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Frühgeburt

Auch späte Frühchen sind gefährdet

03.11.2009
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Von Elke Wolf, Mannheim / Zwar wiegen reifere Frühgeborene, die nur wenige Wochen zu früh kamen, ähnlich viel wie Termingeborene. Doch physiologisch und metabolisch sind sie noch unreif. Dadurch haben sie ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.

Eine übliche Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Als Frühgeborene gelten Kinder, die vor der vollendeten 37. Woche auf die Welt kommen. Häufig wird angenommen, dass die sogenannten späten Frühgeburten, die zwischen der 34. und 36. Woche geboren werden, weitgehend entwickelt sind und keiner besonderen Schutzmaßnahmen bedürfen. Doch die Realität sieht anders aus. So haben Frühgeborene der 34. bis 36. Schwangerschaftswoche (SSW) im Durchschnitt ein siebenfach höheres Erkrankungsrisiko als Neugeborene der Wochen 37 bis 41, sagte Privatdozent Dr. Matthias Keller vom Universitätsklinikum Essen auf einer Veranstaltung der Firma Abbott in Mannheim. »Die erhöhte Morbidität umfasst Probleme mit der Atmung und der Ernährung, eine erhöhte Rate an Hyperbilirubinämien und Hypoglykämien sowie vermehrte Infektionen.« Die Spät-Frühgeborenen machen rund 70 bis 80 Prozent aller Frühgeborenen aus.

 

Besonders ins Gewicht fällt ein erhöhtes Risiko für Lungenprobleme. So müssen reifere Frühgeburten nach einer Infektion mit dem Respiratory Syncytial Virus (RSV) annähernd doppelt so häufig stationär überwacht werden wie Termingeborene (52,2 versus 29,5 pro 1000 Kinder), zitierte Professor Dr. Jürgen Seidenberg vom Elisabeth-Kinderkrankenhaus in Oldenburg eine Studie aus dem Jahr 2000. Auch der Schweregrad der Atemwegserkrankung ist deutlich ausgeprägter bei späten Frühgeburten als bei Reifgeborenen. »Das lässt sich an der Inzidenz der Intubation und der Verweildauer im Krankenhaus ablesen«, erklärte der Neonatologe. Beatmet werden müssen etwa 38,7 der Frühchen gegenüber 12,1 Prozent der Termingeborenen, diese sind auch nur etwa halb so lang im Krankenhaus mit 4,1 Tagen gegenüber 8,4 Tagen.

 

Obwohl sie ein ähnliches Gewicht wie Termingeborene besitzen, sind späte Frühgeburten physiologisch und metabolisch unreif. So sind deren Alveolen nur unvollständig ausgebildet, weshalb eine geringere Oberfläche für den Gasaustausch sowie ein geringeres Lungenvolumen zur Verfügung steht. Zudem sind die kleinen Bronchien zu diesem Zeitpunkt noch dickwandig und eng, was den Gasaustausch erschwert und sie nach einer Virusinfektion anfälliger für Obstruktionen macht. Die Lungenfunktionswerte frühgeborener Kinder verbessern sich dabei nur langsam und sind auch im Alter von einem Jahr nur etwa halb so hoch wie bei Termingeborenen, so Seidenberg. »Das Risiko für eine schwere RS-Virusinfektion der unteren Atemwege, die zu einer akuten Bronchiolitis führen kann, ist bei reiferen Frühgeborenen deutlich erhöht.«

 

Deshalb sprach sich Seidenberg für eine RSV-Prophylaxe von Frühgeborenen mit dem monoklonalen Antikörper Palivizumab (Synagis®) von Abbott aus, wenn mindestens zwei Risikofaktoren für eine schwere RS-Virusinfektion bestehen. Hierzu zählen schwere neurologische Erkrankungen, Geschwisterkinder im Kindergarten- oder Schulalter oder Entlassung aus der Neonatologie zwischen Oktober und Dezember. »Palivizumab senkt die Hospitalisierungsrate bei Frühgeborenen der Schwangerschaftswochen 32 bis 35 um 80 Prozent«, so Seidenberg. Die RSV-Prophylaxe könne auch die Inzidenz wiederkehrenden Giemens (Rasselgeräusche beim Atmen) um rund die Hälfte reduzieren. /

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