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Ebola-Impfstoffentwicklung

Es geht voran

29.10.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Mit Hochdruck wird an einem Impfstoff gegen das Ebola-Virus gearbeitet. Zwei Kandidaten befinden sich in Phase I der klinischen Prüfung. Sofern sie sich beweisen, könnten sie rasch zum Einsatz in größeren Studien kommen. Doch die Frage, ob sie gegen Placebo getestet werden sollen, ist noch offen. Ebenso wie die Frage, ob die Impfstoffe nicht zu spät kommen.

Die Ebola-Epidemie in den Ländern Guinea, Sierra Leone und Liberia hat ein Ausmaß erreicht, das mit normalen Mitteln wie Isolierung von Infizierten und deren Kontaktpersonen nicht mehr einzudämmen ist. Die Zahl der Neuerkrankungen verdoppelt sich etwa alle 20 bis 30 Tage und könnte bald auf 5000 bis 10.000 pro Woche ansteigen. Epidemiologen zufolge sind effektive Impfstoffe ein wichtiges Mittel, die Epidemie noch zu stoppen.

 

Zwei Kandidaten befinden sich bereits in Phase-I-Studien (lesen Sie dazu auch PZ 40, Seite 26). Der Impfstoff auf Basis des Chimp-Adenovirus Type 3 (cAd3-EBOV) der Firma Glaxo-Smith-Kline und des US-Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) wird bereits seit Anfang September an gesunden Probanden in den USA, Großbritannien und Mali getestet, um Wirksamkeit und Sicherheit zu ermitteln. Außerdem sollen die Untersuchungen der Dosisfindung dienen. Mit ersten Ergebnissen wird Anfang November gerechnet. Eine größere Phase-I-Studie soll Ende Oktober in Lausanne starten. Bis Dezember sollen 10 000 bis 20 000 Dosen des Impfstoffs bereitstehen, teilt der Hersteller mit.

 

Der zweite Impfstoff wurde von der kanadischen Gesundheitsbehörde entwickelt und wird von dem US-amerikanischen Unternehmen New Link Genetics hergestellt. Er basiert auf einem veränderten Vesikulären Stomatitis-Virus (VSV), das ein Oberflächenprotein eines Ebola-Virus produziert. Die erste Phase-I-Studie mit VSV-EBOV begann Mitte Oktober in den USA. Er soll in Kürze in Gabun, Kenia sowie in Genf getestet werden. Die kanadische Gesundheitsbehörde hat vergangene Woche 800 Dosen des Impfstoffs zur weiteren Verteilung an die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) in Genf gesandt.

 

Statt Jahre nur Monate

 

Ein Teil soll auch nach Hamburg gehen, wo er am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Rahmen einer Phase-I-Studie untersucht werden soll. Professor Dr. Stephan Becker, Koordinator des Schwerpunkts »Neu auftretende Infektionskrankheiten« im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, der an der Studie beteiligt ist, hofft, dass innerhalb von drei Monaten alle Daten gesammelt wurden, um einen Einsatz im Endemiegebiet zu ermöglichen. VSV-EBOV habe im Vergleich zum cAd3-EBOV-Impfstoff die Vorteile, dass von ihm nur eine Dosis nötig ist und er auch postexpositionell schützt.

 

Letzteres konnten Dr. Heinz Feldmann und Kollegen 2007 in einer Untersuchung zeigen. Sie setzten verschiedene Tierarten einer normalerweise tödlichen Dosis Ebola-Viren aus und injizierten ihnen einen Tag später eine Dosis der VSV-Vakzine. Die Über­lebensrate betrug je nach Tiermodell zwischen 50 und 100 Prozent, berichteten die Forscher im Fachjournal »PLOS Pathogens« (DOI: 10.1371/journal.ppat. 0030002).

 

Der Impfstoff werde in Hamburg in Phase I insgesamt 30 gesunden Freiwilligen gespritzt, um die Verträglichkeit und Immunogenität zu testen. In Phase II könnten bereits Tausende, vielleicht sogar Zehntausende Menschen in Afrika einbezogen werden, sagte Professor Dr. Klaus Cichutek, Leiter des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts in Langen auf einer Fachpressekonferenz in Frankfurt am Main. Diskutiert wird den Angaben zufolge unter Experten, ob Phase II angesichts der Epidemie in Westafrika übersprungen werden soll. Cichutek geht davon aus, dass 2015 die abschließenden Phase-III-Studien beginnen könnten: »Es geht voran – und schneller als gedacht.« Ziel ist es laut WHO, die Arbeit von zwei bis vier Jahren in wenigen Monaten zu erledigen, ohne die Sicherheitsstandards zu gefährden.

 

Bei der Planung zu Studien in Endemiegebieten sind noch einige Fragen offen. So muss zum Beispiel qualifiziertes Personal gefunden werden, das Untersuchungen nach internationalen Standards durchführen kann. Zudem bereitet die Logistik Probleme, da beide Impfstoffkandidaten bei minus 80 °C aufbewahrt werden müssen.

 

Ethisch oder nicht ethisch

Differenzen gibt es auch noch zum Aufbau der Studien, die normalerweise randomisiert und placebokontrolliert sind (randomised clinical trials, RCT). Einige Experten halten es angesichts der hohen Mortalität für unethisch, gegen Placebo zu testen. So schreiben Forscher um den Entdecker des Ebola-Virus Professor Dr. Peter Piot im Fachjournal »The Lancet«, dass eine Randomisierung dann ethisch wäre, wenn es eine Art Gleichgewicht gäbe: Wenn es nicht sicher wäre, ob eine Behandlung mehr Nutzen oder mehr Risiko habe. Bei einer Sterblichkeit von 70 Prozent, wie sie im aktuellen Ausbruch zu verzeichnen ist, wäre jede Hoffnung auf eine mögliche Wirksamkeit eines Präparates besser als keine. Die Forscher beziehen diese Aussagen auf Studien zu experimentellen Wirkstoffen, Vergleichbares gilt aber auch für Impfstoff-Studien.

 

Die Autoren fürchten zudem, dass die Bevölkerung in den betroffenen Ländern, deren Vertrauen in das Gesundheitssystem ohnehin erschüttert ist, nicht einwilligen werden, an Studien teilzunehmen, in denen sie möglicherweise keinen Impfstoff, sondern ein Placebo erhalten. Solche Studien könnten das Vertrauen in Ebola- Behandlungszentren untergraben, befürchten die Experten.

 

Robuste Daten nötig

 

In einem Experten-Meeting der WHO Ende September kamen die Teilnehmer zu dem Schluss, dass RCT das Mittel der Wahl seien, weil diese am schnellsten belastbare Daten lieferten. Man wisse schlichtweg nicht, ob ein Impfstoff beim Menschen tatsächlich wirke, auch wenn er gute Effekte in Tierversuchen gezeigt habe. Wenn in Feldversuchen, in denen der Wirkstoff ohne Placebogruppe eingesetzt werde, die Infektionsrate um die Hälfte sinke, könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Rückgang der Infektionsrate auf andere Faktoren, etwa das Abklingen der Epidemie, zurückzuführen sei. Ziel müsse sein, robuste Daten zur Wirksamkeit zu erhalten.

 

Das ließe sich aber auch mit alternativen Studiendesigns ermöglichen, wie etwa einem Stepped-Wedge-Design. Hierbei erhalten alle Teilnehmer im Verlauf der Studie die Intervention – allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Nach diesem Design könnte man die Personengruppe, die zu Beginn der Untersuchung geimpft werden, mit der Gruppe vergleichen, die zu einem späteren Zeitpunkt vakziniert würde. Im Hinblick auf die Tatsache, dass zu Beginn der Untersuchung ohnehin nur eine begrenzte Anzahl an Dosen verfügbar sein wird, ist dieses Modell ethisch vertretbar. Es wurde speziell für Situationen entwickelt, in denen angenommen wird, dass der Nutzen die Risiken überwiegt und in denen die Verfügbarkeit der Intervention limitiert ist. Unabhängig davon, welches Design gewählt wird, müssten die Untersuchungen so schnell wie möglich erfolgen, so das Fazit der WHO. Wie getestet wird, hängt auch von den Regierungen der betroffenen Länder ab, die klinische Studien genehmigen müssen.

 

Wettlauf mit der Zeit

 

Trotz der Eile könnten die Impfstoffe für die aktuelle Epidemie zu spät kommen. Wenn die Ausbreitung des Virus nicht durch Quarantänemaßnahmen deutlich verlangsamt werden kann, wird die Epidemie ihren Gipfel bereits erreicht haben, bevor relevante Mengen Impfstoff zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass zu diesem Zeitpunkt so viele Menschen bereits erkrankt und gestorben sind beziehungsweise überlebt haben und immun sind, dass die Zahl der Neuerkrankungen auch ohne Vakzine anfängt zu sinken.

 

Laut Berechnungen von Forschern um Professor Dr. John Edmunds von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, die auf dem WHO-Meeting präsentiert wurden, würde in Liberia dieser Gipfel im März beziehungsweise April 2015 erreicht, wenn auch relevante Dosen der Impfstoffe erwartet werden. In Sierra Leone wird den Angaben zufolge der Gipfel später – vermutlich im August 2015 erreicht. Die für Ende Dezember angekündigten 20.000 Dosen seien höchstens ausreichend, um medizinisches Personal in Sierra Leone und Guinea zu impfen, so die Forscher. Insgesamt werden für eine Massenimpfung der Bevölkerung in den betroffenen Ländern 30 bis 40 Millionen Dosen Impfstoff benötigt. /

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