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Stimmen zur Demonstration

Nicht tatenlos zuschauen

07.11.2006
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Stimmen zur Demonstration

Nicht tatenlos zuschauen

Von Patrick Hollstein, Leipzig

 

Aus ganz Ostdeutschland waren am vergangenen Mittwoch Apothekenmitarbeiter und -inhaber nach Leipzig gereist, um ihrem Ärger über die geplante Gesundheitsreform Luft zu machen. Oft waren nur Notbesetzungen zu Hause geblieben, um die Arzneimittelversorgung der Patienten sicherzustellen.

 

»Wir haben viel mitgemacht in den vergangenen Jahren. Jetzt ist das Ende der Fahnenstange erreicht.« Andrea Gläser aus der Linden-Apotheke in Chemnitz wollte unbedingt bei der Demonstration in Leipzig dabei sein. »Die Patienten merken die Kürzungen im Apothekenbereich nicht. Wir bedienen wie immer, egal, was sich die Politik einfallen lässt.« Mit einer Kollegin reiste die Chemnitzerin daher nach Leipzig. »Wir können doch nicht alles hinnehmen. Die Protestaktion ist genau richtig, um die Öffentlichkeit zum Nachdenken zu bewegen. Wir hätten schon viel früher auf die Straße gehen sollen.«

 

Marcel Christophel und Theresa Schlegel gehören zu jenen 300 Pharmazie-Studenten, die aus Thüringen per Sonderzug nach Leipzig angereist waren, um ihre berufliche Zukunft zu verteidigen. Zweites, drittes und viertes Studienjahr seien geschlossen angereist, um gegen die Reformpläne zu protestieren, erklären die beiden. Das Interesse der Studenten komme nicht von ungefähr: »Viele unserer Kommilitonen wollen später in der Apotheke arbeiten. Wir schauen nicht zu, wie hinter verschlossenen Türen über unsere Zukunft entschieden wird.«

 

»Ist Geiz an Gesundheit wirklich geil?« Steffi Neuber und Kristin Wittwer aus der Apotheke im World Trade Center in Dresden kennen die Antwort auf die provokante Frage, die sie auf ihrem selbstgebauten Transparent durch Leipzigs Straßen tragen. »Wir sind Heilberufler, keine Händler«, sind sich die beiden jungen PTA einig. Sie hätten schlichtweg Angst um ihren Job, wenn die Regierung die geplanten Zwangsrabatte durchsetze. »Das hier ist keine Lobby-Arbeit einiger Apothekenbesitzer«, pflichtet ihnen eine Berliner Apothekenmitarbeiterin bei. »Wir kämpfen um unseren Arbeitsplatz.«

 

Klaus Kretschmer aus der Apotheke am Landsberg Tor in Strausberg reiste in Eigeninitiative mit seinem kompletten Team nach Leipzig an. »Wir wollten unbedingt dabei sein. Denn diese Gesundheitsreform zerstört den Verbraucherschutz.« Kretschmer und seine Mitarbeiter haben ihre Kunden im persönlichen Gespräch sowie durch einen Aushang im Schaufenster auf die Aktion aufmerksam gemacht. »Die Patienten haben unsere Argumente verstanden. Niemand will, dass es in der Apotheke primär um Geld geht.«

 

Dass beim beabsichtigten Preiskampf im Arzneimittelbereich nur finanzkräftige Einheiten auf Dauer mitspielen können, gibt auch Jutta König, Apothekerin aus Berlin, zu bedenken. Sie könne nicht verstehen, dass die Politik dieses Naturgesetz schlichtweg ignoriere. »Apotheken müssen auch in Zukunft ökonomisch funktionsfähig bleiben. Sonst ist insbesondere auf dem Land die wohnortnahe pharmazeutische Betreuung in Gefahr.« Für König ist die Protestaktion das richtige Mittel, um die Sicht der Apothekenmitarbeiter in die Öffentlichkeit zu tragen.

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