisse in der Klinischen Wochenschrift 1902 publiziert hatte, begann der Siegeszug des Anaesthesins (12). Es wurde 1902 in die Therapie eingeführt und findet sich bereits im 1910 erschienenen DAB 5. Ritserts Entdeckung legte den Grundstein für die Entwicklung weiterer Lokalanaesthetika, die das mit hohem Suchtpotential ausgestattete Kokain ersetzten: 1905 entwickelte Alfred Einhorn den p-Aminobenzoesäurediethylaminoethylester (Novocain) (13).

 

Ritsert selbst versuchte jedoch weiterhin, eine wasserlösliche Verbindung zu synthetisieren, was ihm schließlich 1902 mit dem Subcutin, einem phenolsulfonsauren Salz des Anaesthesins, gelang. Obwohl mit Subcutin eine Reihe operativer Eingriffe erfolgreich durchgeführt worden war, konnte es sich gegenüber dem Cocain nicht durchsetzen. Ritsert blieb bis zu seinem Lebensende ein erfolgreicher Forscher, wie weitere von ihm angemeldete Patente, so für einen Aufbewahrungsbehälter für subkutane Einspritzungen (1902) und für eine Mehrfachgießeinrichtung (1925), zeigen. Ausländische Patente wurden ihm in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz, in der Tschechoslowakei, in England, Österreich, Dänemark und in den Niederlanden erteilt.

 

1901 gründete Ritsert ein chemisches Laboratorium in Frankfurt am Main, aus dem 1903 eine Fabrik für chemisch-pharmazeutische Präparate hervorging, in der weitere Anaesthesinderivate entwickelt wurden. 1944 zerstörten Bombenangriffe die Fabrik, und Ritsert wurde verschüttet, überlebte aber. Eine provisorische Unterbringung des Unternehmens erfolgte zunächst in einer ehemaligen Diamantschleiferei bei Hanau, bis sein Sohn Hans die Fabrik wieder aufbaute. Zum 80. Geburtstag erhielt Ritsert für seine Verdienste viele Auszeichnungen, wie die :Hermann-Thoms-Gedenkmünze9 der Akademie für pharmazeutische Fortbildung und die :Liebig-Medaille9 in Silber. Die Stadt Frankfurt a. M. übergab ihm die Plakette für kulturelle Verdienste’ (6).

 

Am 6. Januar 1946 verstarb Eduard Ritsert in Eichberg vor Erbach (Rheinpfalz) im Alter von 86 Jahren. Seine Nachfahren führen bis heute erfolgreich die Fabrik, die 1964 nach Eberbach (Neckar) verlegt wurde, unter dem Namen Dr. E. Ritsert weiter. /

Quellen und Literatur

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Deutsches Geschlechterbuch, hrsg. Von B. Koerner, Görlitz 1847, S. 247–250.

Schwarz, H.-D., Dr. Eduard Ritsert zum 25. Todestag am 6. Januar 1971, in: Deutsche Apotheker-Zeitung 111 (1971), S. 59–60.

O. A., Der Erfinder des Anaesthesins, Dr. Eduard Ritsert, 70 Jahre alt, in: Apotheker-Zeitung 90 (1929), S.1399.

O. A., Zum 100. Geburtstag von Dr. Eduard Ritsert, in: Pharmazeutische Zeitung 47 (1959), S. 1285.

O. A., Zum 150jährigen Bestehen der Apotheke zu Eberbach in Baden, in: Apoth.-Ztg. 34 (1919), S. 94.

Schwarz, H.-D., Ritsert, Eduard, in: Neue deutsche Biographie. Bd. 21: Pütter–Rohlfs. Berlin 2003, S. 653f.

Ritsert, E., Ein Beitrag zur lokalen und totalen Anästhesie, in: Archiv der Pharmazie (1943), S.239–240.

Ritsert, E., Untersuchungen über das Ranzigwerden der Fette, Dissertation Universität Berlin 1890.

Schmitz, R., 100 Jahre Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Stuttgart 1990, S. 116.

Zimmermann, W., Anstaltsapotheker als Forscher und Wissenschaftler, in: Die Krankenhausapotheke 15 (1942), S. 21-25.

Ritsert, E., Über den Werdegang des Anästhesins, in: Pharmazeutische Zeitung 60 (1925), S.1006–1008.

Noorden, C. v., Ueber para-Aminobenzoesäure-Ester als locales Anästhetikum, in: Klinische Wochenschrift 39 (1902), S. 373–375.

Müller-Jahncke, Wolf-Dieter, Friedrich, Ch., Meyer, U., Arzneimittelgeschichte, Stuttgart 2005, S. 150f.

 

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg

ch.friedrich(at)staff.uni-marburg.de

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